Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wo man nicht tot am Bauzaun hängen will

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wo man nicht tot am Bauzaun hängen will

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Folge 147

Mal etwas ganz Grundsätzliches zum Thema Pop-Marketing.

Es sind keineswegs Internet, Fernsehen, Radio oder irgendwelche knalligen Kampagnen, die darüber entscheiden, wer im Popstar-Land das Zepter schwingt. Schon als junger Novize im Showgeschäft lernte ich: Über Gedeih und Verderb einer musikalischen Karriere wird am Bauzaun entschieden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was der Bauzaun sagt, ist wahr. Beziehungsweise: Das, was am morschen Holze prangt, hat das Zeug dazu, erfolgreich zu sein.

Unlängst bin ich mal wieder an solch einem Bauzaun vorbeigelaufen. Das erste Plakat, dessen ich ansichtig wurde, kündigte einen Liveauftritt der AOR-Band Toto an. Toto zählen zu jenen Bands, die in ihrer Hochphase unter jungen Menschen, die sich allzu ernsthaft mit Popmusik befassten, als greise Gruseltruppe galten. Hat die Band das Zeug von Menschen, die sich heute allzu ernsthaft mit Musik befassen, wiederentdeckt zu werden? Die neuerliche Sichtung des Videos zu „Africa“, Totos Turbo-Smasher aus dem Jahr 1982, nährt diesen Verdacht: Die Musiker sehen da mit ihren Bärten, Übergrößenbrillen und Freizeithemden exakt so aus wie heutige jungurbane Vinyl-Nerds, denen vor lauter Yacht-Pop das Rettungsboot abgesoffen ist.

Für uns Para-Punks war Toto damals der Inbegriff der furchterregenden Effektgeräte-Tester-Band – komplett besetzt mit jener Sorte Typen, die einem im Musikinstrumenteladen das Gefühl gaben, allein mit unseren begierigen Blicken die teuren Instrumente zu besudeln. Amüsanterweise schlägt sich diese Betrachtungsweise der Band – wenngleich als Kompliment gedacht – auch im deutschen Wikipedia-Eintrag nieder: „So wechselt zum Beispiel Jeff Porcaro im Titel Rosanna von einem kraftvollen ternären Shuffle-Rhythmus zu einer binären Spielweise“, heißt es dort, „um nach einem Break mit einer die Spannung steigernden Pause wieder den Shuffle-Rhythmus aufzunehmen. Extrem schnelle Stücke oder gar Hard Rock spielte Toto eher selten, obwohl Steve Lukather ab und zu harte Powerchords sowie handfeste Rocksoli einstreute.“ Das mit der binären Spielweise ist sicher richtig, das mit den handfesten Rocksoli auch. Ich werde mir wohl kein Konzertticket kaufen, aber ich weise heute Taxifahrer nicht mehr an, das Radio auszumachen, wenn „Africa“ oder „Rosanna“ laufen.

Ich schlenderte weiter zum nächsten Plakat, das auf die bevorstehende Tournee der Nu-Metal-Band Papa Roach verwies. Über diese Band habe ich nun so gar keine Lust, irgendetwas zu sagen, außer dass einige der Musiker reizvolle Namen haben: Einer heißt Jacoby Shaddix, ein anderer Tony Palermo. Noch weniger mag ich nur über die Band Bush schreiben, die – so entnehme ich es dem gleich danebenhängenden Plakat – ebenfalls bestrebt ist, ihrem Schaffen noch einen Nachklapp zu verabreichen.

Zwei Schritte weiter setzte es dann die ganze Pracht der Neuen Deutschen Zünftigkeit: Schandmaul, Haudegen und In Extremo, so informierte der Bauzaun, planen die Stadt heimzusuchen. Nicht gemeinsam, das wäre dann doch zu anstrengend: Ständig stünde man sich da backstage mit den Dudelsäcken im Weg. „Aber Haudegen haben doch gar keine Dudelsäcke!“, mag man nun einwenden. Das stimmt wohl: Da war ich voreilig – Haudegen sackdudeln nicht. Dafür singen sie „Jenseits von Eden fließen Blut, Schweiß und Tränen“ und beziehen sich wohl auf Pantera und Klaus Lage, was Letzteren bekümmern könnte.

Ein wenig erschlagen von der gebotenen Vielfalt, schleppte ich mich noch an den Plakaten für ein vermutlich ebenfalls von jeglicher Dudelsackpfeiferei freies „Unplugged“-Album des Reggae-Musikers Gentleman vorbei, als mir am Ende des Bauzauns wie das langersehnte Antlitz von Würde, Anmut und Vernunft der Hardrock-Pionier Alice Cooper entgegenstierte. Ich wusste gar nicht, wie sehr man sich über Alice Cooper freuen kann.

Wird Alice Cooper eigentlich nur in Deutschland als „Schockrocker“ bezeichnet? Mir persönlich ist ja das Wort „Schockrocker“ als Bezeichnung für Musiker, die kajalbeschmiert auf der Bühne von Pappfledermäusen umflattert unter Papp-Guillotinen liegen, noch unangenehmer als das Wort „Rockröhre“. Jenseits seines Werkes – vielleicht sogar diesseits seines Werkes – scheint mir Herr Cooper ein sensibler Zeitgenosse zu sein: Er spielt Golf, hing mit Glen Campbell herum (den er kurz nach dessen Tod feinfühlig in einem Interview verabschiedete), und in der Muppets-Show war er auch schon zu Gast. Letzteres wird man über Papa Roach, Bush, Schanddegen und Haumaul nie sagen können.

Tja, so ist das: Einmal arglos am Bauzaun entlanggelaufen, ein wenig zu genau hingeschaut – prompt fühlt man sich, als hätte man drei Packungen Scheibletten gegessen. Es hilft alles nichts: Ich werde ein teutonisch-anmutendes Elektro-Projekt mit dem Namen „Bauzaun“ gründen. Irgendjemand muss Klaus Lage rächen. Kermit doesn’t live here anymore.

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Rock in Tutzing

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