Enthusiast, Enzyklopädist und Selfmademan: Zum Tod von Peter Bogdanovich


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Wer noch nie von Peter Bogdanovich gehört hat, der erinnert sich vielleicht an den Psychotherapeuten Dr. Eliot Kupferberg in „The Sopranos“, dem Supervisor von Dr. Malfi, die er vor ihrem jähzornigen Patienten Tony Soprano warnt. Mit gleichmütig-mürrischer Miene folgt Kupferberg den Erzählungen der Kollegin, eifersüchtig auf den Gangster, den er noch nie gesehen hat. Bogdanovich inszenierte auch eine Episode der Serie von David Chase.

Als Schauspieler war Peter Bogdanovich ein so staunenswerter Außenseiter wie als Filmkritiker und Regisseur. Am 30. Juli 1934 wurde er in Kingston, New York, als Sohn des jugoslawischen Malers Borislav und seiner Frau Herna geboren, deren Familie aus Wien stammte. Bogdanovich war ein manischer Kinogänger und studierte zu Beginn der 60er-Jahre Schauspiel an der Stella Adler School. Seine Imitationen von Jerry Lewis waren unter Kollegen notorisch. Dann verlegte sich Bogdanovich aufs Filmkritik und kuratierte gemeinsam mit seiner Frau Polly Platt Retrospektiven für das Museum of Modern Art. Er schrieb für „Esquire“ und war ein amerikanisches Ein-Mann-„Cahiers du Cinema“.

Mitte der 60er-Jahre entdeckte Bogdanovich die Meister des alten Hollywood neu, schrieb eine Studie über die Filme von John Ford und wurde Assistent beim B-Movie-Studio von Roger Corman, wo auch Martin Scorsese arbeitete. 1968 führte er Regie bei „Targets“, in dem der legendäre Horrorfilm-Darsteller Boris Karloff sich selbst spielt. Eine Gruppe Jugendlicher zielt mit einem Gewehr von der Rückseite der Leinwand auf die Besucher eines Autokinos, eine Großparabel ohne Lehre. Bogdanovich führte Gespräche mit dem moribunden, mürrischen John Ford und machte daraus den Dokumentarfilm „Directed by John Ford“ (1971), den bis heute unübertroffenen Monolithen über den Mythologen des amerikanischen Kinos.

Peter Bogdanovich 1973

Zugleich arbeitete er mit dem Romanautor Larry McMurtry an „The Last Picture Show“, seiner Hommage an die Western von John Ford, Howard Hawks und Anthony Mann. Der Film, in Schwarz-Weiß von Robert Surtees fotografiert, handelt von Jugendlichen in einer gottverlassenen Kleinstadt in Texas, in der das einzige Kino geschlossen wird. Timothy Bottoms, Jeff Bridges und Cybill Shepherd spielen die Teenager vor dem High-School-Abschluss. Bogdanovich gewann John Fords Stanmschauspieler Ben Johnson für die Rolle als Sam, der Löwe, der von der alten Zeit erzählt. Johnson lehnte zunächst ab, weil in dem Film geflucht wird. Er gewann dann einen Oscar wie Cloris Leachman für ihr Porträt einer einsamen Lehrerin. „The Last Picture Show“ wurde 1972 für acht Oscars nominiert, darunter Regie und Bester Film, die aber William Friedkin für „The French Connection“ gewann.

1979 war die Karriere des Außenseiters beinahe am Ende

Dennoch konnte Peter Bogdanovich sich die Filme aussehen. Mit „What’s Up, Doc?“ drehte er 1972 seine Hommage an die Screwball-Komödie mit Barbra Streisand und Ryan O’Neal, ein enormer Publikumserfolg, dann „Paper Moon“ mit O’Neal und seiner Tochter Tatum. 1974 inszeniert er „Daisy Miller“ nach einem Roman von Henry James mit Cybill Shepherd: Mit der Schauspielerin hatte er während der Dreharbeiten von „The Last Picture Show“ eine Affäre, er wollte sie obsessiv zum Star machen (sie spielte dann in Scorseses „Taxi Driver“). Der Film wurde schlecht aufgenommen, ebenso wie „At Long Last Love“ (1975), „Nickelodeon“ (1976), und „Saint Jack“ (1979). Die Karriere des Außenseiters war beinahe am Ende.

Bogdanovich war von Polly Platt getrennt und lebte mit dem Fotomodell Dorothy Stratten zusammen, die in seinem Film „They All Laughed“ spielte und 1980 von ihrem Freund (und Zuhälter) Al Snider bestialisch ermordet wurde. Später heiratete er Dorothys Schwester Louise Stratten.

In seinem Haus in Los Angeles beherbergte er monatelang den bankrotten Orson Welles, arbeitete mit ihm an dem Interviewbuch „This is Orson Welles“ und dem Film „The Other Side of the Wind“, den Welles nie fertigstellte. Mit dem Film „Die Maske“ (1985) hatte er einen ordentlichen Erfolg. „Texasville“ (1990) ist eine Fortschreibung von „The Last Picture Show“ mit Cybill Shepherd, Jeff Bridges, Timothy Bottoms und Cloris Leachman: Aus den hoffnungsfrohen Jugendlichen, die der Provinz entkommen wollten, sind bräsige Wohlstandsbürger geworden.

Peter Bodgdanovich übernahm Nebenrollen in Serien, dariunter in „The Good Wife“ und „Criminal Intent““, und machte sporadisch Filme: „The Thing Called Love“ (1993), „The Cat‘s Meow“ (2001) und „She‘s Funny That Way“ (2014), eine Komödie nach Art von Woody Allen, wie der deutsche Verleihtitel „Broadway Therapy“ andeutet. Bei Tom Pettys Dokumentarfilm „Runnin‘ Down A Dream“ (2007) übernahm er die Regies. „The Great Buster“, eine Dokumentation über Buster Keaton (2018), war Bogdanovichs letzte Filmarbeit. „Who The Devil Made It“ (1997), sein umfängliches Kompendium von Interviews mit den Filmregisseuren des alten Hollywood – Allan Dwan, Josef von Sternberg, Howard Hawks, Alfred Hitchcock, Otto Preminger, Fritz Lang, Don Siegel, Raoul Walsh – ist Bogdanovichs bedeutendste filmhistorisches Werk.

Am 6. Januar starb Peter Bogdanovich, der Enthusiast, Enzyklopädist und Selfmademan des amerikanischen Kinos, im Alter von 82 Jahren in Los Angeles.

Evening Standard Getty Images