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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Das große Sterben

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Das große Sterben

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Folge 110

Wie herrlich deprimierend die Musik von Leonard Cohen tatsächlich ist, kann man fest­stellen, wenn man sie an einem verregneten Karfreitag zum Joggen hört. Die volle Punktzahl. Wie alles Deprimierende ist Cohens Musik auch sehr lustig. Außerdem bin ich ganz gern deprimiert. Ich verkünde hiermit übrigens, dass ich ab sofort nur noch Platten von alten Musikern hören werde. Musik von jüngeren Menschen erzählt mir in der Regel nur Dinge, die ich schon weiß. (Das ist mein Problem, nicht das der jungen Musiker.) Anders ist es mit Musik von jungen Menschen, die lange vor mir jung ­waren – also Musikern, die heute alt oder tot sind –, denn in dieser Musik steckt eine komplett andere Zeit.

Hoffentlich ist Leonard Cohen noch gesund und lebendig, wenn dieser Text erscheint. Es ist schwierig geworden, mit einem Monat Vorlauf über Musiker zu schreiben, die ein gewisses Alter erreicht haben. Spätestens seit Januar muss man, was die alten Idole, die coolen Stellvertreter­eltern angeht, auf der Hut sein (von so einem bedauerlichen verfrühten Tod wie im Falle von Prince soll hier gar nicht die Rede sein). In der Rockmusik geht jetzt das große Sterben los, daran darf man sich gewöhnen. Die Helden der Sixties – die Frauen und Männer, die alles, was wir lieben, erfunden haben und uns regelmäßig vom Cover dieses Magazins entgegenblicken – sind längst in die Jahre bzw. ins Darüberhinaus gekommen. Das wird noch ganz schön traurig werden.

Als ich mich vom ersten Schock wegen Bowies Tod erholt hatte, begann ich mich bald zu sorgen: Wie geht es eigentlich Bob Dylan? Wird Joni Mitchell sich wieder erholen? Vapo­risiert Willie Nelson noch? Was treiben Keith Richards und Neil Young gerade? In welchen Fitnessstudios lassen es in diesem Moment Springsteen und McCartney über Gebühr krachen? Von Dylan gab es bald äußerst beruhigende Paparazzifotos zu sehen, auf denen der alte Kauz in Adiletten, Jogging­hose und mit Handtuch überm Kopf durch eine brasilianische Poollandschaft latscht. Paul McCartney wiederum wurde an der Eingangstür zu einer Grammy-Afterparty abgewiesen, guckte großäugig und kaute Kaugummi. So weit also alles in Ordnung.

Vor etwa 30 Jahren, als die meisten der genannten Veteranen in ihren Vierzigern waren, ging es noch um ihren künstlerischen Tod. Man meinte die alten Helden abschreiben zu müssen. Aber danach wurde es mit einigen der Abgeschriebenen noch mal richtig lustig. Meine Lieblingszeile über das Altern stammt – natürlich – von Dylan. Der sang 2001 im scheppernden Altherren-Rockabilly „Summer Days“: „She says, ‚You can’t repeat the past.‘ I say, ‚You can’t? What do you mean, you can’t? Of course you can.‘ “ (Die Zeile ist natürlich ein Zitat aus F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ – Anm. v. Maik Brüggemeyer) Ich traue allen diesen Menschen auch weiterhin tolle Platten zu. Aber es geht hier nicht um kreatives Verdorren, es geht um etwas ganz Handfestes: Die Generation, die sich vor 50 Jahren anschickte, die ewige Jugend zu erfinden, ist vom Aussterben bedroht.

Was indes die Musik alter Menschen angeht, ­mache ich mir über Nachschub keine Sorgen. Etliche der Besten waren schon früh alt. Nick Cave hat irgendwann mal sinngemäß gesagt, er sei schon als junger Mann alt gewesen. Ich glaube, das gilt für alle meine Helden (Cave gehört nicht dazu). Ich mag junge Menschen, die vorzeitige Vergreisungssymptome zeigen, denn erst dieses Quäntchen Ältlichkeit, das automatisch Außenseitertum nach sich zieht, macht wahrhaftige Jugend aus. Die Besten hatten diese Ältlichkeit in jungen Jahren. Dylan sowieso, aber auch Robert Forster oder mein ewiger Lieblingsmusiker, Robyn Hitchcock. Es geht hier nicht um spießigen Riesterrenten–Indierock, es geht um etwas, das der Klasse und des Stils bedarf! Wahrscheinlich gibt es über das Phänomen der stilvollen Jugend­ver­greisung große Romane, aber die habe ich noch nicht gelesen. Vermutlich kann Maik Brüggemeyer mir hier 453 Romane empfehlen, mit deren Lektüre ich mir den Lebensherbst versüßen kann.

Die einzigen jungen Musiker, die mir in den letzten 20 Jahren etwas Neues erzählt haben, sind die bairische Band Kofelgschroa und Courtney Barnett.

Regen zieht auf, ich denke, ich sollte joggen gehen.

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