Pavement und Stephen Malkmus: Die besten und wichtigsten Alben im Ranking

Der Chef von Pave­ment wurde in den 90er­Jahren als genialischer Ober­slacker berühmt – aber auch als Solomusiker ist Stephen Malkmus für etliche Überra­schungen gut. Ein Überblick über die Diskografie

Essenziell

Pavement – Crooked Rain, Crooked Rain (1994)

Kurt Cobain war tot, Sonic Youth zu alt und Beck zu jung. Stephen Malkmus und Pavement füllten im letztmöglichen Jahr, bevor alle über Slacker nur noch Witze machten, die Generation-X- Lücke, parallel im Kino von Regisseur Kevin Smiths „Clerks“ besetzt. Das zweite Album ist ein moderner Klassiker, trotz – oder wegen? – eines bisweilen inszeniert wirkenden Laissez-faire samt verstimmten Gitarren und verschlepptem Schlagzeug. „Cut Your Hair“ ist auch ein Abgesang auf die Ästhetik des Grunge, entscheidend aber sind die bewusst pubertär gehaltenen Weltschmerz- Stücke „Stop Breathin“, der der Ex-Geliebten den Tod wünscht, sowie das nihilistische „Gold Soundz“, missverstanden als Ironie, vielmehr ernster Ausdruck von Beziehungslangeweile. Der Country-Pop von „Range Life“ begründete eine bis heute anhaltende Fehde mit Billy Corgan, dessen Smashing Pumpkins in dem Song das Existenzrecht abgesprochen wird: „I don’t understand what they mean, and I could really give a fuck.“

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Pavement – Brighten The Corners (1997)

Auf der Reunion-Tour 2022 stellte sich dieses Album als ihr liebstes heraus, an manchen Abenden führten Pavement es nahezu in Gänze auf. Von der aufgekratzten Single „Stereo“ mit der tollen Auftaktzeile „Pigs, they tend to wiggle when they walk“ abgesehen, ist dies ihre besinnlichste, fast schon Westcoast-Laid-back-artigste Platte. Ein Landschaftsalbum. „Shady Lane“ be-schreibt den Wunsch nach Rückzug ins Private, während „Embassy Row“ in die Ferne schweift. Der von Tortoise beeinflusste Post-Rock von „Blue Hawaiian“ ist ihr melancholisches Bravourstück: „Aloha means goodbye, and also hello – it’s in how you inflect.“ Letztmals brachte Scott Kannberg als Co-Sänger zwei Lieder ein, ebenfalls über (Alltags-)Flucht: „Date w/ IKEA“ sowie „Passat Dream“, das sich leider nicht um die Sehnsucht nach einem Aufstieg in atmosphärische Strömungen dreht, sondern um Autoerwerb als Karriereziel.

Pavement – Terror Twilight (1999)

Malkmus interessierte sich 1999 zunehmend für Pop-Rock und weniger für Alternative, Blues und Noise. Produzent Nigel Godrich verstand das, Malkmus’ vier Mitmusiker weniger. „Terror Twilight“ klingt wie ein Vorgänger des Soloalbums „Stephen Malkmus“ von 2001. Es ist erstaunlich, dass ein Kollektiv zerbricht, weil Songs nicht mehr kompliziert, voller gegenläufiger Ideen sind, sondern das Gegenteil: stromlinienförmig von der Strophe bis zum Refrain. Und so ist denn auch der „Folk Jam“ betitelte „Jam“ kein Jam. Malkmus nahm das Streichholz aus dem Mund, erschien frei von Zynismus und sang verständlich, wenngleich er sein Stream-of-Consciousness-Prinzip beibehielt. „The Hexx“ enthält mit „Architecture students are like virgins/ With an itch they cannot scratch/ Never build a building till you’re fifty/ What kind of life is that?“ die vielleicht grandioseste von Malkmus’ unzähligen grandiosen, assoziativen Dichtungen. Kaum verhallen die Worte, spielt er ein unpassendes, widersprüchliches, aber dadurch nur umso passenderes Gitarrensolo, das die Knappheit Eric Claptons mit der sexualisierten Euphorie von Prince vereint.

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Stephen Malkmus – Stephen Malkmus (2001)

Das hervorragende Solodebüt als aufrichtiges „Here I am“- Statement: nach ihm selbst benannt und das erste Cover, auf dem er sein Gesicht zeigt. Soll Malkmus bloß nicht behaupten, er habe kein Star werden wollen: „Stephen Malkmus“ präsentiert die opulenteste aller seiner Produktionen und mit „Jo Jo’s Jacket“ zwar einen Song, der sich um eine ganz bestimmte Hollywood-Karriere trotz Glatzkopf (die von Yul Brynner) dreht, aber sicherheitshalber den Chor des Hits „Cut Your Hair“ kopiert. Herrliche Legenden über griechische Götter („Trojan Curfew“), eigenwillige Huskys („Phantasies“), Piraten („The Hook“) und Dire-Straits- Fans, die bekommen, was sie verdienen („Jenny & The Ess- Dog“). Ein Geschichtenerzähler, der nicht von sich selbst erzählt.

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Lohnend

Pavement – Slanted and Enchanted (1992)

Wie „The Velvet Underground & Nico“ ist auch der Pavement- Erstling ein trotz seines miserablen Sounds innig geliebtes Debüt – weil die Songs stärker sind als das, was im Klangbild nur noch mit gutem Willen als Rauschen, Rumpeln oder Dumpfhall durchgeht. Zum ersten und einzigen Mal stand der Schlagzeuger Gary Young im Vordergrund, seine scheppernden Felle übertönen vieles. Wenig später wurde er gefeuert. Ach, vielleicht wird „Slanted And Enchanted“ ja wegen seiner Aufnahmequalität so geliebt. Malkmus waren die Dinge nicht gleichgültig, aber er schrie, wenn überhaupt, weil alle anderen nicht ganz so helle waren wie er. Nur manchmal tat er so, als wären ihm die Dinge egal – auch wenn er heute sagt, dass „Slanted And Enchanted“ seine beste Platte sei. Lauter Lieder über Selbstabwertung im Zuge einer Trennung.

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Pavement – Wowee Zowee (1995)

Kontraintuition bis hin zur in Indie-Kreisen bewahrten „Verweigerungshaltung“: Anstatt die Hymnen von „Crooked Rain“ weiterzuentwickeln, präsentierten Pavement skizzenhafte 18 Songs, die voller sehr guter Ideen stecken und sich nur gelegentlich nicht zu guten Songs fügen. Gelungen ist das Smiths’sche „Grave Architecture“; „Father To A Sister Of Thought“ erinnert an Gram Parsons. Sechs Songs weniger, darunter der Verzicht auf die Single „Rattled By The Rush“, und die weitere Top-Karriere wäre geritzt gewesen.

Stephen Malkmus And The Jicks – Sparkle Hard (2018)

Ein Comeback nach vier Jahren Pause und sein überzeugendstes Werk seit „Stephen Malk­mus“. Eine Song-Kollektion wie ein Best-of der Sounds, Arrangements und Themen seines Lebens: ein Folkpop-Duett mit Kim Gordon („Refute“) – für sie wahrscheinlich die prominenteste Bühne seit der Auflösung von Sonic Youth; ein Song über den rassistischen Mord an Freddie Gray durch US-Polizisten („Bike Lane“); und mit „Middle America“ ein swingender, aber ehrlicher Kommentar zu #MeToo: „Men are scum, I won’t deny.“

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Ergänzend

Stephen Malkmus – Face The Truth (2005)

„Groove Denied“ von 2019 wird als seine experimentelle Dancefloor-Arbeit gefeiert, aber die Grundlagen schuf Malkmus bereits hier: Mit „Pencil Rot“ und „Kindling For The Master“ probiert er sich an Funk. Die besten Stücke sind trotzdem „Mama“ und „Baby C’mon“, zwei rockige Plädoyers für Häuslichkeit und die Gründung einer Familie.

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Stephen J. Malkmus: Traditional Techniques (2020)

Eine Psychedelic-Folk-Platte als Kontrast zum Electro von „Groove Denied“ mit satanischen Lagerfeuerliedern wie „Xian Man“ und Matt Sweeney als Co-Sänger. Das beste, „Juliefuckingette“, ist nur auf der japanischen Edition.

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Schwächer

Stephen Malkmus And The Jicks – Mirror Traffic (2011)

Gipfeltreffen der Neunziger-Helden! Beck hat produziert – und wird gewusst haben, weshalb er nicht mitsingt. Bis auf den Anti-Republikaner-Song „Senator“, die Byrds-Reminiszenz „Fall Away“ und den Punk-Zweiminüter „Tune Grief“ nur zahmer Pop. „Long Hard Book“ klingt so erschöpfend, wie sich sein Songtitel liest.

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MUSICAL

„Slanted! Enchanted! A Pavement Musical“

Ein dreitägiger Off-Broadway-Workshop von 2022, der even- tuell fortgesetzt wird. Die Kollegen vom US-ROLLING-STONE schrieben: „Was könnte den Geist der Musik von Pavement besser zusammenfassen als sieben Weihnachtsmänner, die zum Gitarrenbreak von ‚Gold Soundz‘ stepptanzen? Oder ein Team von Theaterkindern, die Jazzhands machen, wäh- rend sie alle ‚Shady Lane‘ singen? Oder ‚AT&T‘ in einen stiefelschwingenden Linedance verwandeln, komplett mit Cowboyhüten und Yeee-Haws? ‚Slanted! Enchanted! A Pavement Musical‘ ist all das und noch viel mehr.“

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