Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Oden an den Frühling

Folge 174

Am 20. März beginnt in unserer Hemisphäre der Frühling. Die Natur erwacht, und das allumfassende Sprießen macht der winterlichen Trübsal den Garaus. Untrennbar verknüpft mit Neuanfang und dem Wiedererstarken positiver Kräfte, spielt der Frühling freilich auch in der Popmusik eine Rolle. Allerdings ist es weniger das Begehr von Popkünstlern, das Erblühen von Sumpfdotterblumen, Schlehdorn und Wiesenschaumkraut zu besingen – es geht mehr so um libidinöses Aufknospen und dergleichen.

Durchlaufen wir daher heute doch einfach mal die Frühlingswiesen der Popmusik. Hinlänglich bekannte Frühlingslieder, die von Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, den Beatles und Felix Mendelssohn-Bartholdy berühmt gemacht wurden, lassen wir dabei am Wegesrand liegen. Auch spezifische Oden an die Monate April und Mai bleiben außen vor.

Widmen wir uns stattdessen Tom Waits, der im Jahr 2005 „You Can Never Hold Back Spring“ veröffentlichte. Keines seiner Meisterstücke, aber es erfüllt absolut seinen Zweck, vor allem wenn es tatsächlich noch ein wenig dauert, bis man wieder an die Serotonin-Theke darf. Eine Klarinette spielt, und zarte Gewissheit macht sich breit, wenn Waits singt: „Winter dreams the same dream every time.“ Der Song stammt aus dem schrecklichen Roberto-Benigni-Film „Der Tiger und der Schnee“, in dem Tom Waits Tom Waits spielt.

Kooperation

„The Lullaby Of Spring“ ist ein zartes Gewächs von einem Lied, das den oft belächelten Donovan inmitten seiner wunderbar durchgeschepperten Psychedelic-Folk-Phase präsentiert. „So begins another spring/ Green leaves and of berries/ Chiff-chaff eggs are painted by/ Mother bird eating cherries“, singt der Barde aus Glasgow zu zartem Klampfen und klingt dabei wie die schottische Eso-Antwort auf Syd Barrett. Wer nach dem Genuss dieses Stücks nicht die Rösser anspannt, dem ist nicht zu helfen. Als Produzent firmiert Mickie Most, der später für Smokie und Hot Choco­late tätig war.

Nur ein Versprechen, aber das reicht ja oft

Wir bleiben auf der gebeutelten Frühlingsinsel. Auf dem Debütalbum der wunderbaren Londoner Lounge-Popper Saint Etienne findet sich das Stück „Spring“. Es ist 1991, und die gesampelten Beats müssen klingen, als wären sie für De La Soul zu schluffig gewesen. „It’s only springtime/ Oh, you’re too young to say you’re through with love“, beruhigt uns Sängerin Sarah Cracknell und knüpft den Frühling an das Versprechen, dass es nie für etwas zu spät sei. Wie gesagt nur ein Versprechen, aber das reicht ja oft.

„Spring Rain“ von den australischen Go-Betweens ist einer der drei besten Gitarrenpop-Songs der 80er-Jahre. Selten wurde das jugendliche Gefühl, anders zu sein, sich unzugehörig zu fühlen und Veränderung herbeizusehnen, so zwingend besungen wie vom damals 28-jährigen Robert Forster: „These people are excited by their cars/ I want surprises just like spring rain.“

Mein liebstes Frühlingslied stammt vom Pop-Genie Lucio Battisti und heißt „I giardini di marzo“. Das Prog-Pop-­Drama von 1972 ist eine der vielen inoffiziellen italienischen Nationalhymnen. Battistis „Märzgärten“ haben etwas Dunkles, möglicherweise macht das die Faszination des Stücks aus. Es geht in dem Text um Drogenmissbrauch, kommunikativen Zusammenbruch und Tod. „Ich ging weiter und ließ dich als Darstellerin von gestern zurück“, heißt es. Aber da ist eben auch Hoffnung: „Die Gärten im März kleiden sich in neuen Farben/ Und die jungen Frauen leben in diesem Monat neue Lieben.“

Bei manchen Liedern kann man nur vermuten, dass sie vom Frühling handeln: R.E.M.s „The Lifting“ etwa oder „I Wandered Lonely As A Cloud“ von Julian Cope, das Bezug auf William Wordsworths berühmtes Gedicht nimmt. Womit wir beim alten Fontane wären, der dichtete: „O schüttle ab den schweren Traum/ Und die lange Winterruh’:/ Es wagt es der alte Apfelbaum/ Herze, wag’s auch du!“ Könnte von einer noch zu gründenden Neo-Prog-Romantic-­Metal-Folk-Band namens Schlehdorn vertont werden.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: The Forgotton Indie Classics Series Teil 1

Folge 175 Da mich aktuelle Musik gerade ungefähr so sehr interessiert wie aktuelle Bad-Armaturen, möchte ich der geneigten Leserin diesmal hemmungslos von ein paar ollen Kamellen vorschwärmen. Es geht in diesem Pop-Tagebuch-Eintrag um vergessene Indie-Lieblingsplatten lang vergangener Tage. Um Alben, die ich lange nicht gehört habe, die aber - mehr noch als manch kanonisiertes Meisterwerk – einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben und der Nachforschung allemal lohnen. Also: Hände in die Luft für… The Forgotton Indie Classics Series Teil 1 1. Tall Dwarfs – Weeville (1990) Neuseeland. Unter den zahlreichen Heimstudio-Aktivisten, die in den späten 80ern und frühen 90ern jenes Para-Genre…
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