Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Am Ende der Dekade

Folge 173

Dass die Berichterstattung über Popmusik längst zu einem beträchtlichen Teil vom Erinnern an vergangene Glanztaten lebt, ist eine Binse. Auch im Jahr 2019 werden wieder Rock-Jubilare auf den Titelseiten der Musikmagazine prangen und für ihre Verdienste gepriesen werden. Immerhin ist es in diesem Jahr 50 Jahre her, dass die Beatles 1969 zum Mond flogen.

Auch in dieser Kolumne soll an einige runde Geburtstage erinnert werden. Wer nicht alles 50 wird: Jay Kay von Jamiroquai, Dave Grohl, Jennifer Lopez, PJ Harvey und Wyclef Jean etwa, eigentlich die halbe Neunziger-Belegschaft. Aber auch Graham Coxon, der ehemalige Gitarrist von Blur, der als Sohn eines Militärmusikers in Rinteln im Weserbergland das Licht der Welt erblickte. Graham Coxon: ein berühmter Sohn eines Städtchens im Landkreis Schaumburg – ein selten thematisierter Sachverhalt. Doch rasch weiter, bevor wir uns verfransen!

Dass Bruce Springsteen 70 wird, dürfte sich auch außerhalb engster Boss-Fan-Zirkel herumgesprochen haben. Doch manch anderer verdienter Recke, der ins siebte Jahrzehnt geht, droht vergessen zu werden: Tommy Engel etwa, der ehemalige Sänger der Bläck Fööss – jener Band, die Ihrem Autor in jungen Jahren das Konzept „Popmusik“ näherbrachte. Engel ist Stammgast in dem Café, auf das ich von meinem Schreibtischfenster schaue. Hier fährt er in Rockstar-Oldtimern vor und trägt während des Herumsitzens im Außengastronomiebereich eine Sonnenbrille, für die manch internationaler Star töten würde. Tommy Engel darf das. Bevor es abermals zu fransen droht: Auch Nick Lowe, der schon seit über einem Jahrzehnt die schönste und lässigste Siebzigjährigenmusik macht, darf 2019 so alt werden, wie er klingt. Kaufen Sie all seine Platten, selbst die schlechten sind besser als vieles, was man sonst so kauft.

Kooperation

Auch unzählige berühmte Alben kommen ins museale Alter: 1989, vor 30 Jahren, erschienen „Doolittle“ von den Pixies, „Disintegration“ von The Cure, „Bleach“ von Nirvana, De La Souls „3 Feet High And Rising“ und Phil Collins’ „… But Seriously“. Ulkige Zeiten! Alle genannten Werke werden irgendwo gebührend gewürdigt werden. Meine Lieblingsplatte von 1989 ist „Queen Elvis“ von Robyn Hitchcock & The Egyptians, die sich anhört, als hätten Syd Barrett, Andy Partridge und Bryan Ferry einen Gentlemen’s Club gegründet. Das Eröffnungsstück, „Madonna Of The Wasps“, gehört ins Museum für surreale Pop-Kleinode. Ein Lied weiter ragen Teufelshörner aus dem Rührei, und Hitchcock weiß: „Honesty is money in the cemetery.“

Zu den populärsten Alben, deren Veröffentlichung sich in diesem Jahr zum 40. Mal jährt, zählen Pink Floyds „The Wall“, „Highway to Hell“ von AC/DC, „Voulez-Vous“ von ABBA, Michael Jacksons „Off The Wall“ und „London Calling“ von The Clash. Joy Division und The Cure veröffentlichten ihre Erstlingswerke, ebenso wie die B-52’s oder The Specials. Der umwerfendste Einstand des Jahres aber ist das Debüt von The Roches, drei Schwestern aus der Folk-Szene von Greenwich, deren kühne Song-Gespinste und ohnmächtig machende Harmoniegesänge hier sanft von Robert Fripps Frippertronics durchfrippert werden.

Es gibt auch treue Arbeiter im Weinberg des Musikgeschäfts, denen womöglich nirgendwo richtig ausgiebig zu ihren Festtagen gehuldigt werden wird. James Young, der zum Zeitpunkt der Niederschrift 69-jährige Gitarrist von Styx, ist so einer. Auch hier kann an diesem Missstand nichts geändert werden, da ich mit Styx so gar nicht vertraut bin. Aber warum nicht einfach am 14. November ein Glas auf James Young trinken? Und wenn die vorwurfsvolle Frage kommt, ob man wirklich noch einen trinken müsse, dann kann man sagen: „Allerdings. Auf James Youngs 70.! Macht ja sonst keiner. Und bevor einer fragt: Der nächste geht auf den 780. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte an Graham Coxons Geburtsstadt Rinteln an der Weser. Prost!“


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Oden an den Frühling

Folge 174 Am 20. März beginnt in unserer Hemisphäre der Frühling. Die Natur erwacht, und das allumfassende Sprießen macht der winterlichen Trübsal den Garaus. Untrennbar verknüpft mit Neuanfang und dem Wiedererstarken positiver Kräfte, spielt der Frühling freilich auch in der Popmusik eine Rolle. Allerdings ist es weniger das Begehr von Popkünstlern, das Erblühen von Sumpfdotterblumen, Schlehdorn und Wiesenschaumkraut zu besingen – es geht mehr so um libidinöses Aufknospen und dergleichen. Durchlaufen wir daher heute doch einfach mal die Frühlingswiesen der Popmusik. Hinlänglich bekannte Frühlingslieder, die von Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, den Beatles und Felix Mendelssohn-Bartholdy berühmt gemacht wurden, lassen wir dabei…
Weiterlesen
Zur Startseite