Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ein Monat in Musik


von
Eric Pfeil
Eric Pfeil

Folge 229

Wer angesichts von Bundestagswahl-Ergebnis, pandemischer Situation und Weltlage voller Sorge auf den Herbst schaut, der oder dem sei gesagt: Alles halb so wild. Gleich mehrere Feiertage mit Musikbezug sorgen im Oktober dafür, dass man aus dem Feiern gar nicht mehr herauskommt. Am 1. Oktober geht es los: Dann wird nicht nur der Weltmusiktag begangen – in den USA feiert man (viel wichtiger) auch noch den Tag des CD-Players.

Das könnte ein fröhliches Stelldichein werden, wenn in, sagen wir, Waukegan/Illinois die Weltmusiktags-Polonäse auf den CD-Player-Ehrerbietungs-Rave trifft. „Was führt Sie denn her?“, wird inmitten des heiteren Getümmels vielleicht eine als CD-Player verkleidete Dame einen mit einem elektrischen Drum Pad behangenen Herrn fragen und mit Blick auf das Instrument gleich nachschieben, dass sie doch stark annehme, er gehöre zur Trommelgruppe des Weltmusiktag-Umzugs. „Nein“, wird der Herr dann vielleicht lachend zur Antwort geben. „Zwar denken alle, ich hätte ein elektrisches Drum Pad umhängen, tatsächlich finde ich Musik an sich aber gar nicht so toll. Mich begeistern mehr digitale Abspielgeräte. Das, was ich da umhängen habe, ist ein überdimensionaler Discman. Ich bin genau wie Sie hier, um dem CD-Player zu huldigen!“

Wem das mit dem Weltmusiktag irgendwie zu klein gedacht ist, der darf am 9. Oktober frohlocken. Dann ist nämlich Universal Music Day, und die ganze Sause darf ins Weltall verlegt werden. Doch auch wer daheimbleibt, muss sich nicht grämen, der 9. Oktober ist in Großbritannien nämlich zugleich der Tag des Musikalbums. Ob an diesem Tag ausschließlich britischen Alben gehuldigt wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß auch nicht, was man an diesem Tag so anstellt.

Muse-Album durchhören – ohne zu lachen

Die Möglichkeiten sind aber mannigfaltig: über den Abbey-Road-Zebrastreifen latschen, rituell das Cover von „(What’s The Story) Morning Glory?“ auf- und zuklappen, versuchen, eine Muse-Platte ganz anzuhören, ohne zu lachen. Bandsalat-Liebhaber kommen am 9. Oktober ebenfalls auf ihre Kosten, schließlich wird an diesem Tag auch der Internationale Tag der Tape-Händler gefeiert – ein perfekter Anlass, um mal wieder die Kassette mit der Aufschrift „Tobias’ Neo-Psychedelic-Mix 1990“ zu hören und sich dabei zu fragen, wer noch mal Tobias war.

Tags drauf, am 10. Oktober, ist dann Umarme-einen-Schlagzeuger-Tag. Ich war noch nie ein großer Freund dieser Umarme-irgendwen-oder-irgendwas- Tage, aber bitte, es sei den wackeren Rhythmusartisten dieser Welt gegönnt, dass ihrer an diesem Datum gedacht wird. Zum Glück gehört die finstere Ära, da Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger regelmäßig aus den Verteilungskämpfen um Fan-Nähe als schier unumarmbare Verlierer mit Clownshütchen auf dem Kopf hervorgingen, der Vergangenheit an.

Nicht jeder Gedenk- oder Feiertag im Oktober hat einen popmusikalischen Bezug (auch wenn zum Beispiel am Welt-Ei-Tag am 8. Oktober mal wieder das tolle Gong-Album „Angel’s Egg“ gehört werden könnte). In vielen Fällen aber kann man sehr wohl eine Brücke zur Musik schlagen. Nehmen wir etwa den Internationalen Tag der Frustrationsschreie (12. Oktober), den Tag des Wodkas (4. Oktober) oder den National Mushroom Day am 15. Oktober, der vermutlich auch schon auf der Kassette mit der Aufschrift „Tobias’ Neo-Psychedelic-Mix 1990“ gefeiert wird.

Und selbst am Tag der Badewanne (7. Oktober) könnte man zu Ehren von Lowell George Wasser einlaufen lassen und Little Feats „Fat Man In The Bathtub“ hören. Ich könnte nun schließen, indem ich allerhand eigene drollige Vorschläge für bislang noch nicht eingerichtete Ehrerbietungstage mache und etwa einen Tag des Prog-Rock-Albumcovers, einen Badly Played Guitar Solo Day oder einen Tag des ekligen Windspiel-Einsatzes fordere. Das geht aber leider nicht, denn ich schreibe diesen Text – Sie werden es geahnt haben – am Tag des einfallslosen Kolumnisten.