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Kritik zu „Dogs of Berlin“: Willkommen in der Finsterwelt

In der zweiten minute gibt es gleich mal eine saftige Sex­szene. Die wird dann allerdings davon unterbrochen, dass ein Kind reinkommt, und danach noch ein Anruf. Der Kommissar wirft sich schnell was über und rennt mit einem Baby im Arm zum Tatort. Ein türkischstämmiger Fußballstar wurde ermordet, am nächsten Tag sollte er eigentlich die deutsche Nationalmannschaft bei einem wichtigen Spiel retten. Kurt Grimmer (Felix Kramer) schwant Böses. Wenn jetzt die „Medienwichser“ darauf aufmerksam werden, dann gibt es einen „Rassenkrieg“! Dass er die Ermittlungen nun verschleppt und erst mal alles unterm Deckel hält, hat allerdings andere, egoistischere Gründe. Es geht hier auch um Spielschulden und um arabische Verbrecher-Clans – und einen Neonazi-Bruder hat Grimmer nebenbei auch noch.

Bisschen viel auf einmal? Könnte man denken, doch erstaunlicherweise gelingt es „Dogs Of Berlin“, das alles zu einer zwar manchmal hirnwütig machenden, aber durchaus wirklichkeitsnahen Serie zu verdichten.

Kaum zu fassen, dass Christian Alvart diese Geschichte schon vor neun Jahren erfunden hat – die Handlungsstränge wirken wie eine komprimierte, schrille Version des Jahres 2018, bei der freilich alles etwas extremer eskaliert. Mit überdrehten Versionen der Realität kennt Alvart sich aus: Er ist der Mann hinter dem Tschiller-„Tatort“ mit Til Schweiger, zuletzt hat er Sebastian Fitzeks Thriller „Abgeschnitten“ verfilmt.

In „Dogs Of Berlin“ ist es sehr oft dunkel, es regnet viel. Und schon in der 15. Minute ist auch der zweite Kommissar, Erol Birkan (Fahri Yardim), zwar nicht beim Sex, aber immerhin mit nacktem Oberkörper zu sehen – er tanzt in einem Techno-Club, im Auftrag des LKA. Die beiden bilden das Kernduo der Serie, und besser hätte man sie kaum besetzen können – weil sie eben gerade nicht den Klischees entsprechen. Der Deutsche hier hat’s nicht so mit Disziplin, sein Doppelleben mit Ehefrau und Geliebter ist ohnehin anstrengend genug. Im Auto philosophiert er über den Sinn. Er hat gerade einen Hund aufgesammelt und denkt über dessen fremdbestimmtes Dasein nach: „Der Hund hat keine Wahl. Aber die Frage ist: Ist es wirklich für den Hundebesitzer so anders?“ Auf dieser Grundidee – „Sind wir Herr oder Hund?“ – fußt eigentlich die ganze Serie (und der Titel natürlich auch). Es geht um Regeln und Gesetze, um Moral und Ethik, um freien Willen und Wahlmöglichkeiten.

Die Empathie der Serie bildet einen schönen Kontrast zum momentanen Empörungsreflex“
(Fahri Yardim)

Fahri Yardim, der im Alvart-„Tatort“ Schweigers Sidekick ist, spielt mit Erol Birkan einen Mann, der aus jeder Schublade springt. Eine der besten Szenen in der ersten Folge (Achtung, Spoiler!): Birkan kommt nach Hause, ruft: „Hallo, Schatz!“ – und es taucht keine Frau auf, sondern sein Freund. Und plötzlich fragt man sich: Warum überrascht mich das jetzt eigentlich so sehr? Yardim ist nachsichtig mit kleingeistigen Zuschauern: „Die Verwunderung darüber ist angelegt.

Das kann ich vorwegnehmen: Wundern wird man sich in dieser Serie noch häufiger! Wenn man sich gerade eingerichtet hat in ein Freund-Feind-Schema, wartet man lieber noch eine Folge – alles kann sich radikal ändern. Die Wendungen, besonders der Figuren, bereitet hübsche Überraschungen im Großstadtdschungel. Dabei traut sich die Serie eine radikal humanistische Anlage – egal wie sich die Fratze zeigt, ob Neonaziszene, arabische Clan-Struktur in Berlin oder ob Sportfunktionär im Nadelstreifen: Dahinter stehen immer ein Mensch und seine Geschichte. Die Empathie dafür bildet einen schönen Kontrast zum allgemeinen momentanen Empörungsreflex.“

Neben der Empathie und der Menschlichkeit gibt es in „Dogs Of Berlin“ auch genügend Action. Es knallt aber nicht dauernd wie bei „Tschiller“. Alvart nimmt sich hier genügend Zeit, um die Figuren vorzustellen und sie nachdenken zu lassen über das Rattenrennen, das wir Leben nennen. Welche Demütigungen gilt es zu überwinden, wie kann man sich von den Erwartungen der anderen lösen? Yardim mag an seiner Rolle besonders, dass sie mit so tief sitzenden Prägungen zu kämpfen hat: „Wir unterschätzen immer noch, wie stark Familie auf uns wirkt, wie extrem unsere Kindheit tiefenpsychologisch nachwirkt. Die Serie bedient sich dieser Annahme, dabei bleibt sie aber vor allem der Unterhaltung verpflichtet. Wenn Serien der Spagat aus Unterhaltung und Relevanz gelingt, kann man nur seinen Hut ziehen.“

Seine Kollegin Katharina Schüttler ließ sich auch nicht lange bitten, als Alvart ihr die Rolle als Grimmers Ehefrau, Paula, anbot. Ihr gefiel, dass die Betrogene kein klassisches Opferverhalten an den Tag legt, sondern lust­gesteuert ihren eigenen Weg sucht – mitten im Kampf der Kulturen. „Die große Kraft dieser Geschichte ist das Panoptikum, das sie zeigt: dass die Stadt aus vielen einzelnen kleinen Welten besteht, die sich hin und wieder streifen.“

„Das Brutale zu zeigen, kann Berechtigung haben“

Die verschiedenen Milieus hat Alvart genau studiert. Bei den Neonazis war das fast deprimierend einfach – die präsentieren sich im Internet inzwischen ja ziemlich offen. Von ein paar Klatschreportern erfuhr er Details aus der Fußballszene. Und die arabischen Clans, die HipHopper: Da gibt es in seiner Stadt genug Anschauungsmaterial. Sein Berlin ist kein Postkarten-Idyll, sondern ein harter, finsterer Moloch. Allzu brutal ist „Dogs Of Berlin“ allerdings nicht – was es durchaus positiv unterscheidet von vielen neueren Serien, in denen es gar keine Hemmungen mehr zu geben scheint und nichts der Fantasie überlassen wird. Yardim ist es ganz recht, dass Alvart sich da zurückhält: „„Ich bin ein Sensibelchen, aber es kommt auf den Kontext an – solange Gewalt nicht heroisiert wird, kann ich sie gut ertragen. Das Brutale zu zeigen, kann Berechtigung haben, wenn es keine bloße Provokation, kein Voyeurismus bleibt.“

Natürlich hoffen alle, dass es nach der ersten Staffel weitergeht mit „Dogs Of Berlin“, zumal die Arbeit für Netflix dann doch ein bisschen anders war als bei den alteingesessenen Sendern. Schüttler hat es jedenfalls sehr genossen: „Die Prämisse ist grundlegend anders, wenn der Auftraggeber etwas Neues, Eigenes will, das es bisher nicht gegeben hat. Dann ist erst mal alles möglich. Natürlich hat sich Netflix auch eingebracht, aber es gibt einem erst mal sehr viel Freiheit.“ Dass das Resultat zudem noch in so vielen anderen Ländern gezeigt wird, ist für deutsche Schauspieler, die bisher zumindest im Seriensegment doch eher im eigenen Saft schmoren mussten, eine ungewohnte Erfahrung – gepaart mit der Heraus­forderung, sich im Laufe der Monate nicht von der Rolle einnehmen zu lassen. Yardim gibt zu: „Wenn man eine Figur so lange mit sich herumträgt, ist die unterbewusste Identifikation nicht aufzuhalten. Darüberhinaus flirrt natürlich die ganze Zeit das Internationale mit – das Wissen, dass es in 190 Ländern gleichzeitig gezeigt wird. Ein Stadion von unermesslicher Größe. Da erlebe ich Demut und Erhabenheit, Schamgefühl und Freude gleichzeitig.“

Christian Alvart sieht das etwas entspannter. Dass deutsche Serien gerade auf dem Vormarsch sind, wundert ihn gar nicht so sehr. Ihn hat zuletzt auch keine US-Serie mehr so umgehauen wie damals „Twin Peaks“ oder „The Wire“. „Wir kennen inzwischen halt das, was aus Amerika kommt, schon so gut, weil wir es seit 15 Jahren oder so gucken. Mit den internationalen Serien ist das wie mit einem Kochrezept: Wenn man was schon hundertmal gegessen hat, freut man sich über ein neues, überraschendes Gewürz.“

„Dogs Of Berlin“ läuft ab dem 7.12. auf Netflix


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