Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Drahtseilakte

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Drahtseilakte

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Folge 131

In den Neunzigern Julian Cope mein hauseigener Alternative-Rock-Heroe. Er konnte posen wie die Großen, gebot über das Ego von mindestens vier Superrockstars, war stets dem eindrucksvollen Schmädderätäng zugetan und verstand es vortrefflich, Eingängigkeit und Attitüde unter ein und demselben Hut zu vereinen. Allerdings: Cope hatte massiv die Kappe kaputt. Schon damals war der Mann ganz weit weg mit den Feen.

Julian Cope
Julian Cope

Später, ab Ende der Neunziger, nahm das Ganze dann Ausmaße an: ­Cope produzierte unhörbaren Spezialistenkrach, lief nur noch in Bikermontur herum und dozierte in mittelkleinen Clubs über Druiden, Schamanentum und prähistorische Steinansammlungen. Gut, er dozierte auch über Kraut- und Japanrock, meistens aber eben doch über Steinansammlungen.

Seine Neunziger-Alben sind echte Schwarten, die es wiederzuentdecken gilt. Hier wurden nicht mal eben ein paar Songs aneinandergeklatscht. Nein, Cope wedelte stets mit dem konzeptuellen Zaunpfahl. Nachdem er in den frühen Achtzigern erst mit The Teardrop Explodes und ab 1983 im Alleingang halbwegs verdaubaren Psychedelic Poprock mit Charts-Ambitionen produziert hatte, verabschiedete er das Jahrzehnt mit zwei sonderbaren Lo‑Fi-Platten, auf denen er erstmals spontanere Formen des songorientierten Musizierens ausprobierte. Das zweite Album, „Droolian“, erschien nur in Texas. Mit den Verkaufserlösen unterstützte Cope seinen Helden Roky Erickson, der zu diesem Zeitpunkt ohne juristische Unterstützung im Gefängnis saß.

Es folgte sein erstes hirnausbeulendes Großwerk der Neunziger: „Peggy Suicide“. Auf dem quietschbunten Album befasste ­Cope sich zu Psychedelia, Rave-Rock, euphorischem Pop und Doors-Rock mit organisierter Religion, der Frauenbewegung, Okkultismus und Tierrechten. ­Copes Label Island zeigte sich bestürzt, hatte man ihn doch eher als Hitlieferanten denn als Gegen­kulturaktivisten auf dem Zettel.

3000 Jahre vor Jesus

Ein Jahr später folgte das nächste Doppelalbum, „Jehovakill“, das den Sound in Richtung Kraut- und Detroit-Hardrock erweiterte und sich thematisch an transzendentaler Obdachlosigkeit sowie am organisierten Christentum abarbeitete. Im Booklet kniet Cope in Badehose inmitten einer Gesteinsformation. Er habe früher Angst vor dem Kreuzsymbol gehabt, dann sei ihm ein Foto eines Steinkreuzes in Nordschottland in die Finger gekommen, äußerte sich der Künstler zur Inspiration der Platte. „Its ground plan is a huge Celtic cross. Ha Ha Ha Ha Ha Ha Ha Ha Ha. 3.000 years be­fore the Jesus Age …“ Island verabschiedete sich daraufhin vom selbst ernannten „Arch-Drude“. Der „NME“ brachte ein Titelseite mit Cope und der Headline „Endangered Species“. Eine Lieblingsplatte.

Cope (2. v. li.) mit der Band The Teardrop Explodes
Cope (2. v. li.) mit der Band The Teardrop Explodes

In den Folgejahren widmete Cope sich neben diversen musikalischen Nebenprojekten vor allem dem Schreiben seiner Autobiografie und Recherchearbeiten in Sachen Krautrock und neolithischer Architektur. „Autogeddon“, sein nächstes reguläres Album aus dem Jahr 1994, befasst sich mit der Geißel der Motorisierung. Die Platte ist deutlich reduzierter produziert, alle Songs wurden im ersten Take aufgenommen. Im Booklet sieht Cope aus, als wäre er soeben dem zweiten „Mad Max“-Film entlaufen.

„20 Mothers“ aus dem Jahr 1995 fiel dann wieder deutlich poppiger aus. Die Coverrückseite zeigt den Künstler in hippiesker Jahrmarktsgaukler-Gewandung. „I ­spoke to my brother Joss on the phone last autumn for the first time in years“, schreibt Cope im Booklet. „He thinks everything I stand for is bollocks.“ Mit der Single „Try Try Try“ taucht Cope zum letzten Mal in den britischen Top 40 auf.

„Eine Berühmtheit läuft für das Publikum auf hohen Gebäuden herum und tanzt auf Drahtseilen“, sagte Cope einmal. „Ein Künstler tut das auch noch, wenn das Pu­blikum längst gegangen ist.“

Hail the Cope!

Michel Linssen Redferns
Ebet Roberts Redferns
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