Der Pilz, Rockstar unter den Lebensmitteln
Wer den falschen Pilz isst, könnte sterben. Über den Fungi, der – sofern richtig ausgewählt – sehr lecker sein kann.
Pilze gehören zu den widersprüchlichsten Naturerzeugnissen, die ein Mensch sich in den Mund stecken kann. Als Nahrungsmittel sind sie seit der Antike geschätzt, als Rauschmittel und Visionsträger seit Jahrtausenden gefürchtet und verehrt. In ägyptischen Darstellungen gelten sie als „Speise der Götter“, im alten Rom waren sie Delikatesse und Gift zugleich, und der Knollenblätterpilz schrieb Weltgeschichte. Im Mittelalter wuchsen sie in Sagen zu Hexenringen und Teufelswerk – in Klostergärten dienten sie als Heilmittel gegen Melancholie oder Entzündungen.
Mit der Entdeckung psychoaktiver Arten wie Psilocybe mexicana rückte der Pilz im 20. Jahrhundert erneut ins Zentrum kultureller Debatten. Ethnobotaniker wie R. Gordon Wasson beschrieben in den fünfziger Jahren mazatekische Rituale, in denen „heilige Pilze“ als Sakrament dienten. Die Gegenkultur der Sechziger griff diese Praktiken auf, stilisierte den Pilz zum Symbol bewusstseinserweiternder Erfahrung. Zwischen Timothy Leary und Hippie-Ikonografie wurde er zur Projektionsfläche für Utopien. Die Forschung kriminalisierte ihn.
Parallel dazu blieb der Pilz natürlich stets Genussmittel. Sowohl im Luxus (Trüffel) als auch der Erdverbundenheit (japanische Matsutake-Zeremonien). Manche sehen im Pilz sogar den Hoffnungsträger einer überforderten Welt: als Fleischersatz, Lederalternative und Baustoff.



Also: Als Speise kann er lecker sein und als Psychedelikum Welten verschieben. Nur am Körper an juckenden Stellen möchte ihn keiner haben (und wer über eine Pilzwolke spricht, hat sogar den Weltuntergang im Sinn).
Der Bildband „The Gourmand’s Mushroom: A Collection of Stories & Recipes“ (Taschen) beleuchtet die Kulturkarriere des Pilzes, mit Gerichten über Mythologie und Toxikologie bis hin zur Raumfahrt. Die fotografierten, komplex anmutenden Strukturen lassen den Pilz bisweilen wie ein Kunstwerk erscheinen. Bilder und Essays stammen von u.a. Hieronymus Bosch, Beatrix Potter und der C.I.A.
Klingt so, als liege das Pilzthema schwer im Magen, aber das liegt bisweilen weniger an den Texten als den Rezepten, die hier versammelt sind. Ravioli mit Waldpilzen, anyone?
„The Gourmand’s Mushroom: A Collection of Stories & Recipes“
- Hardcover, 270 Seiten
- 40 €
- ISBN 9783965635063
- Englisch