Duncan Jones, Regisseur von „Source Code“, im (Video-) Interview


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Zweifellos gibt es bemitleidenswertere Schicksale als das Los von Promi-Nachwuchs. Doch nur den wenigsten gelingt es, ihre Zerrissenheit so kreativ zu kanalisieren wie jedermanns neuem Lieblingsregisseur Duncan Jones alias Zowie Bowie. Noch als er in Tennessee Philosophie studierte und die eigene Identität zu formen begann, erinnert sich Jones, sei er von seinen Kommilitonen geschnitten und auf seine Herkunft reduziert worden.

Mit „Moon“ debütierte Jones vor zwei Jahren spektakulär, als er mit der Story eines einsamen, geklonten Arbeiters (Sam Rockwell) auf dem Mond eine Studie in Schizophrenie und Selbstsuche schuf. Der Film bereicherte das boomende Sci-Fi-Genre zur Abwechslung mal mit Existentia­lismus statt mit einem Spezialeffekt-Fetisch und hob den jungen Regisseur auf Anhieb in den Rang eines kommerziell denkenden Autorenfilmers. „Schon meine Abschlussarbeit an der Universität beschäftigte sich mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz“, so Jones, „und bei der Entwicklung des Drehbuches habe ich mich extrem mit der Hauptfigur identifiziert und versucht, etwas Positives aus meiner persönlichen Isolation zu machen.“

Als „transatlantischen Eurotrash“ beschreibt sich Jones weiterhin, der im Gefolge des rastlosen Vaters die Wohnorte, Schulen und Kontinente wechselte „wie ein Soldatenkind“. Während Bowie etwa in den Hansa-Studios werkelte, hinterließ die Belrin-Erfahrung bei dem kleinen Duncan so starke Eindrücke, dass er die Metropole zum Schauplatz des futuristischen Thrillers „Mute“ machte – ein lang gehegtes Traumprojekt, das noch seiner Finanzierung harrt. Vorerst präsentiert er mit „Source Code“ seinen ersten Hollywoodfilm, in dem Jake Gyllenhaal durch Wurmlöcher geschickt wird, um als Zeitreisender eine verheerende Terrorattacke ungeschehen zu machen.

Wie in „Moon“ konzentriert sich Jones auf einen Protagonisten, der zunächst fremdgesteuert existiert, um erst im Angesicht der Todes zum selbstbestimmten Individuum zu reifen. „Eigentlich reizte mich das Projekt“, sagt Jones, „weil es sich so sehr von ‚Moon‘ unterschied – es ist kein Einpersonenstück, hat mehrere Locations und hegt keinerlei Arthouse-Ambitionen. Doch als ich mit meinem Cutter am Schnitt saß, wurden die Parallelen unübersehbar. Offenbar zieht es mich unterbewusst zu Figuren, die sich in ihrer Welt wie Fremdkörper fühlen.“

Als Therapie oder biografische Abnabelung will Jones seine Arbeit nicht gewertet wissen. Natürlich habe ihn der Vater ein wenig in die richtige Richtung geschubst, als er ihn mit Tony Scott zusammenbrachte, den Jones als wichtigsten Mentor bezeichnet und der Bowie in den Achtzigern in „Begierde“ inszenierte. Und schädlich für die Verwirklichung seines Talentes war es gewiss auch nicht, als Kind in den Kulissen von „Absolute Beginners“ oder „Labyrinth“ herumgeturnt zu sein, während sein Vater mit der Schauspielerei flirtete. „Doch wenn ich etwas von ihm gelernt habe“, so Jones, „dann die innere Bereitschaft, sich neu zu erfinden. Als Regisseur kann ich das im Prinzip mit jedem Projekt und werde mich hoffentlich noch in vielen Genres erproben dürfen. Mit einer Ausnahme: Musicals müssen für mich nun wirklich nicht sein.“