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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Krautrock-Stammtische, Pfauenfederohrringe und Drag-Köche – wiedergehörter Indie-Krempel aus den 80ern


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Folge 217

Die Tage werden kürzer und die Ohren immer länger. Auch der Rest ist komisch. Halt und Orientierung bietet in diesen Zeiten ausschließlich das Wiederauflegen seit Jahren nicht mehr gehörter Indie-Platten der 80er und frühen 90er. Hier sind vier davon.

The Coolies – „Dig ..?“ (1987)

Wer oder was sind The Coolies? Auf dem Cover ihres Albums „Dig ..?“ beantworten die fünf Musiker aus Atlanta, Georgia die drängende Frage gleich selbst: „Five fine young men from Atlanta, GA not too different from you or me except for being blessed with seemingly super-human talent, overwhelming artistic integrity and devastating good looks.“

Man hat es also ganz offensichtlich mit Spaßvögeln zu tun. Da ist es nur konsequent, dass die Band auf dem vorliegenden Album die neun größten Hits von Simon & Garfunkel covert.  Und zwar auf eine Art, dass wirklich alle Korken aus dem Käse knallen: Irgendwo zwischen ironischem Postpunk und Mike-Krüger-Indierock angesiedelt und bekifft-ausdruckslos intoniert, sind diese Bearbeitungen anschauliche Beispiele jener musikalischen Vatermörderei, die in den 80ern schlicht unvermeidlich war, heute aber durchaus überlebt wirkt. Als Dreingabe setzt es noch eine Fassung von Paul Ankas sexistischem Schmierlappen „Having my baby“, dem die Coolies auch inhaltlich eine neue Wendung verpassen.

Das Nachfolgealbum von „Dig ..?“ heißt konsequenterweise „Doug“ und erzählt die Geschichte eines Skinheads, der einen Drag-Queen-Koch ermordet um mit dessen Rezeptbuch zum Star-Koch aufzusteigen. Endlich mal eine vernünftige Story für ein Konzeptalbum. Musikalisch sagen sich hier Led Zeppelin, die Beastie Boys und die Replacements gute Nacht.

Coolies-Sänger Clay Harper ist heute Besitzer der amerikanischen Pizza-Kette „Fellini’s Pizza“. Ich vergebe sechs von zehn Pizza Hawaii.

The Ophelias – „Oriental Head“ (1987)

Scherzkekse waren auch die kurzlebigen The Ophelias, die nicht mit der gleichnamigen Girlband aus Ohio verwechselt werden sollten. Anders als bei The Coolies hat der Humor der Ophelias so gar nichts pennälerhaftes, sondern kündet eher von einer tiefen Liebe zu den aufschneiderischen Musikclownereien Frank Zappas und dem naiv-genialen Acid-Pop Syd Barrets. Bereits das Albumcover des zweiten und besten Werks „Oriental Head“ sagt alles: Zu sehen sind vier Herren vor psychedelischem Background, die sich durch das Tragen von Pfauenfeder-Ohrringen und indisch anmutenden Hemden als aus der Zeit geplumpste Hippie-Wiedergänger zu erkennen geben. Leider tragen sie allesamt Stadionrock-Frisuren. Mit dem falschen Haarschnitt zur falschen Zeit am falschen Ort, könnte man meinen. Aber die Ophelias sind hörbar Überzeugungstäter – Fans von den Dukes of Stratosphear, The Steppes und den Paisley Underground-Bands der 80er sollten diese einigermaßen unbekannte Platte lieben.

Angeführt wird die Band von Multi-Instrumentalist David Immerglück, der auch bei Camper van Beethoven und den Monks of Doom in Erscheinung trat. Hier singt er unter anderem davon, sich in eine Beere zu verwandeln, was im Kontext der Musik durchaus Sinn ergibt. Jahre später auf „Oriental Head“ angesprochen, bezeichnete Immerglück die Platte selbstbewusst als „the BEST album to come out of the SF Bay Area since ‚Surrealistic Pillow‘ Santana’s ‚Abraxas‘, Quicksilver’s ‚Happy Trails‘, Skip Spence’s ‚Oar‘, or Garcia’s first solo album.“ Ich vergebe acht Fliegenpilze.

Barbara Manning – „One Perfect Green Blanket“ (1991)

Barbara Manning hatte schon in einigen Westcoast-Indie-Bands gespielt, als sie 1986 ihr Solo-Debüt „Lately I Keep Scissors“ auf einem 8-Spur-Gerät aufnahm. 1991 folgte „One Perfect Green Blanket“, das im Rahmen der CD-Veröffentlichung mit „Scissors“ angereichert wurde. Ganz gleich, in welcher Form man Mannings Musik dieser Phase ersteht – es lohnt sich: Manning singt sich mit untrainierter, aber einnehmender Stimme durch ihre manchmal indiepoppigen, manchmal mild psychedelisch eingefärbten Lieder, denen immer eine ganz besondere Luftigkeit eigen ist. „Don’t Rewind“ schichtet etliche hallige Gitarren übereinander; „Sympathy Wreast“ ist Lo-fi-Latzhosen-Indierock; im Song „Scissors“ ist als Rhythmusinstrument tatsächlich eine Schere zu hören.

1997 ließ Barbara Manning, unterstützt von den Calexico-Mitgliedern Burns und Convertino, das Album „1212“ folgen, auf dem sie unter anderem die Deviants, Richard Thompson und Amon Düül covert. In einem von Neu! inspirierten Stück namens „Stammtisch“ (!) wird gar deutsch gesungen. Das Label Matador ließ die Künstlerin nach dem Album fallen. Manning zog daraufhin nach Deutschland und produzierte hier vier weitere Alben. Danach konzentrierte sie sich erst einmal auf ihren Abschluss in Biologie. Sollten Sie „One Perfect Green Blanket“ irgendwo entdecken – greifen Sie zu! Ich vergebe neun Scissors!

Alastair Galbraith – „Morse“ (1993)

Wer eine Vorstellung davon bekommen möchte, wie es geklungen haben könnte, wenn Brian Eno in seinem Geräteschuppen die Soloalben von Syd Barett auf einem kaputten Kassettenrekorder produziert hätte, darf hier frohlocken: Alastair Galbraith war einer der vielen neuseeländischen Lo-Fi-Forscher, deren Musik in den frühen 90ern auch nach Europa schwappte. Dies ist Musik, für die man im englischen Sprachraum das Wort „eerie“ erfunden hat: eierndes Gewummer trifft auf windschiefen Gesang, Feedback und Gegeige; fragiles Songwriting knallt auf Experimente mit kostengünstigem elektronischem Equipment – oft in ein und demselben Song. Sagen wir so: Kollegen wie die Tall Dwarfs hören sich im Direktvergleich wie eine Stimmungskapelle auf der Abi-Party an. Das Vorgängerwerk von „Morse“ wurde auf einem Walkman aufgenommen und erschien nur in Kassettenform – DIY in Reinkultur. Wer Gefallen an dieser weltabgewandten Stubenhockermusik findet, der sollte bei Galbraiths Kollegen Peter und Graeme Jeffries oder The Dead C weiterhören. Heute macht kein Mensch mehr solche Musik. Ich vergebe neun von zehn Walkmen.


Sind Gitarrensoli eigentlich toxisch männlich?

In den vergangenen Monaten wurde die britische Songwriterin Anna Calvi allerorten für ihre Gitarrenkünste gelobt und gefeiert. Und das in einer Zeit, in der die Gitarre doch eigentlich das Letzte zu sein scheint, was Aufregung verspricht. Bei ihren Konzerten kam man sich zugegebenermaßen auch ein bisschen vor wie in einem Museum. Die Künstlerin wand sich ekstatisch und zuckte unter der fingerflink selbst entfachten Energie. Und das Publikum schaute ihr dabei andächtig zu, so als stände es vor einem alten Ölschinken aus der Renaissance. Diese Analogie ist natürlich nicht zufällig gewählt, denn tatsächlich ahmt Calvi hier ja antike Gesten aus einer…
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