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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ist doch nur Krach


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Folge 216

Aus familiären Gründen verbrachte ich im Sommer viel Zeit im Oldenburger Münsterland, jener faszinierend platten niedersächsischen Region, die von Landwirtschaft, Backsteinhäusern und Schnapskonsum geprägt ist.

Der Schriftsteller Johann Gottfried Hoche notierte um 1800 herum, die Gegend gehöre „nicht nur zu den schlechtesten in Westphalen, sondern in ganz Deutschland. Man glaubt in den Steppen von Sibirien zu seyn, wenn man die Haiden durchwatet …“ Das ist doch recht harsch geurteilt. Man kann zum Beispiel ganz wunderbar die B 69 rauf und runter fahren, darüber meditieren, ob die Candy Bar oder die Lounge 69, die am Straßenrand liegen, noch bespielt werden, und dabei Rosanne Cashs „The River & The Thread“ hören.

Ich habe das als quasireligiösen Akt in diesem Jahr eine ganze Weile praktiziert: B 69 hin, B 69 her. Wer hätte gedacht, dass man in einer Rosanne-Cash-Platte das ganze Oldenburger Münsterland speichern kann? Niedersachsen als „the sunken land“. Zwischendurch fuhr ich mal nach Oldenburg, mal nach Osnabrück, um dort popkulturell nach dem Rechten zu sehen. Leider kann ich nach meinen Besuchen in beiden Städten aus Gründen der Erlebnisarmut wenig zur regionsbezogenen Pop-Forschung beitragen.

The Phantom Payn und Heinz Rudolf Kunze

Über Oldenburg habe ich vor ein paar Wochen schon geschrieben. In Osnabrück gibt es mit Fundament Schallplatten immerhin ein Geschäft, in dem man eine rare Platte des 39-Clocks-Nachfolgeprojekts The Phantom Payn kaufen kann. Keine Ahnung, warum ich meine Phantom-Payn-Platte, die ich zu Beginn der 90er-Jahre gekauft hatte, nicht mehr besitze. Verliehen, verloren, verkauft? Hier stand jedenfalls ein Exemplar der Platte, ich zahlte 40 Euro und war glücklich.

Und sonst? Heinz Rudolf Kunze lebte längere Zeit in Osnabrück und legte am hiesigen Graf-Stauffenberg-Gymnasium, wie es in seinem Wikipedia-Eintrag heißt, „nach eigenen Angaben mit dem Notendurchschnitt von 1,4 das beste Jahrgangs-Abitur ab“. „Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde“ hieß ein Kunze-Album der 80er-Jahre. Auf Osnabrück trifft dies sicherlich zu.

In der Nähe des Markplatzes gibt es eine pandemiekritische Veranstaltung: Drei Herren sitzen auf Campingstühlen und geben sich widerständig. Das Interesse ist überschaubar. Der bedeutendste Club hier ist der Hyde Park, der im Sommer 1976 mit einem Konzert der ungarischen Umhangträger-Band Omega eröffnete und sich bald den Ruf einer „Drogenhöhle“ erwarb. Nach zahlreichen Umzügen liegt der Laden inzwischen in einem Industriegebiet. Heute spielen hier Bands wie Doro, New Model Army oder Rose Tattoo. Wenn sie denn spielen …

Eine Abwechslung immerhin hält der Sommer bereit

Das einzige Konzert, das ich mit meiner Band Die Realität während der warmen Monate spiele, steigt im Münchner Olympiapark, gleich neben dem Stadion. Mit Unterstützung der Stadt treten hier jeden Abend zwei Bands auf. Der Eintritt ist frei, aber es gibt nur ein begrenztes Ticket-Kontingent. Wo sonst ein paar Tausend Menschen Platz fänden, stehen nun um die 400 Sitzplätze zur Verfügung.

Von der riesigen Bühne sieht das Ganze sehr merkwürdig aus: als würde man ein Stadionkonzert vor ein paar versprengt herumsitzenden Familienangehörigen spielen. Beim Auftritt schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: So gut gemeint das hier ist – es ist definitiv nicht die Lösung! Zum ersten Mal bin ich froh, nicht allein von der Musik zu leben.

„Ist doch nur Krach“, soll ein Ordner während des Konzerts gesagt haben. Da hat er recht. Aber irgendwie müssen die schlafenden Hunde ja geweckt werden. Zurück im Oldenburger Münsterland wird wieder fröhlich die B 69 rauf und runter gefahren und Rosanne Cash gehört.

Und jetzt zurück in Köln The Phantom Payn. Die Platte ist noch großartiger, als ich sie in Erinnerung hatte: als ob die sonnenbebrillten Velvet Underground durch einen von Syd Barrett angelegten Ziergarten tapern. Vor meinem geistigen Auge sehe ich das Laub auf die B 69 rieseln. Der Herbst kann kommen!


ROLLING-STONE-Helden: Neil Young - der Unfassbare

Seit 1994 gab es zwei  Neil Youngs für mich. Der eine stand in meinem Plattenregal, ein verwittertes Monument in verschlissenen Jeans, „After The Gold Rush“, „Zuma“, „Comes A Time“, „Live Rust“, „Freedom“, Sie sagen es. Ende der 80er-Jahre hatte sich der Wind gedreht, Young war wieder cool, man konnte auf ihn setzen, und gerade hatte er „Sleeps With Angels“ veröffentlicht, das Beste nach Manna vom Himmel, Kurt Cobain war tot, und  der Alte hatte schon einen Song dazu. Seine Sentenz „It’s better to burn out than to fade away“ war Cobains Abschiedsgruß an die Welt. Neil Young und die Interviews…
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