Eine der charmantesten Stimmen des Soul – Zum Tod von Ben E. King

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Eine der charmantesten Stimmen des Soul – Zum Tod von Ben E. King

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In seiner künstlerischen Blütezeit war Ben E. King von kühnen Architekten der Popmusik umgeben. Unter dem Dach des Brill Building und benachbarter Gebäude am Broadway residierten hunderte Musikverlage, deren Angestellte mit idealistischem Überschwang und analytischem Blick aufs Marktgeschehen an den Hits der Zukunft feilten. Kreativteams wie Jerry Leiber & Mike Stoller und Doc Pomus & Mort Shuman verfeinerten so die Rezeptur von Rock’n’Roll und Rhythm & Blues, domestizierten diese Genres aber zugleich.

Kings Stimme konnte auch Profanes zum Glänzen bringen; wo sie aber auf brillantes Songwriting und ingeniöse Produktion traf wie in New York in den paar Jahren vor der „British Invasion“, entstanden magische Momentaufnahmen, in denen sich der kulturelle und ethnische Reichtum der Metropole in den frühen sechziger Jahren spiegelt.

Benjamin Earl Nelson, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Ben E. King, wurde 1938 in North Carolina geboren und kam im Alter von 9 nach Harlem, New York. Seine Stimme schliff er in Doowop-Gruppen auf der Straße und bei Talent-Schauen im Apollo Theatre. Nachdem Sänger Clyde McPhatter die Drifters verlassen hatte, ersetzte ihr Manager 1958 die übrigen Mitglieder auf einen Schlag mit den Sängern der Five Crowns, zu denen auch King gehörte. 1959 führte er die Drifters mit „There Goes My Baby“ an die Spitze der R&B-Charts und lieferte so die Vorlage für den Uptown Soul der folgenden Jahre. Bei weiteren Hit-Produktionen wie „This Magic Moment“ oder „Save The Last Dance for Me“ griffen die Drifters immer unbeschwerter lateinamerikanische Einflüsse auf.

Der Weg für Kings Solokarriere wurde indes in einer historischen Aufnahmesession im Oktober 1960 bereitet. Das Faszinierendste an „Spanish Harlem“, einer Gemeinschaftsarbeit von Phil Spector und Jerry Leiber, ist bei aller Opulenz, wie ökonomisch doch das Arrangement ist, wie ausgefeilt die Dramaturgie, wie wohldosiert Percussion, Streicher und Chor zum Einsatz kommen und nicht zuletzt wie stilsicher King sich auf diesem ungewohnten Terrain bewegt. Am gleichen Tag entstand auch „Stand By Me“, das sein größter Chart-Erfolg werden sollte. Inspiration beim Schreiben hatte er hierfür aus Gospelstandards gezogen, Leiber und Stoller steuerten das Tempo, den Basslauf und das rhythmische Schnarren bei. Der einzigartige Zauber der Aufnahme – „It’s a nice song, but it’s a great record“, so Leiber – wird durch die unzähligen Coverversionen und Anverwandlungen nur bestätigt.

So hätte es weitergehen sollen, doch zwischen den Beatles und Stones, Otis Redding und den Supremes war plötzlich immer weniger Platz für Kings eleganten Soul-Pop. Veritable Comebacks sollten ihm erst wieder 1975 mit dem Disco-Track “Supernatural Thing” und, eine weitere Dekade später, erneut mit „Stand By Me“ gelingen – als kongeniale Tonspur zum gleichnamigen Coming-of-Age-Drama von Rob Reiner. Mit Kings Tod im Alter von 76 Jahren ist eine der charmantesten Stimmen des Soul nun verstummt, doch ihre magischen Momente werden uns bleiben.

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