Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Drei Zimmer, drei Plattenspieler


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Folge 208

In meiner letzten Heft-Kolumne berichtete ich über ulkige Erlebnisse auf Tour. Der Text stammte aus dem späten Februar. Als er erschien, las er sich wie eine Postkarte aus einer untergegangenen Zeit.

Aber so ist das nun mal: Die Herausforderung beim Schreiben für ein monatlich erscheinendes Magazin besteht darin, dass die Ereignis-Prallheit zwischen Schreiben und Erscheinen eines Textes mitunter beträchtlich ist. Das gilt natürlich immer. Im Moment scheint es noch mehr zu gelten. Derzeit ist der daheim isolierte Kolumnist geneigt, alles für möglich zu halten: Ich möchte inzwischen nicht ausschließen, dass, wenn Sie diese Zeilen lesen, längst dreiköpfige Außerirdische die Weltherrschaft übernommen und als erste drastische weltbeherrschende Maßnahme die Goombay Dance Band wiedervereint und deren Hit „Sun Of Jamaica“ zum einzig erlaubten Musikstück erklärt haben, das seither 24 Stunden nonstop im Radio läuft.

Es scheint tatsächlich jeder noch so alberne Science-Fiction-Mumpitz denkbar. Vielleicht hat ja auch Bob Dylan einen 17-minütigen Song über die Ermordung Kennedys, gespickt mit Verweisen auf die Beatles, Stevie Nicks und „A Nightmare On Elm Street“, veröffentlicht. Okay, zugegeben, das war jetzt albern und so weit wird es sicherlich nicht kommen. Aber das mit der Goombay Dance Band halte ich für gar nicht mal so unwahrscheinlich.

Ich für meinen Teil höre Musik wieder aufmerksamer, weniger beiläufig

Was die Alltagsveränderungen durch die gegenwärtige Krise angeht, muss man sagen, dass diese für Autoren, die sich mit Musik befassen, nicht allzu eklatant sind: Man saß schonvorher viel daheim, tippte vor sich hin und studierte stundenlang Credits irgendwelcher Alben. Der einzige Unterschied ist vielleicht, dass man all dies mehr denn je in sehr nachlässiger Kleidung tut. Was positiv auffällt: Ich für meinen Teil höre Musik wieder aufmerksamer, weniger beiläufig. Auch durfte ich feststellen, dass ich in unterschiedlichen Zimmern unterschiedlich höre. In meiner Wohnung stehen drei Plattenspieler.

Man könnte berechtigterweise einwenden, das seien zu viele. Andererseits: Ich besitze zwar drei Plattenspieler, dafür habe ich kein Auto, keinen Netflix- Account und keine Frisur. Plattenspieler 1 steht in meinem Arbeitszimmer. Hier griff in den letzten Wochen eine Diät aus Gun Club, Dream Syndicate und Green On Red. Die Folge dieser 80er-Jahre-Psycho-Rock-Bedröhnung war, dass ich das Arbeiten im Arbeitszimmer einstellte und den Raum in erster Linie zum Herumsumpfen nutzte.

Die Arbeit verlegte ich dafür in die Küche. Auch hier steht ein Plattenspieler. Auf ihm kamen fast ausschließlich belgischer Cold Wave und das fernöstlich beatmete deutsche Wave-Funk-Projekt Saâda Bonaire zum Einsatz, dessen hochgradig glücksstiftende Aufnahmen aus den Achtzigern vor ein paar Jahren wiederveröffentlicht wurden. Gun Club in der Küche wiederum wäre undenkbar gewesen, ebenso wie Saâda Bonaire im Arbeitszimmer.

Schließlich gibt es noch einen Plattenspieler im Wohnzimmer. Ich war in den letzten Wochen aber fast nie im Wohnzimmer – ich wohne ja jetzt im Arbeitszimmer. Man kann durchaus sagen, dass ich die Wohnung, um es kehlmannesk zu formulieren, neu vermesse. Die Musik womöglich auch. Manchmal wird auch einfach nur herumgesessen und gegrübelt: Wie viel Trost und Erbauung steckt tatsächlich in der heimischen Musiksammlung? Wie viele „isolated vocals“ irgendwelcher Rockpop-Meisterwerke kann man sich vor lauter Langeweile anhören? Welchen Einfluss hat die Krise auf die mäandernden Tagebuchlieder von Mark Kozelek? Wird es dieses Jahr Sommerhits geben? Steht das Unwort des Jahres schon fest? Werden wir es, wenn demnächst alle Musiker lautstark öffentlich ihre Isolationserfahrungen in Musik verarbeiten, mit einer Flut enervierender Hoffnungslieder oder doch eher mit einer Verdüsterung des MainstreamPop zu tun bekommen? Und wie geht es der Risikogruppe Rock?

Vor allem aber: Ergibt diese Kolumne in einem Monat überhaupt noch irgendeinen Sinn?