1. Bob Dylan – „Tempest“
Die Komitees von Exegeten und Hermeneutikern, Musikologen und Mystikern, Propheten und Astrologen hatten in diesem Jahr einen ganz besonderen Freudentag: Am 7. September erschien das neue Album von Bob Dylan. Nicht gerade ein Spektakel für die Generation
Rihanna, aber Männern über 40 ging das Herz auf wie immer, wenn der alte Quengler neue Songs veröffentlicht. Wobei Dylans Lieder so frisch klingen wie eine Radio-Übertragung von Bob Wills und den Texas Playboys aus dem Jahr 1943. Anheimelnd also.
Die entrückte Putte auf dem Cover wurde vorab als „onanierender Engel“ interpretiert – das dürfte Dylan gefreut haben, wenn es auch keine Absicht war. Schwungvoll hat ein Grafikschüler „Tempest“ darüber geschmiert. Auf der Cover-Rückseite sitzt His Bobness am Steuer eines alten Sportwagens – hat jemand der in den vergangenen Jahren zunehmenden Mobilität des Songschreibers nachgespürt? Ehrlich, ich habe den „babylonischen König Belsazar“, dem „Jahwe im Siegesbankett den Finger zeigt“, nicht gefunden. Dass Dylan das Arrangement von „Narrow Way“ schon „für seine Version des Blues-Songs ,Someday Baby‘ verwendet hat“ – und wenn schon! Es ist eben das Arrangement, das Dylan immer mal wieder für ein knarziges Stück verwendet. Er würde sagen: Es ist gar kein Arrangement.
Natürlich ist die Platte trotzdem ergötzlich – schon weil die Songs immer länger werden, Narrationen fast vom Ausmaß von „Highlands“, musikalisch repetitiv und, so weit man etwas verstehen kann, lyrisch sehr lustig. „Long And Wasted Years“ ist so ein Lied, in dem Dylan Stanzen wie „Last night I heard you talking in your sleep“ und „I ain’t seen my family in 20 years“ und „We cried because our souls were torn“ mit seiner aufreizenden „Ballad Of A Thin Man“-Stimme deklamiert. Und dann kommen erst die Brecher. Das gekrächzte „Pay In Blood“, ein Western, und „Scarlet Town“ und „Tin Angel“ und „Roll On John“, ein anlassloses Lied über John Lennon. „Tempest“, der Titelsong, ist ein Poem über den Untergang der „Titanic“ – mit der Pointe, dass der Dampfer ja nicht in einem Sturm, sondern bei spiegelglatter See in den Hades fuhr. Sehr richtig stellte der Dichter dazu fest, dass seine Fantasie nicht an die tatsächlichen Ereignisse gebunden sei. Leonardo DiCaprio war auch nicht Passagier auf dem Schiff – aber der Schauspieler sagt in dem Film von James Cameron Sätze wie „If you got nothin’, you got nothin’ to lose“ und gibt sich auch sonst dylanesk.
Nur dass Dylan schon lange woanders ist, irgendwo im Alten Testament, in Legenden vom Westen, in Geschichtsbüchern und Zeitungen aus dem Sezessionskrieg. Im Grunde schreibt er heute die Folk-Blues-Songs, denen er 1964 abgeschworen hatte – allerdings als ein sehr unzuverlässiger Erzähler, dem es nicht auf Authentizität und Wirkung ankommt. Vielleicht auch wie Walt Whitman, der den Körper elektrisch sang und Amerika in seinen Versen erst aus der Taufe hob. Das alte, unheimliche Amerika liegt in diesen Liedern, die so offenkundig der Bibel, den Schauermärchen und Moritaten entlehnt sind: Amerika, eine Fiktion. Glaubt keinem Sänger!
Bloß „Tempest“, das späte Stück von William Shakespeare, wurde von den Deutern verblüffend selten herangezogen. Weiß der Teufel, auch ich hatte das Büchlein gekauft und geblättert, einen Hinweis gesucht, eine Verbindung zu Dylan, Sentenzen für den Engel, fürs Blut, für die Könige und die verschwendeten
Jahre. Fand aber nichts.
Bester Song: „Tin Angel“