Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Huren, Heuchler, Heilige


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Folge 218

„Du kennst ‚Stimmen im Wind‘ von Juliane Werding nicht? Dann hast du keine Ahnung von Musik. Das ist das beste Lied der Welt!“ So sprach neulich im Kontext fortgeschrittenen Alkoholkonsums ein Freund der Familie zu mir. Widerspruch war nicht vorgesehen.

Der Satz blieb aus zweierlei Gründen hängen. Erstens, weil mich die Absolutheit der Äußerung beeindruckte – so und nicht anders sollte man über Musik sprechen: betrunken, rigoros und unversöhnlich. Alles andere führt zu nichts. Beziehungsweise: Alles andere führt höchstens dazu, dass irgendein Schnarchmensch dann doch wieder das öde „Geschmackssache“-Argument in die Runde wirft.

Zweitens hatte der gute Mann natürlich vollkommen recht: Ich habe wirklich keine Ahnung von Musik. Lassen Sie uns also über Musik sprechen. Gibt man den Begriff „Musik“ in die Suchmaschine ein, erscheint noch vor irgendwelchen sachdienlichen Erläuterungen zuerst ein Video des Künstlers Joris mit dem Titel „Nur die Musik“. Gleich daneben kann man den „Mallorca Party 2019 Sommer Hit Mix“ anklicken. Eine Verführung, der gegenüber sich nur sittlich extrem gefestigte Musik-Fans als standhaft erweisen dürften: Was gibt es im Herbst 2020 Besseres als den „Mallorca Party 2019 Sommer Hit Mix“?


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Kostenlosigkeit und Musik

Eigentlich weiß man jetzt schon alles über Musik. Es folgen gleich unter den Videos drei häufig gestellte Fragen zum Thema. Die erste lautet: „Wo kann man kostenlos und legal Musik hören?“ Die zweite: „Wo kann man sich kostenlos Musik runterladen?“ Und schließlich: „Ist YouTube-Musik kostenlos?“ Kostenlosigkeit scheint im Zusammenhang mit Musik des neugierigen Fragestellers oberstes Begehr zu sein.

Wer doch etwas Geld übrig hat, für den setzt es nach ein wenig Herunterscrollen den Eintrag einer Instrumentenhandlung in Ibbenbüren, jener größten Stadt der Region Tecklenburger Land, deren nennenswerteste Musikverbindungen darin bestehen, dass die Punkband Donots hier herstammt und Herbert Grönemeyer mal hier wohnte.

Nach weiterem Scrollen stößt man auf die sicher irgendwann einmal hilfreiche Information, dass der Volksmusikstar Marianne Hartl hundert Dirndl besitzt. Juliane Werding hat die Sache mit der Musik schon 2008 drangegeben. Sie arbeitet seither in Starnberg als Homöopathin. Bereits 2007 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihrem damaligen Mann, dem Theologen Uwe Birnstein, ein Buch mit dem Titel „Huren, Heuchler, Heilige. Interviews mit Menschen der Bibel“.

Textgenie Michael Kunze

Ist „Stimmen im Wind“ das beste Lied aller Zeiten, wie der feuchtfröhliche Familienfreund meinte? Besser mithin als beispielsweise The Bands „The Night They Drove Old Dixie Down“, der englischen Originalfassung von Werdings „Am Tag als Conny Kramer starb“? Möglicherweise ja. Das Geheimnis liegt vermutlich im Text: „Schwarze Vögel, roter Himmel/ Frau am Meer riecht an Blumen/ Aber ihre Hand ist leer“, heißt es darin. Aber auch: „Menschen, die sich lieben, sterben nie.“


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Die Lyrics stammen von Michael Kunze, dem der deutsche Schlager auch „Die kleine Kneipe“, „Ein Bett im Kornfeld“, „Ich war noch niemals in New York“ und „Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ verdankt. Kunze wandte sich Ende der 80er-Jahre vom Schlager ab, verlegte sich zunehmend auf Musicals und zeichnete zuletzt als Librettist für ein Oratorium zu Ehren Martin Luthers und als Texter des Musicals „Matterhorn“ (Musik: Albert „Strokes-Papa“ Hammond) verantwortlich.

Man könnte glatt dem Eindruck erliegen, die meisten Menschen verstünden unter Musik etwas anderes als die hundert meistunterschätzten Scheidungsalben der Alternative-Country-Geschichte oder irgendwelche Horrorfilm-Soundtracks von Radiohead-Mitgliedern. Und dennoch sollte man bei hitzigen Diskussionen über Musik nicht weich werden.

Verabsolutierende Äußerungen wie die des alkoholisierten Werding-Anhängers sind die einzige Art, hier weiterzukommen. Und lassen Sie sich bloß nicht einreden, Musik wäre Geschmackssache!


Herbert Grönemeyer: Reiche sollen die Kulturbranche retten

Viele Künstler sind durch die Corona-Pandemie und den neuerlichen Lockdown in Existenznot geraten. Kultur fehlt in diesen dunklen Monaten uns allen. Um es mit den Worten von Herbert Grönemeyer zu sagen: „Kultur stützt die Menschen in ihrer Verzweiflung, Trauer, in ihrer Lust, Freude, ihrem Lachen, ihrem Mut und ihrer Zuversicht.“ Wie könnte ihnen geholfen werden? Ganz einfach, die Reichen sollen es ermöglichen. Warum Kultur retten Der Musiker meldete sich mit einem Gastbeitrag in der „Zeit“ zum Sterben der Kultur zu Wort. „Ein Land ohne unmittelbare Livekultur gibt und öffnet den Raum für Verblödung, krude und verrohende Theorien und läuft Gefahr, nach…
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