Get Well Soon: Der tiefe Grund


von

Wunderkind – das Wort hat Konstantin Gropper in den vergangenen zwei Jah­ren des Öfteren gehört. Insbesondere die englische Presse ist von dem Deutschen begeistert, lobte das Debüt-album „Rest Now, Weary Head …“ und konnte soviel deutschen Tiefgang kaum fassen. Gropper freut sich über das Lob, das aus dem UK, Frankreich und natürlich auch aus Deutschland kam, wundert sich aber ein bisschen über die Superlative. Etwas voreilig sei das doch, ihn so früh mit wer-weiß-wem zu vergleichen. Zumal das Debüt nicht zuletzt eine Anhäufung von Unzulänglichkeiten sei, eine aus der Not geborene Tugend – in Ermangelung eines Budgets am Heimcomputer produzierte Demos zu veröffentlichen, anstatt im Studio aufzunehmen.

Für die Arbeit am zweiten Werk war das Budget da, ein großes Studio wurde gebucht. Nur zum Songwriting hatte Gropper deutlich weniger Zeit, weil er viel auf Tournee war und einige Auftragsarbeiten annahm – am Ende blieben zwei Wochen netto.
Eher eine Chance als ein Hindernis, sagt der Künstler. „Es war ein Segen – ich finde es gesünder, ein Album im Rahmen eines konzentrierten Arbeitsprozesses aufzuneh­men, anstatt es drei Jahre lang mit dir rumzuschleppen.“ Das aus Groppers Mund! Wir hätten gedacht, der Perfektionist ertrüge keine Hast. „Wenn die Leute mir nachsagen, ich sei ein Perfektionist, dann stimmt das zumindest in Bezug auf die Aufnahmen nicht. Ich wollte alles sehr organisch, räumlich, menschlich. Wir haben gleichzeitig gespielt und für jeden Song nur wenige Takes gebraucht. Ich hatte ja noch nie wirklich in einem großen Studio gearbeitet – die Dynamik ist ganz anders, als wenn man allein vor dem Computer sitzt. Ich fand’s großartig.“

Auf dem neuen Werk „Vexations“ führt Gropper weiter aus, was auf dem ersten Album schon früh vollendet schien. Das Kleinteilige, Zusammengesetzte weicht voll realisierten Band-Arrangements, die Songs wirken kompakt, pointiert, konzentriert. Streicher, Bläser und neuerdings ein Xylofon spielen opulent bis symphonisch, und insgesamt entwirft Gropper seine Musik dunkel romantisch, existentialistisch, verschwiegen, mit dramatischen Harmonien. „Ich hatte Scott Walker und die Beach Boys im Kopf, aber übrig geblieben ist vor allem Scott Walker.“

Zu dieser Fixierung auf den Pop-Existentialisten passen auch die Inhalte, mit denen Gropper sich auf dieser Platte auseinandersetzt. Eine Art Konzeptalbum über den Stoizismus habe er vorgehabt, sagt er. Und fand auf dem Dachboden des Elternhauses ein Buch mit den gesammelten Schriften Senecas, römischer Vertreter des Stoizismus und nun Pate von „Vexations“. „Beim ersten Album habe ich ja noch sehr metaphorisch getextet“, sagt Gropper. „Diesmal habe ich zu meinen Themen recherchiert. Das war ein bisschen so, als würde ich eine Hausarbeit schreiben. Ich habe Bücher gelesen, Materia­lien gesammelt und sie collagiert. Sicher ist das ein bisschen hochtrabend. Aber diese Themen beschäftigen mich, die Auseinandersetzung mit ihnen ist persönlich motiviert. Die Bücher, die ich gefunden habe, passten einfach sehr gut zu dem Gesamtkosmos von Get Well Soon.“

Und warum geht es nun, wenn Gropper Homer, Büchner, Sartre und Sloterdijk verarbeitet und sich insgesamt an der verfluchten Beschwerlichkeit der Existenz reibt? „Um die Suche nach einem glücklicheren Leben, die Seelenruhe. Wenn man Musik macht, hat das ja schon etwas mit Sehnsucht zu tun. Darum geht es bei Get Well Soon, dass man sich ein bisschen besser fühlt.“

Jörn Schlüter