David Byrne beim ROLLING STONE Talk im „Venue Berlin“: Ja, man kann die Welt verbessern

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David Byrne beim ROLLING STONE Talk im „Venue Berlin“: Ja, man kann die Welt verbessern

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Ein Song, da ist sich David Byrne sicher, kann die Menschen nicht verändern. Aber es gebe einige andere Dinge, die ihn und uns Hoffnung schöpfen lassen sollten, dass wir Menschen die massiven Probleme unserer Zeit bewältigen können. Vor zwei Jahren startete der ehemalige Sänger der Talking Heads, der Fahrrad-Tagebuchschreiber und Oscar-Gewinner, ein Projekt, das mit Musik im Grunde überhaupt nichts zu tun hat – und doch wieder sehr viel. Im „Venue Berlin“ stellte Byrne einige seiner zahlreichen „Reasons To Be Cheerful“ vor, benannt natürlich nach dem fast gleichnamigen Lied von Ian Dury.

Wer hätte gedacht, dass der außergewöhnlich ironiebegabte Sänger, der einst seine manischen Zustände und Zwänge in wild zuckende Lieder verwandelte, ein Utopist ist, der akribisch gute Nachrichten sammelt? Aber anstatt hintersinnig „Don’t Worry About The Government“ auszurufen, vertraut er dem aufmerksamen Publikum an, dass es schon heute genügend architektonische, kulturelle, technische Beispiele gebe, bei denen kluge Menschen in den verschiedensten Ländern gezeigt hätten, wie man es auch in unruhigen Zeiten besser machen könne. Versammelt auf einer Website, dargeboten von David Byrne höchstpersönlich.

Video: David Byrne im Venue

Selbst Lego hilft, die Welt zu verbessern

Als der Vortragende nahezu pünktlich beim ROLLING-STONE-Talk auf die Bühne sprintet, bleibt ein Zweifel: Kann dieser Mann, der einst im Fat Suit nervös amerikanische Fernsehprediger verulkte und in Interviews reichlich verdruckst um Worte ringt, tatsächlich eine halbstündige Lesung halten? Man kann sich das ja auf jeden Fall bei Roger Waters, Jimmy Page oder Brian May vorstellen. Aber Byrne kann es auch! Wenn auch mit jenen ungewollten Manierismen, die auch ein zerstreuter Professor an den Tag legt. Der Sprecher startet mit einer Power-Point-Präsentation, schaut immer wieder in seine Karten, zückt seine Brille und verscharrt sie wieder.

David Byrne ist dennoch gut vorbereitet. Hin und wieder lacht er herzlich und zugleich schüchtern, wenn er selbst auf einem der Fotos auftaucht. Wie ein Vater, der seinen Kindern eine Diashow zeigt, wo die Eltern früher im Urlaub unterwegs waren.

Es sind schöne, tatsächlich mutspendende Beispiele, die Byrne meist kurz anreißt. Er spricht vom Verkehr – und zeigt eine Fahrradautobahn in Vancouver, die half, CO2-Werte in der Stadt zu verringern. Er verhandelt das Klima und spricht von Windparks in der Nordsee bei Liverpool, in die der Klötzchenkonzern Lego investiert. Ein Bild mit protestierenden Trump-Gegnern ist dabei, ebenso eines aus Georgetown im Öl-Bundesstaat Texas, wo auch auf Windenergie gesetzt wird („weil die Leute dort rechnen und in die Zukunft schauen können“). Auch um die globale Gesundheit geht es Byrne – und er zeigt auf, wie bewusste finanzielle Unterstützung von Büchereien und kulturellen Einrichtungen in Portugal laut Statistik dazu führten, dass die Kriminalitätsrate sank und sich bei Schülern die Noten signifikant verbesserten.

… oder eben eine Band gründen

Im Laufe seiner Reise rund um die Welt habe er viele Gespräche geführt (die meisten Menschen begannen sie von sich aus, allerdings mit den Worten: „Ich hab da übrigens eine Band …“). Dabei habe er gelernt, dass Dinge besser werden können, weil sie an einigen Orten schon besser sind. Ein wenig schelmisch fragt ROLLING-STONE-Redakteur Maik Brüggemeyer, der durch den Abend führt, nach: Warum sollte man bei all den Schwierigkeiten um uns herum nicht einfach im Bett liegen bleiben? Byrnes Antwort ist nicht die eines kühlen Intellektuellen, als der er manchmal missverstanden wird, sondern die eines besorgten Optimisten, als den man ihn vielleicht endlich begreifen muss: „Menschen sollten sich nicht unter Druck gesetzt fühlen, Veränderungen anzustoßen. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, etwas zu tun. So kann man einer Wohltätigkeitsorganisation oder einer Partei beitreten. Oder eben eine Band gründen.“

Byrne tat einst letzteres, mag darüber aber heute nicht mehr so gerne sprechen. Die Songs seines neuen Albums „American Utopia“, sozusagen das künstlerische Komplement zu seinem humanitären, multimedialen Projekt, stimmt er nicht an. Er erhalte oft kritische Gegenstimmen bei seinen Vorträgen, sagt Byrne schließlich noch. Vor allem gebe es oft Widerspruch zu seiner Behauptung, Songs könnten die Menschen nicht verändern. Auch in Berlin wird protestiert. Da schwankt der Redner etwas und erzählt von Soap Operas in Indien, die den Menschen ein neues soziales und auch sexuelles Selbstverständnis schenkten. Auch eine gemeinsam von Israelis und Palästinensern gedrehte Dokumentation fällt ihm ein. Aber eben kein Song, kein Album, keine Band. Es ist der einzige Pessimismus, den sich David Byrne an diesem Abend gönnt.

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