Der Stoff, aus dem die Indie-Legenden sind: Pavement veröffentlichen ‚Crooked Rain, Crooked Rain‘


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Aus ROLLING STONE 12/2004

Pavement – Crooked Rain, Crooked Rain (Deluxe Edition)

Dass „Crooked Rain, Crooked Rain“ im März 1994 bis auf Platz 121 der amerikanischen „Billboard“-Hitparade kam, darf man getrost als Sensation betrachten. Das war zwar kein so programmatisches und radikales Lo-Fi-Statement wie „Slanted & Enchanted“, aber das mit dem „Klingt wie ABBA nach ’nem Kilo Gras“, unlängst im Jubiläums-Special anlässlich der „500 besten Alben aller Zeiten“ so formuliert, ist dann wohl doch eher ein salopper Scherz. Denn um stark radiotaugliche Popmusik handelte es sich zweifellos nicht.

Andererseits: Wer sich nach dem längeren Intro zu „Silence Kit“ bei der Melodie an Buddy Hollys „Everyday“ erinnert fühlte, hatte richtig gehört. Vom Gitarren-Tuning und -Sound her hätte „Stop Breathin'“ glatt ein Outtake aus der dritten Velvet-Underground-LP sein können. „Cut Your Hair“ war vielleicht das, was Malkmus & Co. unter prima Power-Pop verstanden. „Gold Soundz“ klang gar wie herzallerliebster Weltergewichts-Pop, „5-4:Unity“ wie dieser Progressiv-Jazz-Rock aus den späten 60er Jahren (oder eine Parodie auf denselben?), „Range Life“ wie Country-Rock der schlichteren Denkungsart (oder vielleicht doch wie eine hämische Parodie, wenn man die nicht so feinen Bemerkungen über die Stone Temple Pilots mit ins Kalkül zieht?). Noch so eine – unfreiwillige? – Hommage an die Velvet Underground war am Ende das gut sechsminütige Drogen-Lamento mit dem Titel „Fillmore Jive“ – Malkmus sich in die Rolle von jemandem spielend, der sich nach einem schlechten Trip nur noch danach sehnt, endlich schlafen zu können. Auch eine Hommage an die Fillmore-Läden.

Die Fans, die dies nachmalige Kult-Teil des Indie-Rock in England bis auf Platz 15 der Hitparade kauften, waren vermutlich davon überzeugt, dass hier irgendwo die Rockmusik neu erfunden worden war. Aber im Vergleich zu dem, was ein Vierteljahrhundert zuvor ein Captain Beefheart mit seiner Magic Band bei den Sessions zu „Trout Mask Replica“ oder Jimi Hendrix bei denen zu „Electric Ladyland“ alles voll konzentriert ausprobiert hatten, klang dies Dutzend Aufnahmen doch eher wie nette, manchmal leider auch undiszipliniert hingerotzte Pop- und Rockmusik. Und dann wieder wie ein großer Abgesang: auf Rock’n’Roll als Drogenkultur, auf die Vermarktung von Grunge, auf weit erfolgreichere Kollegen wie die Smashing Pumpkins. Malkmus sich auch mal bemitleidend. Nur dass die Botschaften so nonchalant in den Klangraum gestellt – und Malkmus hatte ja einige Botschaften, die er unbedingt transportieren wollte – nicht immer in der angestrebten Deutlichkeit ankamen. Er hätte vielleicht einen Brief schicken sollen.

Bei den gut zwei Dutzend Studioaufnahmen der neuen Luxus-Edition darf man über die tiefere Bedeutung auch des öfteren rätseln. Manche davon sind – „Strings Of Nashville“ etwa – nur knappe Skizzen, andere so in jeder Hinsicht hochkarätig gelungen, dass man sich fragt, warum sie verworfen wurden. Gilt insbesondere für die noch mit Drummer Gary Young aufgenommenen, die man mit Steve West am Schlagzeug weithin noch einmal einspielte. Für einige der 13 Session-Outtakes auf der zweiten CD auch. Da wird man manchmal den Verdacht nicht los, dass Malkmus Songs nicht zu Ende schrieb, weil er schlicht zu faul war.

Ein Plagiat ist aber unverkennbar „Colorado“. Bei dieser Skizze stand klar die geniale Musik Pate, die John Carpenter für sein Meisterwerk „Assault On Precinct 13“ komponiert hatte. Das exakte Gegenteil von hingeschludert waren die Peel-Sessions vom Februar 1994, hier erstmals veröffentlicht. Bei diesen vier Songs kann man die Band zum Schluss eine knappe Viertelstunde lang in richtig großer Form bewundern. Der Stoff, von dem diese Indie-Legende lebt.

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