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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Das große Sterben

🔥Jeff Buckleys Meisterwerk „Grace“: Hallelujah!

Folge 110

Wie herrlich deprimierend die Musik von Leonard Cohen tatsächlich ist, kann man fest­stellen, wenn man sie an einem verregneten Karfreitag zum Joggen hört. Die volle Punktzahl. Wie alles Deprimierende ist Cohens Musik auch sehr lustig. Außerdem bin ich ganz gern deprimiert. Ich verkünde hiermit übrigens, dass ich ab sofort nur noch Platten von alten Musikern hören werde. Musik von jüngeren Menschen erzählt mir in der Regel nur Dinge, die ich schon weiß. (Das ist mein Problem, nicht das der jungen Musiker.) Anders ist es mit Musik von jungen Menschen, die lange vor mir jung ­waren – also Musikern, die heute alt oder tot sind –, denn in dieser Musik steckt eine komplett andere Zeit.

Hoffentlich ist Leonard Cohen noch gesund und lebendig, wenn dieser Text erscheint. Es ist schwierig geworden, mit einem Monat Vorlauf über Musiker zu schreiben, die ein gewisses Alter erreicht haben. Spätestens seit Januar muss man, was die alten Idole, die coolen Stellvertreter­eltern angeht, auf der Hut sein (von so einem bedauerlichen verfrühten Tod wie im Falle von Prince soll hier gar nicht die Rede sein). In der Rockmusik geht jetzt das große Sterben los, daran darf man sich gewöhnen. Die Helden der Sixties – die Frauen und Männer, die alles, was wir lieben, erfunden haben und uns regelmäßig vom Cover dieses Magazins entgegenblicken – sind längst in die Jahre bzw. ins Darüberhinaus gekommen. Das wird noch ganz schön traurig werden.

Als ich mich vom ersten Schock wegen Bowies Tod erholt hatte, begann ich mich bald zu sorgen: Wie geht es eigentlich Bob Dylan? Wird Joni Mitchell sich wieder erholen? Vapo­risiert Willie Nelson noch? Was treiben Keith Richards und Neil Young gerade? In welchen Fitnessstudios lassen es in diesem Moment Springsteen und McCartney über Gebühr krachen? Von Dylan gab es bald äußerst beruhigende Paparazzifotos zu sehen, auf denen der alte Kauz in Adiletten, Jogging­hose und mit Handtuch überm Kopf durch eine brasilianische Poollandschaft latscht. Paul McCartney wiederum wurde an der Eingangstür zu einer Grammy-Afterparty abgewiesen, guckte großäugig und kaute Kaugummi. So weit also alles in Ordnung.



Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Keinerlei Anlass zur Güte

Folge 210 Wenn der Mensch vor lauter Gegenwart nicht mehr zum Atmen kommt, richtet er den Blick gerne in die Vergangenheit. Viele Leser dieser Kolumne dürften ihre popmusikalische Erweckung in den sogenannten Neunzigern erlebt haben und mit entsprechender Güte auf jene Ära zurückschauen. Dabei besteht zu solcher Güte keinerlei Anlass! Nehmen wir allein das Jahr 1995: gerade erst vorbei, so lange her, 25 Jahre. Zwar kamen 1995 einige Lieblingsalben Ihres Chronisten heraus (Guided By Voices’ „Alien Lanes“, Pavements „Wowee Zowee“, „Clouds Taste Metallic“ von den Flaming Lips und D’Angelos „Brown Sugar“), aber es gab eben auch den ganzen Rest, und…
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