Fassbinder in Berlin – Filmgenie mit FC-Bayern-Shirt

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Fassbinder in Berlin – Filmgenie mit FC-Bayern-Shirt

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Er war ein Revolutionär, ein Berserker des Films, aber er war auch ein Kind seiner Zeit. Daran erinnerte Hanna Schygulla, in Ehren ergraute Stammschauspielerin des größten deutschen Regisseurs, als sie zur Eröffnung der Fassbinder-Ausstellung in Berlin ein markerschütterndes Medley mit Hits der Rolling Stones, von Bob Dylan und Janis Joplin zum besten gab. Those were the days. Und tatsächlich hätte man gerne gewusst, welche  Musik Rainer Werner Fassbinder tatsächlich gehört und geliebt hat.

Doch statt seiner Plattensammlung findet sich in den Räumen des Martin-Gropius-Baus die private Filmsammlung des Regiegenies, ordentlich mit Filzstift beschriftet in drei Dutzend BASF-Schachteln. Obwohl: Einen Hinweis gibt es dann doch. In einer Glasvitrine liegen neben der Anfrage des Rowohlt-Verlags, ob denn der Herr Fassbinder seine Lieblingsfilme für den Sammelband „Rowohlts bunte Liste“ nennen könne, ein paar akribisch mit Bleistift vollgeschriebene Zettel: Fassbinders Lieblingsschauspielerinnen, Fußballspieler, Schriftsteller und – ja! – Musiker. Auf Platz eins steht Elvis Presley, auf Platz 6 Kraftwerk. Wirklich weiter bringt einen das nicht.

Dann schon eher die Themenräume, die sich Kamerafahrten, Einstellungen, Motivlinien in Fassbinders Filmen widmen. Die Kamera, die auf Schienen montiert um die Schauspieler fährt, die vielen gleichsam steifen wie hochemotionalen Konfliktszenen, die sich in kalter Gewalt entladen, der mitunter an Roxy Music erinnernde Gebrauch von Make Up. Hier ist es alles noch einmal zu studieren. Und vor allem auch, wie zeitlos und seiner Zeit voraus Fassbinder, der wichtigste deutsche Regisseur, stets war.

Auch wenn gerne seine Rolle als „Chronist“ (was er bestimmt nicht war) der alten Bundesrepublik, als Aufarbeiter der Nazizeit und Essayist der 68er betont wird, sind es eher die dahinter liegenden Themen, die bis heute bewegen: die Hölle Familie, die Bestie Kapitalismus, das Korsett Konformität. Und natürlich: Fassbinders Blick und Ästhetik, das kühle Melodram, die an Douglas Sirk geschulten Farben, die ständige Geschlechterverwirrung, das überzeichnete Sprechen und das scharf konturierte Styling. Eine Handschrift und Schärfe, die sich durch über 40 Filme zieht.

Neben den Filmräumen, einem Raum mit Kostümen von Barbara Baum (Lola! Lilli Marleen! Maria Braun! Veronika Voss! All die tollen Fassbinder-Frauen) und einem mit Devotionalien (Fassbinders Fahrrad, seine Lederjacke, das FC-Bayern-Shirt, das Manuskript von „Kokain“, die Schreibmaschine, auf der Fassbinders Mutter seine auf Tonband gesprochenen Drehbücher abtippte), gibt es noch ein paar Räume, in denen die Werke von Künstlern gezeigt werden, die mehr oder weniger an Fassbinder andocken, sich auf ihn berufen.

Bei den schönen, klaren Leuchtkasten-Fotos von Jeff Wall leuchtet das weniger ein als bei der tollen Installation von Ming Wong, einem in Berlin lebenden Künstler aus Singapur. Sie heißt „Lerne Deutsch mit Petra von Kant“ und zeigt den als Margit Carstensen verkleideten Künstler, wie er ohne ein Wort Deutsch zu können den Text der Telefonszene aus Fassbinders Lesben-Drama nachspricht. Gezeigt als Video auf einem zeithistorischen Fernsehgerät (der Film ist von 1972) und als Einzelstills auf einer hohen Wand.

Was die Ausstellung wirklich klarmacht: Es gibt niemanden mehr im deutschen Film, der auch nur annähernd eine provozierende Präsenz hat wie Fassbinder sie hatte, und keinen, dessen Ästhetik und Schärfe Schneisen in die Kultur schlägt, wie es Fassbinders stärkste Filme taten.

Die Ausstellung „Fassbinder jetzt“ wird von Rolling Stone präsentiert und ist bis zum 23. August im Berliner Gropius Bau zu sehen.

 

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