Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bomben und Schwertfische

Folge 186

Wenn Sie diese Zeilen lesen, weilt Ihr ergebener Autor im Zuge eines ausgedehnten Sommer-Praktikums auf einer kalabresischen Oliven-Ranch. Man bekommt hier nicht viel mit. Manches aber schon. Vor ein paar Wochen etwa jährte sich zum 25. Mal der Todestag des großen italienischen Sängers Domenico Modugno. In den Timelines meiner Social-Media-Kameraden habe ich nirgends eine Wertschätzung entdecken können, hier unten in Italien war der Jahrestag ein Nachrichtenthema. Zu Recht!

Modugno war – ähnlich wie Gilbert Bécaud – einer dieser Menschen, die für die Bühne geboren wurden. Man schaue sich nur einmal an, wie der Mann aus Apulien 1955 in einer Fernseh-Show genüsslich sein Lied „Vecchio frac“ inszeniert. Nur mit einer Nylonsaitengitarre steht er da und lässt es förmlich knistern. Und dann fängt er auch noch an zu pfeifen. Man sollte alle Sänger daran messen, wie schön sie pfeifen können.

Was ich an Modugno so mag: Selbst, wenn er massiv auf die Tube drückt (=immer), strahlt er eine enorme Feinsinnigkeit aus; auch wenn er in Smoking und mit schmalem Bärtchen aussieht wie ein venezianischer Baron, verrät das freundliche Blitzen in seinen Augen einen warmherzigen, bodenständigen Charakter.

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Auch groß ist ein Fernsehauftritt aus den frühen Sechzigern: Zu einer Orchesterfassung seines größten Hits „Nel blu, dipinto di blu (Volare)“ kommt Modugno auf die Bühne gesprintet, erkundigt sich leutselig, was das Publikum denn hören wolle und trägt dann im sizilianischen Idiom „Lu pisci spada“ vor – das vermutlich beste Lied, das je über Schwertfische geschrieben wurde. Mitten im Lied setzt es dann eine von diesen für Modugno-typischen Eruptionen: Er hört auf Gitarre zu spielen, bohrt dramatisch den Zeigefinger ins Dunkel und schmettert in schönstem Belcanto: „Dda’è, dda’è / lu vitti, lu vitti, lu vitti“ („Ja, ja – ich habe ihn gesehen“).

Nach einem Schlaganfall im Jahr 1984 wurden Modugnos Live-Auftritte rarer. Er schloß sich der linksliberalen Partito Radicale an, der er Ende der Achtziger gar drei Jahre lang als Parteichef vorstand. 1994 verstarb Modugno auf Lampedusa. Natürlich hat er, gerade in späteren Jahren, auch Seichtes fabriziert. Aber Modugnos Platten der Sechziger sind fast durchweg grandios. Kaum ein italienischer Sänger konnte seinen Landsleuten schöner das Lied vom Mezzogiorno singen.

Cover-Artwork zu „I Succsessi Di Domenico Modugno“
Cover-Artwork zu „I Succsessi Di Domenico Modugno“

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Mystische Brüste und kastrierte Philosophen

Vor zwei Jahren habe ich eine neue Band gegründet, sie heißt DIE REALITÄT. Wir sind super: sehr laut – aber süß. It’s indie as fuck, wie meine Großtante zu sagen pflegte. Oder wie wir zu sagen pflegen: „Heute, wo sich niemand mehr für Bands interessiert, haben wir eine gegründet.“ Man nennt das womöglich antizyklisches Arbeiten. Oder man nennt es sonst irgendwie. Worauf ich hinaus will: Es ist für hiesige Indie-Musiker verführerisch, vergangene Zeiten zu glorifizieren: „In den späten Achtzigern wären wir groß gewesen! Spex-Titelbild mindestens!!“ Vor ein paar Tagen fand ich eine olle Spex-Ausgabe aus dem Jahr 1988: „The German…
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