Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist tot


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Man wusste, dass der Tag kommen würde. Sehr bald. Und doch ist es ein Schock. Wolfgang Herrndorf ist in Berlin gestorben. In seinem Blog „Arbeit und Struktur“ hat er in den letzten drei Jahren über sein Leben nach der Diagnose eines bösartigen Hirntumors berichtet. Über Operationen und Psychiatrieaufenthalte, Fußballspiele und Schwimmen im Plötzensee, übers Schreiben und die im Krankheitsverlauf zunehmende Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden.

Er wusste, dass seine Zeit begrenzt war, und entschloss sich direkt nach der Diagnose, ein altes, verworfenes, aber schnell fertigzustellendes Romanprojekt zu vollenden. In kürzester Zeit schrieb und veröffentlichte er die melancholisch-komische Road-Novel „Tschick“, die zum Bestseller wurde. Das kam nicht nur für ihn, den Autor bisher eher mäßig erfolgreicher Bücher wie dem wundervoll lakonischen Coming-of-Middle-Age-Debüt „In Plüschgewittern“ und der klugen Erzählungssammlung „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“, überraschend.

Die Arbeit half ihm, mit seinem Schicksal fertig zu werden, gab seinen Tagen Struktur. Er rang sich noch einen Roman ab – „Sand“, eine zur Zeit der Olympischen Spiele 1972 in der nordafrikanischen Wüste spielende irrwitzige Agentenklamotte. Meisterlich setzte er hier seine Symptome – die Kopfschmerzen, die epileptischen Anfälle und Gedächtnislücken – als literarische Mittel ein und erhielt dafür später den Preis der Leipziger Buchmesse. „Man möchte Wolfgang Herrndorf eine Lastwagenladung Sand oben in seine Lebensuhr füllen“, schloss die euphorische Besprechung des Romans seinerzeit im Rolling Stone. Nun ist das letzte Körnchen durchgelaufen. Wolfgang Herrndorf wurde 48 Jahre alt.