Nachruf auf Eddie Van Halen: Sprung in die Seligkeit


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Es ist eine dieser Geschichten, in denen der amerikanische Traum noch greifbar ist. Edward Lodewijk Van Halen wurde am 26. Januar 1955 in Amsterdam geboren, zog mit seiner Familie aber schon als Siebenjähriger nach Kalifornien. Er lernte Klavierspielen, Notenlesen fiel ihm zu schwer. Er hörte lieber zu und reimte sich alles selbst zusammen. Nachdem er sich kurzzeitig am Schlagzeug probiert hatte, entdeckte er die Gitarre – und ließ sie nie wieder los. Schon als Teenager saß er stundenlang in seinem Zimmer und übte, die tägliche Praxis hielt er für zwingend nötig. Talent plus Arbeit ergibt Genie.

1972 gründete er mit seinem Bruder Alex am Schlagzeug, Bassist Mark Stone und Sänger David Lee Roth eine Band. Zwei Jahre später benannten sie sich in Van Halen um, den Bass spielte jetzt Michael Anthony – und dann ging alles ziemlich schnell. Umjubelte Auftritte im Whiskey a Go Go in Los Angeles, 1977 der Plattenvertrag bei Warner Records. Ihr Debüt, „Van Halen“, wurde 1978 ein Riesenerfolg – besser ging Hardrock zu der Zeit nicht. „Runnin‘ With The Devil“ und „Ain’t Talkin‘ ‚Bout Love“ wurden Klassiker, weil sie genau die richtige Mischung aus hart und poppig waren – und ein kurzes Instrumental zementierte für immer Eddie Van Halens Ausnahmestellung: Tausende hoffnungsvolle Nachwuchsgitarristen versuchten in den Folgejahren (meist vergeblich), die 102 Sekunden „Eruption“ nachzuspielen.

Entgegen der landläufigen Meinung hat Van Halen das sogenannte Tapping (mit beiden Händen am Gitarrenhals) nicht erfunden, sondern bei Paganini und anderen abgeguckt, aber seine Art zu spielen war eine Sensation. Und das eben nicht nur, weil er so virtuos war, sondern weil er Ideen hatte und sein Herz hineinlegte und mit der Frankenstrat (auch Frankenstein genannt) eine Einheit zu bilden schien. Das wird ihn immer unterscheiden von reinen Technikern, und dann konnte er auch noch Songs schreiben. Und er stellte sich immer in den Dienst der Sache – wie bei seinem berühmten Solo in Michael Jacksons „Beat It“ (1982). Es ging Van Halen nicht um die größte Aufmerksamkeit, sondern um das beste Ergebnis. Auch das eher eine Seltenheit im Musikgeschäft.

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In den ersten Jahren hatten Van Halen einen Lauf. Vor allem das sechste Album „1984“ ist voll unwiderstehlicher Hardrock-Hymnen und brachte ihre einzige US-Nummer-eins hervor – das Lied, das bei der Erwähnung des Bandnamens alle sofort im Kopf haben: „Jump“! Ironischerweise der eine VH-Song, bei dem das Keyboard und nicht die Gitarre die Hauptrolle spielt. (Aber auch diese Idee samt Ausführung kam von Eddie.)

Für den Krebs machte er die Metallplektren verantwortlich, die er wie viele Gitarristen gern in den Mund steckte

Schon wenig später machte sich David Lee Roth für eine Solokarriere aus dem Staub, und Van Halen gelang, was bisher kaum einer Band (außer AC/DC) gelungen war: Sie ersetzten ihn und waren nicht weniger erfolgreich. „5150“ (1986) wurde dank der positiven Energie von Sammy Hagar und Hits wie „Why Can’t This Be Love“ ihr erstes Nummer-eins-Album. Von da an ging es auf und ab – eine ungünstige Phase mit Gary Cherone, mehrfache Wiedervereinigungen mit David Lee Roth und eher mittelmäßige Alben minderten die Strahlkraft von Eddie Van Halen etwas, aber auf der Bühne verblüffte er weiterhin mit seinen unfassbaren Fähigkeiten (und freute sich zuletzt sichtlich, dass er seinen Sohn Wolfgang am Bass dabei hatte).

Eddie Van Halen 2015

Das wahre Glück fand Eddie Van Halen allerdings woanders, so erzählte er es zumindest oft: Nur wenn er ganz für sich war, stellte sich nach mehreren Stunden an der Gitarre eine Seligkeit ein, die mit nichts zu vergleichen sei. Wie gern wäre man da einmal dabei gewesen, und wie sehr gönnt man ihm diese Momente – zumal er in den vergangenen Jahren so viele gesundheitliche Malaisen zu überstehen hatte. 1999 musste er an der Hüfte operiert werden, 2000 wurde ihm ein Stück der Zunge entfernt. Für den Krebs machte er die Metallplektren verantwortlich, die er wie viele Gitarristen gern in den Mund steckte. Natürlich, gab er zu, habe er auch viel gesoffen und Drogen genommen. So bekämpfte er jahrelang seine chronische Schüchternheit, erst seit 2008 war er trocken. Er litt schon länger an Kehlkopfkrebs, machte aber kein Aufsehen darum. Egal, mit welchen Kollegen man sprach, ob Slash, Mike McCready oder John Frusciante, alle bewunderten nicht nur Van Halens Talent, sondern auch seine liebenswerte Art.

R.E.M.-Bassist Mike Mills fasste es so zusammen: „Eddie war ein Game-Changer, ein Gitarrist und Musiker, wie er in einer Generation nur einmal vorkommt, und ein ziemlich cooler Typ.“

Am 6. Oktober sprang Eddie Van Halen in eine andere Welt. Sein Sound bleibt hier.

Daniel Knighton Getty Images