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“Es hat mich nie interessiert, was die anderen gedacht haben”: Elvis Costello im Interview

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“Es hat mich nie interessiert, was die anderen gedacht haben”: Elvis Costello im Interview

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Dass Elvis Costello einiges über seine eigene Person zu sagen haben würde, konnte man schon an seinen Wortungetümen, die er Songs nennt, und den eloquenten Liner Notes zu den Reissues seiner Alben ablesen. Nun hat er mit „Unfaithful Music“ (in deutscher Übersetzung beim Berlin Verlag erschienen, 29,99 Euro) seine Memoiren vorgelegt, die zumindest quantitativ wohl nur von Winston Churchills mehrbändigen Lebenserinnerungen übertroffen werden. Auf knapp 800 Seiten erzählt er kurzweilig, allerdings ohne erkennbare Struktur oder Chronologie von seinem Leben als Spross einer Musikerfamilie (sein Vater, Ross, war Sänger und Trompeter beim Joe Loss Orchestra, sein Großvater Pat spielte als Hornist u. a. auf Schiffen der White Star Line), von der Entstehung seiner Songs, von Treffen mit Idolen wie Paul McCartney, George Jones und Bob Dylan, von Krisen und Fehltritten, Lastern und Lieben, Liverpool und London.

„Unfaithful Music“ ist auch eine Art Familien­geschichte. War der Tod Ihres Vaters Ende 2011 ein Auslöser, dieses Buch zu schreiben?
Ich glaube nicht, dass sein Tod eine Rolle spielte, aber die Zeit, als er krank wurde und allmählich sein Bewusstsein verlor. Da fühlte ich eine größere Dringlichkeit, mit ihm zu sprechen. Und er hatte tolle Geschichten – vor allem über meinen Großvater, dem ich ein ganzes Kapitel widme. Denn irgendwann wurde mir klar, dass ich der Letzte war, der all das aufschreiben kann.
Sie sind in London aufgewachsen, aber Ihr Herz scheint für die Merseyside zu schlagen.
Wie kommen Sie darauf?
Erstens ist Birkenhead – der Ort, aus dem Ihre Familie ursprünglich stammt – in Ihren Kindheitserinnerungen sehr prominent vertreten. Zweitens sind Ihnen die Beatles näher als die Stones. Und drittens kommt ihre Lieblingsfußballmannschaft aus Liverpool.
(Lacht) Ja, sieht ganz so aus, als hätten wir jetzt einen deutschen Trainer (Jürgen Klopp wurde in der Woche des Interviews Trainer des Liverpool F.C. – Red.). Ich mag ihn, weil er eine gewisse Exzentrik hat, und ich glaube, die braucht man dort auch. Ich habe als Kind viel Zeit in Birkenhead verbracht, und als meine Mutter 1970 zurück nach Liverpool ging, bin ich dort kurz zur Schule gegangen. Ich habe sicherlich mehr Zeit im Süden Englands verbracht, aber die Zeit, die ich in den Ferien und an Feiertagen im Norden bei der Familie verlebt habe, ist mir heute näher und hat mir ein Heimatgefühl gegeben. Kindheitserinnerungen betreffen oft Dinge, die aufregend waren, nicht so sehr das alltägliche Einerlei.
In Liverpool wurden Sie Zeuge, wie einer Ihrer Schulfreunde von einem Auto erfasst wurde und starb. Das scheint ein entscheidendes Ereignis in Ihrem Leben gewesen zu sein.
Ja, das war vermutlich der Punkt, an dem ich mir erstmals der Zerbrechlichkeit des Lebens bewusst wurde und mir klar wurde, dass ich besser keine Zeit mit Dingen verlieren sollte, von denen man mir sagte, ich müsse sie tun. Das hat mich zu der Entscheidung gebracht, dass ich nicht irgend­was studieren will, worauf ich eigentlich keine Lust habe.
Und dann haben Sie mit Allan Mayes das Folkduo Rusty gegründet.
Ich habe für das Buch wieder Kontakt zu ihm aufgenommen. Wir hatten uns 30 Jahre nicht gesehen. Er hatte in einem Notizbuch jedes Konzert und jeden Song, den wir gespielt hatten, festgehalten und dazu noch, wie viel Geld wir verdient hatten – es war nicht sehr viel. Das hat mir sehr geholfen zu sehen, wie klein das war, was wir damals machten, und wie das im Verhältnis zu unseren großen Träumen stand. Es gibt ein Demo, das wir mit einem alten Tonbandgerät aufgenommen haben. Es klingt, als wäre es in den 30er-Jahren entstanden. Aber es reicht, um zu hören, dass da etwas war, das uns ausmachte.
Der Erfolg kam dann ja erst ein paar Jahre später: ausgerechnet zu Zeiten von Punk und New Wave. Dabei haben Sie The Grateful Dead gehört und Crosby, Stills & Nash.
Ich habe mich damals sicher nicht als Teil der Punkszene verstanden, aber ich habe da eine Gelegenheit gesehen, meine streitlustige Natur nicht länger zügeln zu müssen. Bis dahin hatte ich gedacht, ich würde niemals sagen können, was ich denke, weil die Musik der frühen Siebziger dafür zu liebenswürdig und gefällig war. Leute saßen auf Hockern, waren sehr bescheiden. Ich habe Graham Nash und David Crosby gesehen, und die haben lauter Witze gerissen, und Crosby hat so getan, als wäre er total stoned. Das war alles ein wenig zu niedlich und nett. Ich liebte die Musik, aber mit der Art, wie sie mit dem Publikum redeten, konnte ich nichts anfangen. Ich konnte auf der Bühne auch gar nicht so nett reden. Als dann Aggression die neue Währung war, wusste ich: Das kann ich!
Welche Rolle spielten denn die Attractions bei dem aggressiven Sound Ihrer Platten? Das war ja ein wild zusammengewürfelter Haufen. Sie schreiben wenig über die Spannungen innerhalb der Band.
Ich weiß gar nicht, ob es innerhalb der Band Spannungen gab, ich habe jedenfalls nichts in der Richtung mitbekommen. Wollen Sie wirklich die Wahrheit hören? Es hat mich nie interessiert, was die anderen gedacht haben. Damals nicht und heute nicht. Ich respektierte, was sie spielten, aber ich habe sie nicht um ihre Meinung gefragt – weil ich der Chef der Gruppe war. Sie waren Musiker, und sie hätten nichts zu spielen gehabt, wenn ich nicht die Songs geschrieben hätte. Was waren die anderen großen Platten, auf denen sie zu dieser Zeit mitgespielt haben? Es gab keine! Die Spannungen bestanden nicht innerhalb der Band, sondern zwischen mir und der Idee. Und wenn man sich meine Alben von damals anhört, stellt man fest, dass man vor allem meinen Gesang hört – aber das ist alles nicht besonders gut gespielt.
Ein Artikel im „NME“ von Nick Kent, in dem Sie sagten, Sie schrieben Ihre Songs aus Schuldgefühl und Rache, hat Ihr Image entscheidend mitgeprägt. Sie beschreiben, wie während des Interviews eine Art Kunstfigur entstanden sei …
Man muss bedenken, dass all diese Leute, deren Job darin bestand, einen bestimmten Geschmack, eine bestimmte Ästhetik durchzusetzen und einen bestimmten Stil zu kommentieren, genau wussten, was sie taten. Die hatten schon ihre Masche. Ich hatte keine, aber sie gaben mir zufällig eine, und das war eine Weile gut für mich. Aber irgendwann stellt man fest, dass auch das Publikum in diesen engen Kategorien über einen denkt. Und wenn man versucht, andere Gefühle und Erfahrungen in den Songs unterzubringen, können sie die nicht hören, weil sie die nicht erwarten. Es ist gefährlich, die ganze Zeit in dieser Rolle herumzulaufen.
Gab es Freundschaften zu den „NME“-Autoren jener Zeit?
Die dachten das vielleicht, aber für mich waren das einfach irgendwelche Leute, die ich kannte. So wie die Leute von der Plattenfirma: Das sind nicht deine Freunde, das sind nur Leute, mit denen man Geschäfte macht. Sie waren freundlich genug, und es war nett mit ihnen, aber wenn ich sie nie wiedergesehen hätte, hätte mir das keine schlaflosen Nächte bereitet.
In den Memoiren von Chrissie Hynde und Viv Albertine, die gerade erschienen sind, liest sich das natürlich etwas anders.
Chrissies Buch habe ich nicht gelesen. Es kann ja schon angsteinflößend sein, wenn man nur mit ihr spricht. Ich bin gespannt. Aber ich habe ein wenig in Kim Gordons Buch gelesen, weil ich neugierig war, wie es ist, die Memoiren von jemandem zu lesen, dessen Musik man fast überhaupt nicht kennt. Und natürlich muss man das nicht – man muss keine einzige Note kennen. Und ich denke auch, mein Buch ist kein Rockbuch, es ist ein Buch über ein Leben. Man muss aufpassen, dass das Buch nicht nur davon handelt, welche Gitarren­saiten man benutzt. Das ist nur für Leute interessant, die Rockfakten sammeln. Das ist nicht der Stoff des Lebens. Und ich habe versucht, genau darüber zu schreiben, woraus ein Leben besteht: Emotionen, die Art und Weise, wie man aus Erfah­rungen lernt, und dass man eben seine eigenen Erfahrungen machen muss. Und auch wenn du dabei dieselben Fehler machst, die dein Vater gemacht hat, bedeutet das nicht, dass er dafür verantwortlich ist. Das ist was anderes, als sich darüber Gedanken zu machen, ob es in einer Gruppe, die sich vor 30 Jahren getrennt hat, Spannungen gab. Who cares?

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