Die Sterne: „Dancfloor ist keine Utopie, sondern eine vorübergehende Erlösung“


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Wie ein konformer Spießbürger sieht er mittlerweile aus. Frank Spilker, Sänger und Texter der Sterne, zupft sich, sein zu einer Art Krawatte gebundenes Halstuch zu recht, der Kragen des Hemdes ist mit harter Kante gebügelt und passt vorzüglich zum blaukarierten Pullover.

Das neue Album der Sterne, „24/7“, ist ein funkelndes Manifest gegen die Eigenversklavung der Gesellschaft, gegen Casting-Shows und die Mentalität des ständigen Verfügbarseins. Seine Kleidung scheint mehr Camouflage als Mimikry zu sein. Für den Angriff könnten die Sterne trotzdem auf die Tarnung verzichten, gehören sie doch zu den lyrisch und musikalisch zielsichersten Bands Deutschlands.

„Wir sind der Convenience Shop/ Und wir haben für dich auf/ 24/7“, heißt es im Stück „Convenience Shop“. Immer verfügbar, allzeit bereit zu arbeiten, zu konsumieren, so muss der Mensch heute sein, er verkommt zur Ware im Discounter. „Es wird aus dem ‚Kann‘ ein ‚Muss'“, beschreibt Frank Spilker den Status Quo. „Anfangs konnte man 24 Stunden einkaufen, jetzt muss man es wahrscheinlich. Im Zuge der Bemühungen, jedwedes Geschäft möglichst effektiv zu machen und auch die Menschen effektiv funktionieren zu lassen, wird der Druck immer größer und natürlich auch die Gefahr sich zu entwürdigen. Das ist die größte Gefahr der Zeit, in der wir leben: Die Würde zu verlieren. Aus Existenzgründen wird man zu mehr Sklavenarbeit gezwungen.“

Die Gesellschaft trage zu dieser Entwürdigung aber einen erheblichen Teil selbst bei. Durch Sendeformate wie „DSDS“ oder „Germany’s Next Topmodel“, scheinen Ruhm, Erfolg und schließlich das große Glück auch für sonst perspektivlose Menschen erreichbar. Um in diese höheren Sphären zu kommen, werfen sie jegliches Scham- und Würdegefühl über Bord. „Ich find es grauenvoll, dass meine Kinder mit so etwas aufwachsen und ich ihnen immer erklären muss, dass es eben nicht so ist. Beziehungsweise, dass ein ganz schlimmes Menschenbild dahinter steckt. Es ist für mich die größte Falle in den Medien, dass diese Casting-Shows eine gesellschaftliche Akzeptanz und Normalität genießen. Eigentlich müsste jeden Tag Amnesty International anklopfen“, ärgert sich der Texter der Sterne. Zum Stirnrunzeln, zum Hinterfragen ist vielen zu Mute. Die Frage: „Will ich das meine Kinder so aufwachsen?“ scheint tatsächlich angebracht.

Ein möglicher Ausweg, vielmehr eine Bewältigungsstrategie, scheint der Gang in die Disco. „Wohin zur Hölle mit den Depressionen/ Ich geh in die Disco, ich will da wohnen“, schallt es im Opener „Depressionen aus der Hölle“ aus den Boxen. In der Disco zu wohnen sei natürlich furchtbar dumm, gibt Spilker zu bedenken, aber es formuliert den Wunsch nach einem Gegenentwurf, zur Arbeit, zum Druck des Alltags. „Der Eskapismus in der Disco sucht nach einem Druckventil. Zum 50. Geburtstag von Madonna sollte ich für eine Zeitschrift einen Text schreiben, dadurch habe ich mich in die Danceteria-Szene der frühen 80er in New York reingedacht. Unser Tourbegleiter hat uns einmal durch New York geführt, er hat dieses Gefühl früher gelebt. Er führte uns zu bestimmen Orten der schwulen Untergrundkultur New Yorks. Dadurch habe ich viele Texte von Madonna erst verstanden, die diese Kultur aufgesogen und vermarktet hat. Es steckt in jedem Texte von Madonna ein ‚9-to-5‘ und ‚Supression‘, ein Stress der dann ausgeglichen wird mit ‚Holiday‘ und ‚Dancefloor‘. Der Dancefloor ist keine Utopie sondern eine vorübergehende Erlösung, dadurch bleibt die Musik kritisch und verendet nicht in der Oberflächlichkeit.“

Eine andere Variante der Problemlösung, oder zumindest eine Möglichkeit es zu ertragen, stellt das Besinnen auf eigentlich spießbürgerliche Werte und Tugenden da. Das einzige akustische Lied der neuen Platten heißt „Ein Glück“ und formuliert die „kleinen“ Wünsche eines Jeden. Die Erfüllung dieser Wünsche ist aber zwingend notwendig um Glück zu erfahren. „Es geht nicht um große Erlösungsversprechen, es geht darum, ein Mal genügend Geld auf dem Konto zu haben, und eben nicht zu erschrecken wenn man in den Spiegel schaut. ‚Ficken ohne Kondom‘ ist deswegen die Schlüsselzeile, weil dahinter der Wunsch nach einer festen Beziehung steht, das ist für mich das größte Glück.“

Jetzt passen Hemd, Pullover und Halstuch wieder zu Frank Spilker – nicht aber, ohne selbstironisch aufzublitzen.

Frederic Schwilden

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