Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wenn Jonathan vom Sommer singt…

Montag.

Bei einer Freundin liegt das DM-Magazin alverde herum. Auf dem Cover ist Daniel Donskoy zu sehen. „Wer ist Daniel Donskoy?“, höre ich meine Leserinnen fragen. „Daniel Donskoy: Schauspieler mit Temperament, Tiefgang und toller Musik“, informiert in dieser Angelegenheit das alverde-Cover. Ich bin schlagartig angefixt, Temperament ist ja immer super.

Eine weitere Story im Heft: „Festivalfrisuren, die alles mitmachen“. Auch das macht neugierig. Was hat man sich schon über Festivalfrisuren geärgert, die so gut wie nichts mitmachten und die man gleich nach zwei Songs von Papa Roach schon wieder in die Tonne kloppen konnte! Wer aber nun hoffte, im Heftinnern ein paar Dutzend ebenso ungesehener wie greller Extremfrisuren zum Nachbasteln präsentiert zu bekommen, wird bitter enttäuscht. Ganze vier Haartrachten werden präsentiert: „Fishbone Half-up“, „Hippie Braids“, „Greek Twist“ und „Gipsy Bun“. Die Frisuren sind sicher alle vier spitzenmäßig und sollten am besten gleichzeitig auf allen Festivals dieser Welt getragen werden; im Grunde sehen sie aber nur aus wie Haare.

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Dafür lässt sich der Artikel über Daniel Donskoy gut an: „So tun als ob, geht gar nicht. Als Daniel Donskoy fürs Foto seine Gitarre auspackt, spielt er gleich seine selbstgeschriebenen Songs. Spontan loszulegen hat er als Straßenmusiker gelernt: „Die beste Schule, weil du das ehrlichste Publikum hast“, findet der 29-Jährige.“ Selbstgeschriebene Songs! Spontan loslegen!! Ehrliches Publikum!!! Endlich wird Erträumtes wahr.

Shazam des Tages: Kourosh Yaghmaei – Leila

Dienstag.

Der Straßenmusiker unten auf dem Platz ermordet „Scarborough Fair“.
Ich gehe in ein dunkles Plattengeschäft, wo ich nach einigem halbinteressierten Wühlen auf eine der schönen Duke-Ellington-Suiten stoße. Als ich an der Theke zahlen möchte, fragt mich der Plattenladenbesitzer, ob ich eigentlich der Typ sei, der das Pop-Tagebuch schreibe. Eigentlich und auch nicht eigentlich, antworte ich wahrheitsgemäß.

Er habe meine Kolumne gelesen, informiert der Ladenbesitzer. Ach, welche? Nun, die, in der er verewigt sei – als Plattenladenbesitzer, der den enormen Plauderbedarf eines Herrn mit Interesse an Glockengeläut-Tonträgern nur mittels eines sehr lauten Vinyl-Reinigungsgeräts zu stoppen in der Lage gewesen sei. Ah ja, antworte ich, während mir der Schweiß ausbricht. Ja, man bekomme wirklich so einiges von den Kunden erzählt als Plattenhändler, sagt er. Was er sich hier manchmal anhören müsse – schlimmer als beim Frisör! Er habe übrigens ein neues Vinyl-Reinigungsgerät. Er grinst verschwörerisch. Ob ich mal hören wolle?

Shazam des Tages: Tati Quebra Barraco – Boladona

Mittwoch

Paul McCartney wird 77. Ich höre zu Ehren des Meisters dreimal hintereinander „RAM“, habe dann aber plötzlich mehr Lust auf Grace Jones. Nach zwei Durchgängen von „Nightclubbing“, einer der zehn besten Platten der Achtziger, fällt mir dann ihr von Nile Rodgers produziertes Album in die Hände. Ich höre zwei Stücke und stelle sie dann in die Kiste mit den aussortierten, zu verkaufenden Platten. Mit beinahe 50 kann ich endlich sagen: Ich habe mein Verhältnis zu Nile Rodgers geklärt.
Der Inhalt dieser Aussortiert-Kiste würde übrigens einen aufschlussreichen „Musik, von der ich mich verabschiedet habe“-Text ergeben. Vielleicht demnächst mal.

Shazam des Tages: Jane Weaver – „Ravenspoint (Loops Variation)“

Donnerstag.

Brian Wilson wird 77. Es soll ihm dieser Tage ja mal wieder nicht so gut gehen.

Ich höre zu Ehren des Meisters zweimal hintereinander „Friends“ und probiere dazu ein paar Festivalfrisuren, die alles mitmachen, breche dann aber ab.
In den sogenannten sozialen Medien deutet Einiges darauf hin, dass Rammstein und Phil Collins irgendwo gespielt haben müssen. Allüberall sind Fotos von Menschenmassen vor fernen Bühnen in Fußballstadien zu sehen; manche recken mit dem Logo der Musiker bedruckte Bierbecher in die Luft. Oh, süßes Glück des Nichtdabeiseinmüssens!

Shazam des Tages: Faye Webster – „Room Temperature“

Freitag.

Ray Davies wird 75. Ich höre acht Mal hintereinander meinen Kinks-Lieblingssong „Too Much On My Mind“, frage mich dabei, warum ich nichts Vernünftiges gelernt habe und erwäge zum wiederholten Mal, wortkarger Bilderrahmer in Hamburg zu werden.

Freund Volker berichtet enthusiastisch, es gebe eine neue Jonathan-Richman-Platte. Sie ist wohl bereits Ende letzten Jahres erschienen, aber was bedeutet das schon im Gepolter und Gelichter unserer hektischen Tage?

Weil „SA!“, so der Titel des Albums, so rasch nicht aufzutreiben ist, wird erstmal wieder Altes von Jonathan Richman hervorgekramt. Und man muss einfach mal wieder festhalten: Wenn man auf der Suche nach geeignetem Liedmaterial zur Untermalung sommerlicher Beschaffenheiten ist, führt an Jonathan Richman kein Weg vorbei: „That Summer Feeling“, „Ice Cream Man“, „I Love Hot Nights“ und „Summer Morning“ seien hier exemplarisch als Top-Sommerbegleitlieder genannt.

Aber warum sollte es auch Wunder nehmen, dass niemand besser über den Sommer singt als Jonathan Richman, er singt schließlich auch über andere Sachen am besten: Harpo Marx’ Harfenspiel, Paris, Schneemänner im Supermarkt, New England und Pablo Picasso etwa.

Shazam des Tages: Keiner. Warum sollte man shazamen, wenn Jonathan Richman vom Sommer singt?


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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Mystische Brüste und kastrierte Philosophen

Vor zwei Jahren habe ich eine neue Band gegründet, sie heißt DIE REALITÄT. Wir sind super: sehr laut – aber süß. It’s indie as fuck, wie meine Großtante zu sagen pflegte. Oder wie wir zu sagen pflegen: „Heute, wo sich niemand mehr für Bands interessiert, haben wir eine gegründet.“ Man nennt das womöglich antizyklisches Arbeiten. Oder man nennt es sonst irgendwie. Worauf ich hinaus will: Es ist für hiesige Indie-Musiker verführerisch, vergangene Zeiten zu glorifizieren: „In den späten Achtzigern wären wir groß gewesen! Spex-Titelbild mindestens!!“ Vor ein paar Tagen fand ich eine olle Spex-Ausgabe aus dem Jahr 1988: „The German…
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