Ein Hauptschuldiger muss gefälligst her!

Es fing damit an, dass die Bahnhöfe verschwanden. Einer nach dem anderen, die kleinen auf dem Land. Erst gab es keine Schalter mehr, dann zogen Kioske ein, dann verschwanden auch die und jetzt verfallen die schönen alten Gebäude oder sind zu Privathäusern für Zahnärzte umfunktioniert worden. Ich weiß nicht, ob Hartmut Mehdorn der Hauptschuldige war, aber ich vermute es. Man hat immer gern einen Hauptschuldigen. Es klingt zu diffus, wenn man das „System“ oder den „Kapitalismus“ anklagt, es muss ein Mensch sein, denn hinter allen Taten stecken immer noch Menschen.

Auf jeden Fall war das der Anfang vom Verfall der deutschen Bundesbahn, dem einen Bein der großen deutschen Dienstleistungsgesellschaften. Mit jedem Jahr wurde der Service schlechter, mittlerweile erscheint einem als Reisendem völlig unklar, ob der gewählte Zug überhaupt kommt und wenn man in ihm sitzt, ob er durchfährt, irgendwo aus unerfindlichen Gründen stehen bleibt oder man im Niemandsland aussteigen muss, um mit Bussen weiter zu reisen. Ein endloses Desaster.

Gleichzeitig auf der anderen Seite der Verfall der Deutschen Post, dem anderen Bein der großen deutschen Dienstleistungsgesellschaften. Bis vor ein paar Jahren gab es überall in den Klein- und Großstädten Postfilialen, häufig in schönen alten Gebäuden mit großzügigem Service und zuvorkommendem Personal. Jeden Tag kam der Postbote oder die Postbotin – man kannte diese Menschen persönlich – und hat Sendungen jeder Art ausgeliefert. Dann wurden die Postfilialen aufgelöst, verkauft, mittlerweile sind Kioske oder Zahnärzte drin. Dann verschwanden die Postboten. Wurden verdrängt von DHL-Kurieren. Die Deutsche Post mutierte zu DHL.

Wissen Sie eigentlich was DHL heißt? DHL ist ein amerikanisches Unternehmen, ein 1969 in San Francisco von Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn gegründeter Paket- und Brief-Express-Dienst.

DHL-Boten sind das Gegenteil der ehemaligen Postboten: unterbezahlte, gestresste Billiglohnarbeiter, die wöchentlich ausgewechselt werden. Wenn ich ein Paket, zum Beispiel eine Schallplatte aus der Schweiz, erwarte, so kann ich mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass ich dieses Paket entweder gar nicht bekomme oder erst nach unglaublichen Mühen und Nachforschungen. Zuletzt DREI Mal ging eine derartige Schallplattensendung in die Schweiz zurück. Der DHL-Bote hatte unter anderem vermerkt, dass ich die „Annahme verweigert“ hätte, die Wahrheit – er war nie bei mir.

Alle Anrufe bei DHL sind zwecklos. Im Gegenteil treiben einen häufig auf den Gipfel der Verzweiflung. Stundenlang habe ich in diesen Spiralen des Irrsinns verbracht. Am Anfang des Gesprächs die üblichen Bots, dann Menschen die häufig der deutschen Sprache nicht mächtig sind (ich habe absolut nichts gegen solche Menschen, aber an dieser Position sind sie fehlbesetzt), die einem radebrechend erklären, dass sie einem wirklich nicht weiter helfen können.

Es gibt keine höhere Beschwerdestelle. Es gibt keine Verantwortlichen. Wer ist der Hauptschuldige für den Niedergang? Für all das Chaos? Wir brauchen einen Hauptschuldigen, an den wir verzweifelt Ausgelieferten (nämlich Alle) uns wenden können, mit der einen alles entscheidenden Frage: WARUM WIRD EIGENTLICH ALLES IMMER SCHLECHTER?

Es war doch schon mal alles gut. Es lief doch alles perfekt. Wir sind mit der wohltemperierten und gut belüfteten Bahn durch das Land gereist und haben pünktlich unsere Ziele erreicht. Wir haben Post jeder Art von den Postboten oder Botinnen unseres Vertrauens entgegengenommen. Aber dann wurde uns erzählt, das jetzt bald alles noch besser wird. (biblischer Tonfall) Und es ward Scheiße!

WARUM WIRD EIGENTLICH ALLES IMMER SCHLECHTER? Die einzige Antwort die mir einfällt ist: der verdammte Kapitalismus – Rationalisierung, Optimierung, Digitalisierung. Die Abschaffung von echten Menschen, die sich um unsere Belange kümmern. Wer ist eigentlich grade der oberste Chef des Kapitalismus? Und jetzt haben wir doch noch unseren Hauptschuldigen, denjenigen den wir uns vorknöpfen müssen:

Elon Musk!

Der grade den letzten menschlichen Angestellten von Twitter kündigt und Trump wieder in Charge setzen will. Lasst uns mit einer Polonaise der Gewalt seine Chefetagen stürmen: Er soll gefälligst alles zurückbauen. Soll seinen ganzen Mist wieder abbauen. Soll Starlink zwischen den Sternen rausschrauben. Und soll sich verpissen. Nach San Francisco. Oder wo der herkommt. Sonst gibt’s ein Backpfeifenkonzert, das er drei Tage rückwärts gehen wird.

Entschuldigen Sie bitte den bäuerlichen Tonfall.

Aber ich mein es so.

Rocko-Schamono Der Messerhändler

Rocko Schamoni: „Der Messerhändler“

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Autorenbild von Kerstin Behrendt