Die Rolling Stones in der Berliner Waldbühne: Kraft, Druck, Herrlichkeit – keine Chance für ‚Angie‘


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Ein Konzert der Rolling Stones ist natürlich ein Ereignis. Auch wenn ihr erster Auftritt in Deutschland seit sieben Jahren mit einem vergurkten Riff begann: Keith Richards langt bei „Start Me Up“ schön daneben. Und gleich merkt man: Klar, der darf das. Er ist das anarchische Element einer ansonsten routiniert aufspielenden Gruppe, die nichts weniger ist als die dienstälteste und legendärste Rockband der Welt.

Im Publikum in der Waldbühne dominieren die Best Ager, und auch sie haben Smartphones, mit denen sie Erinnerungen für die Lieben daheim festhalten. Aber immerhin: geschätzt jeder 12. scheint unter 50 zu sein – und Mick Jagger gefühlt fast der Jüngste. Nicht gerade ein Fohlen, aber noch immer tobt der 70-Jährige über die Bühne wie ein junges, sehniges Pferd, federt den ganzen, weit ins Publikum ragenden Laufsteg bis an Ende und zurück, während der zunächst spiegelbebrillte Keith Richards stoisch und erkennbar mit Spaß seine Gichtfinger über die Saiten treibt. Herrlich. Die ersten Songs rumpeln noch ein wenig daher, das schwache Spätwerk „You Got Me Rockin“, das hübsche „Tumbling Dice“. „Angie“, das bei ihren ersten Europa-Konzerten immer gespielt wurde, lassen die Stones in Berlin weg – kann man natürlich deuten, genau wie den humoristischen Seitenhieb auf die Scorpions: Jagger erzählt, man habe „Wind Of Change“ eingeübt – worauf das Publikum ihn brav auspfeift – könne es nun aber doch nicht spielen – worauf das Publikum brav applaudiert. Stattdessen gibt’s das von ihnen nur sehr selten dargebotene „Waiting On A Friend“ und eine schlappe Version von „Get Off Of My Cloud“.

Überhaupt: Seltsam drucklos und mitunter etwas fahrig wirken die Rolling Stones im ersten Drittel ihres Sets, darüber können auch die „Honky Tonk Women“ begleitenden Begeisterungsstürme nicht hinwegtäuschen. Richtig gut, gar grandios wird das Konzert erst, als Mick Taylor zu „Midnight Rambler“ auf die Bühne kommt und sich die Band mit ihrem ehemaligen und wohl besten Gitarristen in eine ausufernde Blues-Jam versteigt. Ein Hohelied der Gitarre, wunderbar! Rhythm’n’Blues, wenn es ihn denn gibt, hier ist er. Darauf gelingt ihnen prompt ein mitreißendes „Miss You“ und ein wie ein Orkan daher stürmendes „Jumpin’ Jack Flash“. Jetzt ist alles da: Druck, Kraft, Herrlichkeit. Und auch wenn Keith Richards Gitarre bei „Gimme Shelter“ nicht mehr so bedrohlich geisterhaft klingt wie man sie erinnert, spürt  man doch in jedem Moment, was für ein überragender, unzerstörbarer Song es ist. Überhaupt Keith Richards. Er hat Jagger zwei eigene Songs abgepresst, bei denen der Sänger Päuschen macht und Richards euphorisch vom Publikum gefeiert erst einen Joint durchzieht und dann den warmen Blues „You Got The Silver“ singt. Schöner Moment. Es stört auch nicht wirklich, dass Richards echt kein Sänger ist.

Dann, ganz am Ende, kommen noch mal die Scorpions ins Spiel. Als Jagger zur Zugabe mit unvorteilhaft schräg auf dem Kopf sitzenden Käppi zurück auf die Bühne kommt, sieht er doch tatsächlich ein bisschen aus wie Klaus Meine. Und seltsamerweise schließt sich hier der Kreis – wie den Anfang des über weite Strecken wunderbaren Konzerts vergeigen die Stones auch den Schluss: Das notorische „(I Can’t Get No) Satisfaction“ donnert zugebrüllt und zergniedelt durch das mit Feuerwerkskörpern illuminierte Berliner Rund, dass man den Kopf einziehen möchte. Aber, what the fuck, es sind die Stones! Keine Holografien, sondern echte, fitte, legendäre Typen des Rock’n’Roll.