Fettes Brot: „Wir sind die Helene Hegemann der Popmusik!“


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Frühe Brotzeit mit den Broten: Im Berliner Ramones-Museum sitzen Martin Vandreier (Doktor Renz), Boris Lauterbach (König Boris) und Björn Warn (Björn Beton) auf einem Sofa. Boris trägt Hut, Björn Brille und Martin eine Trainingsjacke. Es ist 11 Uhr morgens und die drei geben schon Interviews. Eine Dame mit schwarzem Haar und tätoowiertem Dekolleté macht Wasser heiß und stell drei Gläser nebst drei Beuteln grünen Tee auf den Tisch. Die wirklich ohrenbetäubend laute Kaffemaschine besagter Dame hat es dann auch in der Schuld, dass wir dieses Video nicht wie ursprünglich geplant als Videoclip in die Welt schicken können (und dass der Autor dieser Zeilen nun den Gehörschaden hat, den die vielen Rockkonzerte zuvor nicht zustande gebracht haben).

18 Jahre gibt es Fettes Brot jetzt schon, die Volljährigkeit ist also erreicht – und die Lebenszeit der Band kann wohl endgültig als Erfolgsgeschichte verbucht werden. Was zum Beispiel die Tatsache belegt, dass sie es sogar schaffen, mit einem einzeln veröffentlichen Doppel-Live-Album gleich doppelt in den Charts zu landen. Auch die Hallentour, die Ende April startet ist bereits größtenteils ausverkauft. Gründe gibt es also genug, sich mal mit den drei Herren hinter dem heimischen Pop-Phänomen zu unterhalten. Daniel Koch und Frederic Schwilden sprachen mit Fettes Brot über die Musik, mit der sie groß geworden sind, über die Kulturtechnik des Zitierens und warum ihre Lokomotive nicht mehr zu stoppen ist.

Obwohl euer HipHop-Background ja nach wie vor raushörbar ist, spielt ihr ja auf Rock-, Indie- und Reggaefestivals und habt sogar mal eine Ärtze-Tour eröffnet – ohne von der Bühne gebuht zu werden. Habt ihr eine Ahnung, woran das liegt? Und gab es schon mal Momente, in denen das Vermischen der verschiedenen Genres nicht aufgegangen ist?

Doktor Renz: So ganz sitzengelassen wurden wir vom Publikum bisher nicht. Es gab bei der Ärzte-Tour einige Auftritte, bei denen man uns deutlich gezeigt hat, wo unsere Grenzen sind, oder wo die Grenzen zwischen Punk-Rock und Hip-Hop verlaufen. Das war teilweise so leidenschaftliches Desinteresse, dass es sich schon wieder wie Liebe anfühlte.

Björn Beton: Unser Vorteil ist, dass wir versuchen mit dem Publikum zu kommunizieren. Wir sind drei und durch unsere Mikrofone sind wir viel lauter, aber wir versuchen zwischen den Lieder zu erahnen wie die Leute hier drauf sind, um dann zu gucken: „Was brauchen die denn hier für eine Behandlung?“ Aber es ist nicht so, dass wir auf dem Haldern mit einem anderen Ansatz, mit einem anderen Konzept auf die Bühne gehen als bei Rock Am Ring.

König Boris: Wir haben wenig Berührungsängste, sowohl mit anderen Menschen als auch mit anderen Musikrichtungen oder Szenen. Die sogenannten Musikszenen sind ja wesentlich weniger ausgrenzend, als man so annimmt. Die meisten Menschen hören tatsächlich nicht nur eine Musikrichtung, sondern sehr viel verschiedenes. Und da wir auch live eine hohe Qualität mitbringen, können wir Leute überzeugen, die sich wahrscheinlich nicht jedes Studioalbum von uns kaufen.

Bei euch kommen musikalisch sehr viele Einflüsse zusammen, wie zum Beispiel die Kooperation mit Modeselektor zeigt, oder auch das Robert-Forster-Zitat in der Werbeanzeige zu eurem Album in unserem Magazin (bei der Robert Foster sich übrigens am Telefon des Kollegen Brüggemeyer ein wenig wunderte, ob das denn alles so koscher sei). Welche Einflüsse genau spielen denn für euch eine Rolle?

König Boris: Ich wurde musikalisch mit Punkrock und Rap sozialisiert, mit Slime, Ton Steine Scherben, Dead Kennedys. Aber auch mit Rund D.M.C und den Beastie Boys bin ich in meiner frühesten Jugend groß geworden. Auch mit den Ramones übrigens (zeigt in Richtung des Museumseingang). Was uns alle vereint, ist eine Offenheit in alle Richtungen. Ich kann eine gute Bob-Marley-Platte genauso schätzen wie eine von Miike Snow oder von den Beatsteaks. Man könnte manchmal denken es wäre wahllos, aber letztendlich faszinieren mich die grenzenlosen Möglichkeiten in der Musik. Es wäre eine wahnsinnige Verschwendung sich nur einer bestimmten Richtung zu verschreiben. Bei mir ist es einfach sehr stimmungsabhängig. Wenn ich ein bisschen ruhiger bin, hör ich mir gerne mal die neue Niels Frevert an, eine wundervolle Platte übrigens. Und wenn ich dann mal Bock auf Randale hab, dann hör ich mir zum Warmtrinken auch gerne mal die Misifts an. All die Sachen die wir uns zu Hause anhören, fließen natürlich in unsere Platten mit ein, oft auch ohne es zu merken.

Doktor Renz: Bands, wie The Clash, die sehr vielschichtig verschiedene Arten von Musik verarbeitet, vermischt und gespielt haben, trotzdem aber ihren ureigenen Sound kreierten, haben uns immer ermutigt. Daneben gibt es natürlich auch die Specials und Rapbands, die auch über den Tellerrand geschaut haben. Es war dann natürlich sehr befreiend zu wissen, dass nicht nur ich das Bedürfnis habe, mich grenzenlos auszudrücken. Die erste Pharcyde-Platte auf der hemmungslos gesungen wurde, war sehr wichtig für uns. Da haben wir gemerkt, dass man auch mal singen darf, auch im Hip-Hop. Das waren ja angesagte Typen aus Kalifornien, dann machen wir das auch.

Björn Beton: Auch großartige Künstler sind die Beastie Boys, die bewiesen haben, wie man vom Punkrock ausgehend vielschichtig Musik zu machen. Man kann ja sagen, sie können nur einen Rapstyle, aber den können sie unglaublich. Und musikalisch ist das sowieso ’ne ganz eigene Liga.

The Clash haben einem damals „Sandinista!“ einfach so um die Ohren gehauen. Was war denn euer Sandinista-Moment?

Björn-Beton: Als wir 1998 mit „Viele Wege nach Rom“ gekommen sind, war das wirklich überraschend, neu und für unsere Verhältnisse sehr experimentell und spielfreudig. Ein Liebeslied mit Latin-Einflüssen, das war selbst für uns eine musikalische Umorientierung.

König Boris: An uns haben sich schon oft die Geister geschieden. Wir waren immer schon eine Band die zwischen den Stühlen stand. Als wir angefangen haben, waren wir irgendwo zwischen Advanced Chemistry und den Fantastischen Vier, dazwischen oszilliert Fettes Brot.

Doktor Renz: Wir haben schon auf der ersten Platte unseren eigenen Sound verraten.

Björn Beton: Als wir unsere Seelen schon an den Teufel verkauft hatten.

König Boris: Es hatte auch was mit unserer Haltung zu tun…

Doktor Renz: Gebückt!

König Boris: … mit der wir dann bei anderen Leuten auf Unverständnis gestoßen sind. Und unser Erfolg hat uns da auch nicht unbedingt weiter geholfen, was die Beliebtheit angeht, wenn man dann als eine der ersten Bands aus so einem …

Björn Beton: ….konservativen…

König Boris: …aber auch homogenen Hip-Hop-Gemenge heraussticht.

Hip-Hop lebt natürlich auch von seiner Disskultur. Viele Kollegen reagieren aber gerne viel zu ernst auf bewusst ironische Auseinandersetzungen, wie z.B. in „Der beste Rapper Deutschlands ist offensichtlich ich“. Kommt es da noch oft zu Anfeindungen?

Björn Beton: Ein- bis zweimal im Jahr werden wir auf der Juice-CD noch als Feindbild herbeizitiert. Das fühlt sich aber eigentlich ganz gut an.

„Mit der ersten Platte schon die Seele verkauft“ – hattet ihr damals schon den Plan so groß zu werden?

Doktor Renz: Nein, wir sind eine Band, die in nicht so langen Zyklen denkt. Wir haben natürlich schon das nächste Projekt im Kopf oder im Idealfall erfreuen wir uns an dem, was wir gerade erleben dürfen, aber so weit in die Zukunft zu denken, das war nie Teil unserer Selbstdefinition. Es gab auch Phasen in denen wir uns gefragt haben: „Geht das jetzt noch fünf oder nur noch drei Jahre gut?“ Irgendwie ging es aber immer weiter. Es kamen immer neue, interessante Facetten dazu. Mittlerweile fühlt es sich einfach so an, dass die Lokomotive „Fettes Brot“ nicht mehr zu stoppen ist – und das ist ein sehr schönes Gefühl. Wir haben alle großes Glück gehabt und waren scheinbar öfter zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Mit Stücken wie dem per Download veröffentlichten „Kontrolle ist gut“, pflegt ihr hin und wieder auch immer wieder einen explizit gesellschaftskritischen Ansatz. Glaubt ihr an eine Wirkung dieser Kritik?

König Boris: Das ist gar nicht unsere Aufgabe. Wir haben das Bedürfnis, diese Dinge anzusprechen. Was dann Leute draußen damit machen, können und wollen wir gar nicht beeinflussen. Ich glaube, es gibt ein paar coole Menschen unter unseren Fans, die sich ihre eigenen Gedanken dazu machen. Missionieren wollten wir aber nie. Für uns selber ist es aber ein Bedürfnis so was rauszulassen. Unsere Themen erstrecken sich eben von verlorenen Liebschaften, Saufpartys bis hin zur der Frage „Schlittern wir in einen Kontrollstaat hinein?“

Gab es einen konkreten Anlass zur Neuauflage des Songs?

Doktor Renz: Wir haben die Live-Aufnahmen gehört und gedacht „Kontrolle“ ist so geil geworden, dass es den Leuten noch einmal ganz bewusst um die Ohren gehauen werden muss. Thematisch passt es sogar immer noch, natürlich ist Wolfgang Schäuble nicht mehr Innenminister, dennoch sind die Themen Kontrolle, Überwachung, Vorratsdatenspeicherung nach wie vor sehr aktuell. Es ist natürlich nicht super originell darüber zu reden, es gibt ja schon Stern-TV-Beiträge zu dem Thema, aber als Pop-Song ist es höchst relevant.

Ist das Zwischenspiel auf euer Live-Platte, während des Stückes „Können diese Augen lügen?“ eine Adaption von Dans Le Sac VS. Scroobius Pip – „Thou Shalt Always Kill“, wenn ihr Bandnamen ruft, und das Publikum antwortet: „Nie gehört“? Bei Pip gibt’s ja diese Stelle, wo er einen Namen skandiert und dann im selben Rhythmus wie bei euch geantwortet wird „Just a band!“

Björn Beton: Du bist der Erste, der das hört (grinst).

Ein Kollege von uns hat sich fürchterlich drüber aufgeregt, weil euer Publikum, das Original vermutlich gar nicht kennt…

Doktor Renz: Skandal! Popkultur zitieren, das ist ja unerhört.

Björn Beton: Dabei sind wir doch voll im Trend. Wir sind sozusagen die Helene Hegemann der Popmusik. Wir haben uns sagen lassen, die Masche zieht gerade ganz gut.

Doktor Renz: Schön, dass es noch Leute gibt, die sich heutzutage noch über so was aufregen.

Na ja, ich glaube einfach, er schätzt euer Schaffen nicht besonders – das, von Scroobius Pip allerdings sehr… Anyway, eine letzte Frage noch: Ein Live-Doppel-Album, das klingt irgendwie sehr nach Greatest-Hits und anschließend Pause machen. Zieht ihr euch jetzt erstmal zurück?

Björn Beton: Ich glaube, das ist so ein gelerntes Rock’n’Roll-Bild, dass sich bei Journalisten so eingebrannt hat.

Doktor Renz: Es ist auf jeden Fall kein Eingeständnis von versiechender Kreativität. Man muss keine Angst haben, dass danach nichts Neues mehr kommt. In welche Form die nächsten Projekte stattfinden, wissen wir selber noch nicht genau.

Björn Beton: Aber ich finde den Ansatz sowieso komisch. Wenn eine Band eine neue Studio-Platte herausbringt gilt sie als kreativ und sonst was, kommt sie allerdings mit einem Live-Album daher gilt das als Resignation. Solch eine Live-Platte ist für uns ein absolutes Novum.

Videos:

Fettes Brot – An Tagen wie diesen (live @ Comet 2005)

Fettes Brot – Kontrolle

Fettes Brot – Nordisch by Nature