Freiwillige Filmkontrolle


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Fendrich in Leggings


von

Folge 60

Was machen eigentlich Goths im Sommer? Von allen Fragen, die mir ratsuchende Pop-Freunde tagtäglich in den Kolumnenbriefkasten stopfen, scheint mir diese die mit Abstand drängendste zu sein. Mehr noch als „Was macht eigentlich Rainhard Fendrich?“  und „Warum erscheinen ständig Dokumentarfilme über schrullige oder verschollene Musiker?“ Nun, was die Goths angeht: Die machen im Sommer das, was alle anderen auch machen. Sie gehen auf Festivals und laufen in kurzen luftigen Klamotten durch die Gegend. Dies durfte ich neulich bewundern, als in meiner Heimatstadt ein hochsommerliches Grufti-Festival stattfand (Vermutlich sagt man nicht mehr Grufti. Wer Grufti sagt, bekommt zur Strafe sofort alle Platten von Project Pitchfork und Goethes Erben geschenkt).

Die Goths jedenfalls liefen in ebenso schwarzem wie dünnem Tuch durch die Stadt. Nur wenigen Bürgern purzelten Einwände wie „Sollten die das nicht besser im nebligen Herbst machen?“ aus dem Mund. Alle anderen erfreuten sich an der Feststellung, dass die Goths a) überwiegend sehr nett und b) total sommerfähig waren. Spielte ich in einer Fun-Punk-Band würde ich das Lied „Gruftis im Hochsommer“ sofort von der Setlist streichen. Ich weiß ohnehin nicht, was alle Leute an der Subkultur der Dunkelträger so pfui finden. Metal-Fans finden alle süß. Man rennt sogar in 3D-Kinofilme, die Metal-Menschen auf Festivals zeigen. Ein Goth-Film aber würde wohl kaum von Hunderttausenden Menschen besucht werden, da könnte er noch so sehr in 3D sein. Eine Freundin, die bei einer Doku Soap als Redakteurin wirkt, erzählte mir mal, dass man sendungsintern Vertretern von Subkulturen eigentlich recht aufgeschlossen gegenüber sei. Nur Goths seien nicht so gern gesehen. Ich finde, ausnahmslos alle deutschen Doku Soaps sollten mal eine Goth-Woche veranstalten. Ich jedenfalls hätte Freude an einer Folge von „Mieten, Kaufen, Wohnen“, in der ein Herr, der aussieht wie Edward mit den Scherenhänden, eine Wohnung zu kaufen trachtet.

Zwischenruf: „Aber was ist denn jetzt mit Rainhard Fendrich? Nun, wo die Sache mit den Goths und dem Sommer geklärt ist, kann man sich doch wieder den wichtigen Themen zuwenden!“ Herrje, was soll Rainhard Fendrich schon machen? Er tritt fast ausnahmslos in Österreich und Süddeutschland auf. Als ich eben „Rainhard Fendrich 2014“ in die Suchmaschine hackte, erschien ein Artikel mit der Überschrift „Rainhard Fendrich in Lenggries“. Ich aber las erst mal „Rainhard Fendrich in Leggings“. Das Tragen einer Brille lässt sich nicht länger aufschieben.

Gibt es eigentlich berühmte Popmusiker, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere einen herben Sehschärfeverlust feststellten und fortan eine Brille tragen mussten? Irgendwann kann man das permanente Von-der-Bühne-Fallen oder In-die-Keyboardburg-Stürzen ja nicht mehr mit Drogenmissbrauch erklären, sondern muss sich den cold hard facts stellen. Mir jedenfalls fällt niemand ein, der urplötzlich permanent mit Brille herumlief. Ich kenne nur Musiker, die von vornherein Augengläser trugen und denen man stets hinterherschrieb, die klobige Brille sei ihr „Markenzeichen“. Früher hatten sehr viele Musiker Markenzeichen: ulkige Hüte, Leggins oder Brillen eben. Heute haben Musiker ja gar keine Markenzeichen mehr. Sie tragen allenfalls Masken.

Die dritte Leserfrage mit den Musikerdokus kann ich ehrlich gesagt gar nicht beantworten. Ich möchte ohnehin lieber noch kurz berichten, wie mir neulich auf dem Flohmarkt ein Herr um die 50, der mit zahlreichen Tätowierungen und Piercings zu prunken wusste, erzählte, warum er nie wieder eine Musik so aufregend, neu und inspirierend fand wie Techno in den Neunzigern. „Weißt du“, sprach er, „das Geilste waren all die Geräusche, wo du beim Tanzen denkst: ‚Boah, was für ein hammer Geräusch‘, aber wenn du es dann später noch mal hörst, war da gar kein Geräusch.“ Ich glaube, mir ist Techno noch nie so schön erklärt worden. Ich wünsche Ihnen bis zum nächsten Mal auch viele schöne Geräusche. Seien Sie nett zu Goths und hören Sie mehr Rainhard Fendrich.


David Lynch endlich erklärt: Der letzte große Surrealist von A-Z

Alphabet David Lynch ist wohl der größte Sprachkritiker des Gegenwartskinos. Beginnend mit seinem Kurzfilm „The Alphabet“ von 1968 (in dem mit suggestiven Bildern die Qual, lesen und schreiben zu lernen, symbolisiert wird) ist die Unfähigkeit zu sprechen und die Gefahr des geschrieben Wortes in fast allen Filmen Thema. Es kommt bei Lynch eher darauf an, wie etwas gesagt wird, als was gesprochen wird. Seine Kritik an der verbalen Kommunikation ist aber auch ein Appell an die Zuschauer, auf andere Formen der Verständigung - auf Träume, die Kraft der Elemente und die Macht der (immerzu Sehnsüchte erzeugenden) Geheimnisse und vor allem…
Weiterlesen
Zur Startseite

3 Monate ROLLING STONE nach Hause

Grafik Abo 3 Ausgaben für 9,95 €