Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Homedancing in the Dark


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Folge 202

Pop ist kein Impfschutz, kann in diesen seltsamen Tagen aber helfen, die selbstgewählte Isolation besser zu ertragen. Trost und Ablenkung – man findet beides hier reichlich.

So kam ich in den letzten Tagen beispielsweise endlich dazu, noch mal die alten Spex-Jahrgänge aus den 80ern komplett durchzulesen. Bitte, liebe Musikjournalisten, können wir alle wieder mehr so schreiben?!

Alleine die folgende Passage aus einer The-Replacements-Rezension in Heft 5/1987, verfasst von einem kryptisch „Thunderclap“ genannten Autor, bescherte Ihrem Chronisten einen Glücksschub unerwarteten Ausmaßes:

„… Dwight Twiley, Speedy Keen, Todd Rundgren, The Stories und vor allem Alex Chilton, den man als einzigen heute noch kennt und nach dem die Replacements prompt einen Song benannt haben. All diese Leute hatten lange Haare mit Mittelscheitel, waren dünn und hatten ungewöhnlich große Nasen, weswegen Kenner auch vom Nasen-Rock sprechen.“

Was aber ist mit all den Ü-60-Schallplattensammlern (Risikogruppe!), die sich sorgen, das Befingern frischer Ware in Plattenläden könnte Gefahren bergen? Nun, man könnte sich endlich mal mit all dem Plattenkrempel auseinandersetzen, der ohnehin schon zuhause herumsteht. Beziehungsweise: Endlich mal die Danksagungen auf den beigelegten Textblättern lesen. Nehmen Sie nur Eddy Grant (Genau: „I Don’t Wanna Dance“), dessen Album „Killer on the Rampage“ ich wegen des darauf befindlichen Hammer-Tracks „Electric Avenue“ circa 73 Mal besitze. Auf dem Beiblatt folgt, nachdem sich Grant ausgiebig bei den Handwerkern bedankt hat, die sein Studio auf Barbados gebaut haben, folgende Note: „Special Thanks to Diego Armando Maradona and his family for their friendship.“ Eddy Grant und Diego Maradona, 1982, womöglich auf Barbados – dass muss man sich mal vorstellen: Was für glorreiche Zeiten! Schade, dass Maradona nicht auf der Platte mitsingt.

Auch bin ich endlich dazu gekommen, festzustellen, dass ich das wirklich beste Album des Jahres 2019 komplett verpennt habe. Das beste Album des Jahres 2019 ist „Enderness“ von AA Bondy. Bondy, ein ziemlicher Seltenveröffentlicher, war schon auf seinen vorangegangenen Platten der beste amerikanische Noir-Songwriter seit Keine-Ahnung-wem, was daran liegt, dass er, statt sich in ekliger Americana-Folklore zu ergehen, lieber Elemente von Suicide oder Kraut inkorporiert hat (Man vergleiche hierzu bitte den Song „The Heart Is Willing“ von seinem 2011er Album „Believers“). „Enderness“ nun, sein jüngstes Album, ist endgültig von einem angenehm zeitangemessenen Weltekel durchdrungen und hört sich über weite Strecken an wie die weird-depressiven Demos zu Phil Collins’ „Face Value“. Oder aber wie ein seelenkranker Country-Sänger, der gerade nach tagelangem Vollrausch in der aus Pappmaché gefertigten Weltraum-Spelunke eines tschechischen Science-Fiction-Films von 1981 aufgewacht ist. Sie merken schon: Sie brauchen diese Platte!

Und Italien? So schlimm es ist, zu sehen, was der dortigen Zivilgesellschaft gerade widerfährt, so rührend sind die Wortmeldungen diverser Italo-Ikonen, die ihren Landsleuten aus der vorbildlichen heimischen Isolation Grußbotschaften senden: Die Zeit für Aperitivi und Umarmungen werde wiederkommen, tröstete vor ein paar Tagen der große Antonello Venditti seine Fans in einer seiner großartigen Facebook-Nachrichten, im Moment aber gehe die Gesundheit vor, Verzicht sei zu üben.

Jovanotti wiederum, Italiens größter lebender Popstar, der im letzten Sommer unter dem Motto „Jova Beach“ riesige Konzerte an den Stränden (!) seines Heimatlandes gab, macht nun „Jova Casa“. Soll heißen: Er sitzt im durchgetragenen T-Shirt daheim und spielt den Leuten über die gängigen Kanäle Songs auf der Akustikgitarre vor.

Meine Botschaft in diesen Tagen, Sie werden es gemerkt haben, ist so schlicht wie mein Geschmack: Ob nun Eddy Grant, Nasen-Rock, Jovanotti oder AA Bondy – die Musik hilft. I don’t wanna dance? Doch, ich möchte tanzen. Aber bis auf Weiteres eben a casa.