Der einsame König – Ron Sexsmith im Gespräch

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Der einsame König – Ron Sexsmith im Gespräch

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Toronto im Winter. Es ist kalt, und es ist windig, und jeder, den man spricht, sagt, er würde gern wegziehen. Irgendwo anders hin. Wo es schöner ist und wärmer. Aber nicht alles ist schlecht in dieser grauen, kalten Stadt. Die Pancakes in Sadie’s Diner in der 504 Adelaide Street West zum Beispiel sind vorzüglich. Und im Radio läuft „Wrecking Ball“. Von Neil Young. Besser kann man einen Tag eigentlich nicht beginnen. Nirgendwo auf der Welt. Oder? „Das größte Erlebnis meines Lebens war mein Frühstück bei Paul McCartney zu Hause“, erzählt mein Gegenüber und greift zum Ahornsirup. „Er war noch im Schlafanzug, und ich traute mich nicht, ihn anzusprechen. Damals lebte Linda noch. Sie war glücklicherweise sehr zuvorkommend, und als Amerikanerin verstand sie was von oberflächlichem Small Talk. ,Oh, du kommst aus Kanada? Toll! Ich liebe Kanada!‘ Aber irgendwann holte Paul eine Gitarre und spielte ein neues Lied – ,Calico Skies‘ hieß es. Als er fertig war, schaute er mich an: ,Jetzt du.‘“

Es wäre für den pausbäckigen jungen Mann schon damals ein Leichtes gewesen, Maccas filigranes Liebeslied mit einem ebenso raffinierten, beatlesken und beseelten Song aus dem eigenen Repertoire zu kontern. Und es gibt nicht viele Songwriter, von denen man das sagen kann. Da es sich hier aber um einen von Selbstzweifeln geplagten und vor Bewunderung starren jungen Mann handelte, spielte er stattdessen McCartneys Hit „Listen To What The Man Said“, bei dem sein Gastgeber gleich die zweite Stimme übernahm, und das „Wings At The Speed Of Sound“-Juwel „Warm And Beautiful“, das McCartney völlig vergessen hatte – „toller Song! Ist der von dir? Von mir? Ach, echt?“

Die Selbstzweifel sind Ron Sexsmith geblieben. Sein Talent für Melodien auch. Pausbäckig ist er immer noch, doch der Schopf wird allmählich grau, und dunkle Augenringe lassen ihn wie einen schwer melancholischen Panda aussehen. Er ist mittlerweile 51, und Ende März erscheint sein 13. Album, „Carousel One“. Er hat schon viele Songwriter alter Schule getroffen, seit 1995 sein Debüt erschien. Mit Gordon Lightfoot ist er gut befreundet, Elton John schreibt Weihnachtsgrüße, er hing mit Randy Newman, Ray Davies, Elvis Costello, David Byrne, Joni Mitchell, Leonard Cohen und Paul Simon ab, und Bob Dylan spielte eines seiner Lieder in seiner Radioshow. Alle waren voll des Lobes über den jungen Kollegen, waren stolz wie Eltern, die diesen mitten ins Goldene Zeitalter des Songs hineingeborenen Wonneproppen mit ihren Liedern genährt hatten.

Konzerte in Schaufenstern

Bereits im Alter von 17 Jahren, zur Hochzeit des Punk, stand Sexsmith zweimal im Monat auf der Bühne der Lion Tavern in seiner Heimatstadt, St. Catharines am Lake Ontario, und gab die singende Jukebox. „Das war eine sehr gute Ausbildung“, sagt er heute. „Ich habe viele Songs gelernt, Leute haben mir Drinks ausgegeben, Mädchen haben mich zum ersten Mal wahrgenommen.“ Er habe seitdem ein sehr gutes Gedächtnis für Lieder. „Ich könnte einen ganzen Abend mit Dylan-Songs machen, ohne einmal den Text zu vergessen. Das Gleiche gilt für Leonard Cohen und all diese Leute.“ Dieses Wissen helfe ihm auch heute noch beim Schreiben.

Manchmal, wenn ich nicht weiterweiß, fällt mir etwas ein wie: Warte mal, Paul Simon ist doch auch mal von einem F zu einem Es gegangen, das kann ich ja eigentlich auch machen.

Sexsmith bekam pro Abend 100 kanadische Dollar Gage. Da er noch bei seinen Eltern wohnte und an den freien Tagen selten das Haus verließ, konnte er alles sparen. Als er ein bisschen Geld beisammenhatte, reiste er an die Westküste. Doch lange reichten die Ersparnisse nicht, er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Straßensänger und mit Konzerten in Schaufenstern von Fish-and-Chips-Läden in British Columbia und Halifax. Mit 21 wurde er Vater und ging zurück nach St. Catharines. „Als mein Sohn geboren wurde“, erzählt er, „habe ich plötzlich all diese Lieder geschrieben und dachte: Wow, ich bin ein Songwriter! Das war mir vorher nicht klar gewesen. Ich machte ein Kassettenalbum mit meinem Freund Kurt Swinghammer und schickte es an Island Records. Die hatten Interesse, sagten aber, ich müsste nach Toronto ziehen, sonst könnten sie nicht mit mir arbeiten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Umzug meiner Familie organisiert hatte. Als ich dann wieder anrief, um zu sagen: ,Ich bin jetzt hier‘, hatten sie kein Interesse mehr.“

Sexsmith arbeitete die folgenden sieben Jahre als Kurier und schrieb auf seinen Botengängen durch die Stadt im Kopf neue Lieder, die er abends auf den Straßen und in den Clubs spielte, auf Kassetten aufnahm und verkaufte. Eine dieser Kassetten, mit dem Titel „Grand Opera Lane“, wurde vom einstigen Keyboarder der kanadischen Country-Rock-Institution Blue Rodeo, Bob Wiseman, produziert und landete schließlich auf dem Schreibtisch von Ronny Vance, dem Chef von Interscope Records. Der bot Sexsmith einen Plattenvertrag an. „Ich war der einzige von all den Songwritern aus der Szene, der einen Vertrag bei einem großen Label bekam, was mich immer ein wenig mit Scham erfüllt“, sagt er, und wenn er nicht mit seinen Pancakes beschäftigt wäre, hätte er dabei wohl demütig zu Boden geschaut. „Die anderen waren einfach so viel besser als ich.

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