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Finale! 50 Ereignisse, die den Rock’n’Roll veränderten: 1983-2014


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Herbst 1990: Zukunftsfähig – Im gerade wiedervereinten Berlin erfinden Bono und The Edge eine neue Version von U2

Als U2 merkten, dass sie dem Pathos von „The Joshua Tree“ schon bei der dazugehörigen Amerika-Tour – dokumentiert durch den überernsten „Rattle And Hum“-Film – nichts Sinnvolles mehr hinzuzufügen hatten, taten sie, was auch gewöhnliche Menschen tun, wenn sie in einer Sackgasse gelandet sind: Sie legten sich neue Frisuren zu und entschieden sich für einen Tapetenwechsel. Ihr nächstes Album wollten sie im Hansa-Studio zu Berlin aufnehmen. U2 reisten ausgerechnet am 3. Oktober 1990 in der zukünftigen Hauptstadt an – am offiziellen Tag der Wiedervereinigung. Die Band wollte ein bisschen mitfeiern, geriet dann aber leider in einen Protestmarsch gegen den Mauerfall. Ein denkwürdiger Start, und ähnlich planlos ging es erst mal weiter.

Songs hatten sie nicht dabei, die mussten erst geschrieben werden, doch die Stimmung war nicht recht ermutigend. Larry Mullen Jr. war schlecht gelaunt wegen all der Drum-Maschinen, Adam Clayton fand das Hansa-Studio und ganz Deutschland irgendwie „dunkel und bedrückend“. Bono und The Edge hielten trotzdem an ihrer Vision fest. Gemeinsam mit den Produzenten Daniel Lanois, Brian Eno und Flood wollten sie eine neue, zukunftsfähige Version von U2 schaffen, und der Albumtitel sollte das schon andeuten: „Achtung Baby“! Bisher hatten die Iren sich nie getraut, in ihren Songs das Wort „Baby“ einzubauen, nun kam es 27-mal vor. Alles sollte etwas weniger bedeutungsschwanger wirken, ein bisschen moderner.

The Edge hält die Aufnahmen in Berlin noch heute für „ein Experiment, das sich gelohnt hat“, auch wenn viele Fans zunächst nicht mitkamen. Das Album beginnt mit dem zerschossenen Krach von „Zoo Station“, und im Herbst 1991, als „Achtung Baby“ schließlich veröffentlicht wurde, dachten viele, ihr Album sei kaputt. U2 hatten es bewusst darauf angelegt. „Achtung Baby“, gaben sie zu Protokoll, sei „the sound of four men chopping down ,The Joshua Tree‘“. Es war eine Herausforderung für Band und Fans, ein deutlicher Bruch mit der Vergangenheit – und der einzige Weg in die Zukunft. Auch wenn sie bei der folgenden „Zoo TV“-Tour mit fraglichen Rollenspielen und missglückter Ironie oft übers Ziel hinausschossen, haben die seltsamen Tage in Berlin, die vielen Streitereien um die zukünftige Ausrichtung und die am Ende doch schlicht überwältigende Qualität der Songs von „Achtung Baby“ die Band U2 gerettet. Oder, wie Bono sagt: „We had to go away and dream it all up again.“

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Legendäre Konzerte: The Velvet Underground live im Dom in New York 1966

Im April 1966 mietete Andy Warhol für einen Monat eine polnische Tanzhalle im heruntergekommenen East Village. Mitarbeiter der Factory strichen alle Wände komplett weiß, an die Decke hängten sie einen drehbaren Spiegelball. Unzählige Scheinwerfer und Stroboskope wurden im Raum verteilt, zehn Filmprojektoren und Dia-Projektoren in Stellung gebracht. The Velvet Underground waren die Hausband dieses temporären Kunst-Clubs, das Konzept eine Weiterentwicklung von Warhols The-Exploding-Plastic-Inevitable-Spektakel. Wann genau das Spektakel begann, weiß heute keiner mehr: Der Spiegelball schickte irgendwann seine tausend Lichter durch den Raum, die Projektoren erwachten zum Leben und immer mehr Factory-Filme liefen neben- und übereinander. Drei Plattenspieler, auf denen Verschiedenes…
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