Der Scherzroboter

In diversen Formaten verramscht die ARD den einst so brillanten Harald Schmidt. Er witzelt nur noch auf Sparflamme.

Sehr alte Menschen können sich vielleicht noch an den lustigen Harald Schmidt erinnern. Wenn sie es tun, dann schwärmen sie gerne von unglaublicher Schlagfertigkeit, von kabarettistischer Urgewalt, von einer großen Lästerzunge. So einer hätte aus dem Telefonbuch vorlesen können, sagen sie, und das Publikum wäre vor lauter Lachschmerz eingeknickt und hätte sich umgehend auf der Auslegeware gekugelt. Ja, so war er wohl, der lustige Harald Schmidt. Aber er war nicht nur der lustige Schmidt. Es war auch der ehrgeizige Schmidt, einer, der ein Ziel hatte, der noch etwas wollte, dem man anmerkte, dass ihn etwas trieb, das hinausging über die Erledigung der Stunden zwischen Bettflucht und Einlegen der nächtliche Kaugewalt mildernden Aufbiss-Schiene. Wer mit solchen Gedanken den Fernsehapparat einschaltet, stößt möglicherweise auf einen, der Harald Schmidt ähnlich sieht. Es ist ein Mann, der sich optisch zunehmend der grau bebrillten Silhouette von Außenminister Frank-Walter Steinmeier annähert und in etwa auch die Lustigkeit des SPD-Politikers ausstrahlt. Die ARD behauptet dann stets, dieser Mann sei Harald Schmidt. Sie tut so, als habe diese traurige Gestalt etwas zu tun mit dem brillanten Satiriker früher Tage.

In Wahrheit ist das, was die ARD als Harald Schmidt verkauft, nichts weiter als ein nach in WDR-Archiven aufgefundenen Plänen des frühen Schmidt erbauter Scherzroboter. Den gibt es übrigens nicht nur in einer Version, sondern gleich in diversen Ausgaben. Die braucht man alle, weil die einzelnen Modelle meist ziemlich schnell erlahmen und allenfalls noch für eine Distanz von zehn Minuten Witz absondern können.

Was verschwiegen wird und allenfalls erfahrenen Verschwörungstheoretikern geläufig sein dürfte, ist nämlich die Tatsache, dass der lustige Harald Schmidt niemals von seiner Weltreise zurückgekehrt ist. Von Anke Engelke als Gott der Late Night verabschiedet, vom Feuilleton unisono beweint, sah er kaum eine Möglichkeit für eine würdevolle Rückkehr. Er hatte alles erreicht. Was sollte da noch kommen. Eine auch für einen Zyniker bittere Erkenntnis, weshalb man ihn an einem neuseeländischen Strand sah, wie er Kierkegaard rezitierte. „Ich komme soeben aus einer Gesellschaft, deren Mittelpunkt ich war. Die Witzworte strömten von meinen Lippen. Alles bewunderte mich. Und ich, ich ging hinaus und ——der Gedankenstrich muss so lang sein wie die Radien der Erdbahn ——, ich ging hinaus und wollte mich erschießen.“ Als er damit fertig war, schnitt er sich die Pulsadern auf und entschwand in den Fluten. Was später auf dem Schirm erschien, war mehr oder weniger eine Erscheinung, eine Art missglückter Widergeburt, ein öffentlich-rechtlich durchwirktes Wunschprodukt mit den handelsüblichen Fehlern. Allerdings eines, das perfekt ans System angepasst war. Das wurde deutlich, als die Schmidt-Figur einmal bei Sabine Christiansen sitzen und über die Befindlichkeit der Republik schwadronieren durfte. Da plauderte der Mann, der Schmidt sein soll, aus, wie die ARD-Oberen ihm hatten ausrichten lassen, sie sähen es gerne, würde er bei der „Du bist Deutschland“-Kampagne mittun. Das sei ein Angebot gewesen, das er, als jemand, der alle Folgen des „Paten“ im Schrank habe, nicht habe ablehnen können, berichtete er.

Natürlich war das mit der Kampagne nur der Anfang. In der Folge wurde das Schmidt-Modell durchgereicht nach ganz unten. Er musste in Werbespots fürs Haus als Dirigent auftreten, musste Politmagazine mit manieriertem Auftreten beglücken und auch das Erscheinen dicklicher Sportreporter durch seine Anwesenheit veredeln. Letzteres gelang herausragend, weil die Zuschauer von Sportsendungen hierzulande über Jahre gelernt haben, ihre Ansprüche auf allerunterstem Niveau einzupendeln. Nur so kann schließlich der Erfolg all der Beck– und Hartmänner erklärt werden.

Wird das Schmidt-Modell mal nicht als Gelegenheitsgast gebraucht, darf es mittwochs und donnerstags eine eigene Show moderieren. Die heißt in Erinnerung an einen großen Künstler „Harald Schmidt“, enthält aber lediglich einen greisen Wortverweser auf Altersteilzeit, dem offenbar vor allem eine Aufgabe ins System programmiert wurde: Batterie sparen. Das Ergebnis ist bekannt: Schale Witzchen gepaart mit unendlicher Lustlosigkeit und öffentlich vorgetragenem Desinteresse an allem. Aussagen von Belang müssen dabei tunlichst vermieden werden, da das aktuelle Schmidt-Modell auf solche Belastungen nicht ausgelegt ist, hat man doch bei der Konstruktion vergessen, ihn mit einem Rückgrat auszustatten.

So murmelt er allwöchentlich vor sich hin. tut so, als wäre er witzig, und lacht meist selbst am lautesten. In Wahrheit lacht er natürlich über die Zuschauer, die sich so etwas bieten lassen.

Nur ab und an passiert es mal, dass ein paar alte Menschen alle Kraft zusammennehmen und die lange Reise nach Neuseeland antreten. Dort stehen sie dann just an jenem Strand, an dem sich ihr Held einst verabschiedete. Sie übergeben den Wellen ein paar Blumen und Zettelchen mit einst notierten Gags. Wenn das dann alles langsam verschwimmt, seufzen sie lang, und manche klagen gar laut: „Ach, Harry.“

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