Eric Pfeils Poptagebuch: Werbung wirkt


von


Folge 14

Als ich vor ein paar Tagen mal wieder das Bedürfnis verspürte, den Wagen auszufahren, da hatte ich plötzlich ein hemmungslos mit Werbung beschriftetes Auto vor mir: „Live-Musik für jede Gelegenheit“ wurde da versprochen, darunter eine Telefonnummer. Man beklebt sich das Auto ja sicher nicht aus Quatsch, es muss wohl etwas bringen. Trotzdem fällt mir die Vorstellung schwer, dass sich in hinter dem Gefährt herfahrenden Autos Dialoge wie der folgende entspinnen könnten:

„Schau doch, Schatz: Live-Musik für jede Gelegenheit. Das suchen wir doch.“

„Hm … ich weiß nicht. Tun wir das?“

„Ja, letztens sagtest du doch noch, wie schön es jetzt wäre, wenn eine Tanzkapelle auf unserem Balkon stünde und unser Frühstück untermalte.“

„Na ja …“

„Oder vor ein paar Tagen, als du meintest, es wäre doch famos, wenn nun eine Mariachiband an unser zerwühltes Bett träte und zur Zigarette danach aufspielte.“

„Schon, aber ich weiß nicht, ob die Burschen da vor uns mit dem beklebten Auto diejenigen sind …“

„Aha, jetzt kneifst du. Die Chance ist einmalig!“

„Das vielleicht, aber auch denkbar ungünstig. Wir haben nichts zu schreiben.“

„Dann merken wir uns die Nummer. 8 – 9 – 4 …“

„Ich finde übrigens, der von den vor uns fahrenden Herren gewählte Werbeslogan ist undurchdacht.“

„7 – 2 … Was?“

„Live-Musik für jede Gelegenheit. Es gibt definitiv Gelegenheiten, da braucht man keine Live-Musik.“

„Du meinst, es gibt Gelegenheiten, da täte es auch Musik aus der Konserve, wie es früher gerne hieß?“

„Nein, ich meine, dass es Gelegenheiten gibt, da will man keine Live-Musik hören. Überhaupt keine Musik. Momente ohne Musik können goldene Momente sein. Es ist doch überall Musik und meistens die falsche.“

„Sag mir ein Beispiel, wo das Leben ohne Musik besser wäre als mit. Nur eins.“

„Beim Schlafen.“

„Blödes Beispiel. Schlafen zählt nicht.“

„Ok, beim Schachspielen.“

„Du spielst doch gar kein Schach.“

„Das wird mir jetzt zu blöd. Ich überhole und wir gucken mal, wie diese Typen überhaupt aussehen, bevor wir uns ihre Nummer aufschreiben.“

Der Mann wechselt auf die linke Spur und gibt Gas, auf Höhe des Livemusik-Gefährts verlangsamt er, sodass das Paar sich den Fahrer des Wagens ansehen kann. Am Steuer sitzt Gene Simmons von Kiss. Der Mann gibt abermals Gas, überholt das Auto und setzt sich mit einigem Abstand davor. Nach einer kurzen Pause ergreift die Frau wieder das Wort.

„Das war Gene Simmons von Kiss“.

„Quatsch, das ist typisch: Das war nicht Gene Simmons. Das war einfach nur ein Typ, der wie Gene Simmons geschminkt ist.“

„Ach, manchmal bist du unerträglich mit deiner Besserwisserei.“

Die Frau dreht das Radio an. Soeben laufen Kulturnachrichten.

„ … teilte mit, dass die Berliner Punkband David Ruprecht Precht Aquarium ihren Namen künftig nicht weiter führen darf. Die Band hatte ihren Namen gewählt, nachdem sie gelesen hatte, dass der Philosoph Richard David Precht ein riesiges Aquarium in seiner Wohnung hat. Da man den Namen des Denkers allerdings falsch verstanden hatte, war der Name David Ruprecht Precht Aquarium entstanden. Ein Sprecher der Band kündigte an, man werde sich künftig Richard Wagner Brecht Planetarium nennen.“

Die Frau dreht das Radio aus.

„Ich bin wütend und empört. Wo kommen wir denn hin, wenn sich Punkbands nicht mehr nennen dürfen, wie sie wollen?! Los, wir rufen den Musik-für-jede-Gelegenheit-Gene-Simmons an, er soll uns auf dem nächsten Rastplatz eine Musik spielen, die zu unserer Wut und Empörung passt.“

„Liebling, auch ich bin wütend und empört. Aber der Mann, der sich wie Gene Simmons geschminkt hat, spielt Musik für jede Gelegenheit. Was du gerade willst, ist Musik für jede Stimmung. Das ist etwas ganz anderes. Ich weiß nicht, ob der Musiker hinter uns das …“

„Wie feige du bist. Wenn du mich liebst, dann sei jetzt an meiner Seite.“

Sie tippt die Nummer in ihr Mobiltelefon …