Freiwillige Filmkontrolle


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bruce, der Lausbub


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Folge 219

Unlängst war ich unter Einhaltung alles Nötigen mit meiner Frau bei einem befreundeten Paar zu Gast. Die beiden verfügen über eine Schallplattensammlung bibliothekhaften Ausmaßes, vor deren Hintergrund sich bestimmt großartige Zoom-Konferenzen veranstalten lassen, und so kamen wir naturgemäß immer wieder auf die Segnungen der Popmusik zu sprechen.

Eines der Themen, die wir streiften, waren Rockstar-Autobiografien. Es gebe nur wenige wirklich gute, wusste der Gastgeber zu berichten, die meisten reihten nur minutiöse Beschreibungen von Aufnahmesessions aneinander, die sich mit minutiösen Beschreibungen entbehrungsreichen Tour-Trotts abwechselten. Besonders öde werde es, ergänzte der Freund, wenn beim betreffenden Rockstar eine Drogenabhängigkeit vorgelegen habe, deren Dokumentation ausgiebig Platz gewährt und die in der Regel nur dazu verwendet werde, um mit Gewalt eine „Entwicklung“ (Läuterung, Abkehr von den Drogen, seelische Kernsanierung, spirituelle Umwidmung etc.) hinzuzwirbeln. Diese fade Genormtheit resultiere nicht zuletzt daraus, dass die meisten Rockstar-Autobiografen von Ghostwritern geschrieben würden.

„Kurze Hose, Holzgitarre – Mein Enkel Angus Young“

Meine Frau, die, vom Thema nicht sonderlich angefasst, dem Gespräch nur beiläuf g gefolgt war, horchte auf: „Sekunde, die meisten Rockstar-Autobiografien werden von den Großvätern der Rockstars geschrieben?“ „Nein, nicht von den Großvätern, von den Ghostwritern“, sagte der Gastgeber geduldig. Wobei das doch schön wäre, wandte die Frau des Gastgebers ein, wenn Rockstar-Biografen ausschließlich von den Großvätern der Stars verfasst würden. „Bruce Springsteen – Der Lausbub aus New Jersey“ oder „Kurze Hose, Holzgitarre – Mein Enkel Angus Young“.

Eine Weile trug uns diese Vorstellung durch den Abend, dann wurden wir wieder von Musik abgelenkt. Ich schrieb es ja schon mal: Neue oder zumindest doch bislang unbekannte Musik lässt sich am besten bei Freunden entdecken. Ich habe es immer sehr genossen zu beobachten, wie sich mir fremde Musik mit anderer Leute Räumlichkeiten zu einem unentwirrbaren Gesamteindrucksknäuel verbindet. Die Folge ist bisweilen, dass die Musik, wenn ich sie später nachhöre, oft gar nicht mehr den Zauber entfalten kann, den sie zum Zeitpunkt der Erstbegegnung im fremden Umfeld hatte.

Ich weiß nicht mehr, was wir alles hörten an diesem Abend. Ein Stück aber blieb hängen. Da unser Gastgeber weiß, dass er mir mit italienischen Obskuritäten vergangener Dekaden immer eine Freude machen kann, legte er die rare Single „Blue Frog“ vom Orchestra di Enrico Simonetti auf. Das Stück, eine Orchester-Funk-Preziose, wie sie nur das Italien der 70er-Jahre hervorbringen konnte, lässt den titelgebenden traurigen Frosch von einem drollig klingenden Synthesizer nachempfinden.

Man ist sofort geneigt, seine Haltung zu Fröschen und/oder drollig klingenden Synthesizern zu überdenken. Enrico Simonetti war überwiegend als Filmkomponist tätig, meist für schlichte Unterhaltungsfilme, die von den deutschen Verleihern reißerische Titel wie „Lustschrei im Urwald“ oder „Die Sünden der ganz jungen Mädchen“ verpasst bekamen. Zudem war er der Vater von Claudio Simonetti, dem Kopf der Prog-Band Goblin, die kongenial verstörende Musik zu den Arthouse-Schockern von Dario Argento schuf. Vater Enrico bekam von der Karriere seines Sohnes leider nicht mehr allzu viel mit, da er bereits 1978 vom blauen Frosch heimgeholt wurde.

Wenn Sie das Stück hören, werden Sie verstehen, dass wir den Abend kurz nach der Begegnung mit „Blue Frog“ ausklingen ließen. Es war ohnehin spät geworden. Zufrieden schwankten meine Frau und ich heimwärts und imitierten dabei abwechselnd die Synthesizer-Amphibie. Es sind die kleinen Dinge im Leben.

Sollte Claudio Simonetti übrigens je eine Autobiografie verfassen – ich würde sie lesen, ganz gleich, ob daran fünf Ghostwriter, acht Großväter oder zehn blaue Frösche mitgeschrieben hätten.


Angus Young von AC/DC verrät, welchen Song er am meisten bereut

Dass Bands und Musiker*innen nicht alle ihre Songs gleich gut finden, ist ja klar. Aber offensichtlich gibt es auch jene, die manche Songs sogar bereuen. Angus Young von AC/DC zum Beispiel. Wie er kürzlich in einem Interview mit Volture verriet, würde er einen bestimmten AC/DC-Song aus den Anfängen der Bandkarriere gerne verdammen. Angus Young wurde in dem Gespräch darum gebeten, besonders bereuenswerte Songs aus seiner Karriere mit AC/DC zu nennen. Und diese Frage beantwortete der 65-Jährige ganz schön ehrlich.  Young nannte das Liebeslied „Love Song“, das auf dem ersten AC/DC-Album „High Voltage“ im Jahr 1976 erschien. Wirklich viel zu der…
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