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Glaube, Liebe, Hoffnung (18): Wellenbrecher, der zweite Brexit und das Ende des Ostblocks

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Glaube, Liebe, Hoffnung (18): Wellenbrecher, der zweite Brexit und das Ende des Ostblocks

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“Das Geistige allein ist das Wirkliche.”

Hegel, Phänomenologie

Die Vorrundeneuropameister sind draußen. Außer Spanien auch Spanienbesieger Kroatien, auch Ungarn. England sowieso, was noch das überraschendste Ergebnis des Achtelfinales war. Der alte Ostblock ist nun fast vollständig eliminiert, auch die Polen hatten eigentlich die Niederlage verdient, wurden nur von einer Schweizer Sturmschwäche gerettet, die sogar im Elfmeterschießen sich noch auswirkte.
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Erst nach neun Minuten kamen die Schweizer erstmals über die Mittellinie, danach aber immer besser ins Spiel. Gegen Polen erlebte man ein Powerplay der Schweizer, mehr Rennen, mehr Mut, aber alles blieb ineffektiv, und eigentlich war die Viertelfinalbegegnung zwischen Polen und der Schweiz eine Partie zweier Mannschaften, die beide übers Achtelfinale nicht hätten hinauskommen dürfen. Dass Polen besser sein soll als Spanien, ist eine alberne Vorstellung.

Die Achtelfinalspiele relativieren auch die deutsche Gruppe. Polen und Nordirland waren halt verhältnismäßig schwache Gegner. Schwach war auch die Gruppe D von der keiner das Achtelfinale überstand.
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Auffallend schließlich die Schwäche der Torhüter. Über den Schwachsinnskeeper der Spanier haben wir schon geschrieben. Aber auch Joe Hart sollte in hohem Bogen aus der englischen Nationalmannschaft fliegen. Nach dem Fehler gegen Wales, den seine Mannschaftskollegen noch mit Ach und Krach korrigieren konnten, unterliefen ihm gegen die Isländer weitere schwere Fehler, von denen einer das entscheidende Tor verursachte und die Niederlage einleitete. Mindestens. Denn Hart ist ein Risiko, er verunsichert seine Vorderleute.
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So kam es zum zweiten Brexit binnen vier Tagen: Eine der schlimmsten Demütigungen für das “Mutterland des Fußballs” in dessen langer Geschichte. Die Ära des Nationaltrainers Roy Hodgson geht zu Ende – sein Name wird immer mit dieser Schmach verbunden sein. Viele Gründe mag es geben, aber keines Entschuldigung dafür gegen diesen Witz von Island im Achtelfinale zu verlieren.

Auch wenn sie mutig, tapfer, und clever spielten, und über ihre Möglichkeiten hinausschossen: Island hat dieses Spiel nicht gewonnen, England hat es verloren.
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Wenn einer mit so einer Frisur antritt, wie Ivan Perisic, muss man allein schon deshalb auf seiner Niederlage hoffen. Der Idiot hatte sich die Haare peinlich rotweiß-kariert färben lassen, nicht nur ein nationalistisches Statement sondern auch ein Voodoo-Zauber, der glücklicherweise fehlschlug.

Die Kroaten spielten von Anfang an spürbar unter Erwartungsdruck und dem Zwang, den hohen Erwartungen nach dem Sieg über Spanien Taten folgen zu lassen. Die Portugiesen dagegen mit geradezu italienischer Chuzpe und Spaß daran, im Prinzip überlegen zu sein, aber durch die Umstände des Turnierverlaufs den Medien als Underdog zu gelten. Eindeutig fühlten sich die Portugiesen wohl als Schurke des Augenblicks. In diesem Gefühl, dass sie hier nur gewinnen konnten, gelang ihnen eine taktische Meisterleistung.
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Aus portugiesischer Sicht war das Ganze von Anfang an ein harter Defensivfight, der aber kühl und clever geführt wurde. Anfangs stellten sich die lusitanischen Melancholiker tief hinten rein, um im Stil fleischgewordener  Tetrapoden die Angriffs-Wellen der Kroaten zu brechen

Dann allmählich, so ab der 30. Minute rückte Portugal heraus, erzielte erste eigene Chancen, verlagerte das Spiel weg aus dem eigenen Strafraum. Die wichtigste Defensividee war aber, Modric in quasi-Manndeckung zu nehmen und damit quasi aus dem Spiel. Der Mittelfeldspieler, dem Coach Fernando Santos diese Aufgabe anvertraute, Adrien Silva von Sporting Lissabon, wurde nicht nur dadurch zur zentralen Figur des portugiesischen Spiels, sondern auch durch eigene Offensivaktionen und Pässe, mit denen er immer wieder vor allem die linke Angriffsseite mit Ronaldo und Joao Mario in Szene setzte. Der wieder besonders gefährliche Nani wiederum wich gelegentlich nach rechts aus, und agierte grundsätzlich weiter hinten auf der rechten Seite des zentralen Mittelfelds. Dadurch wurden die Räume im Zentrum noch dichter, die kroatische Defensive hatte zwar mehr Raum, Modric aber noch weniger. Das kam vor allem Rakitic zugute. Doch die portugiesische Taktik enthüllte, wie statisch und eindimensional, und überraschend wenig beweglich das kroatische Spiel im Grunde war: drei geniale Spieler, dazu mit Mandzukic ein sehr guter (aber bestimmt nicht genialer) Stürmer, und sechs Wasserträger – das reicht nicht fürs Viertelfinale.

In der zweiten Halbzeit des Spiels gelang Kroatien zwar noch mehr Ballbesitz, aber bereits in der 62. Minute hatten sie ihre letzte Chance der regulären Spielzeit.Wie gegen die Spanier spielte Pericic mehr links, aber viel unkreativer. Erst als die 20 portugiesischen Beine schwerer wurden, gab es wieder etwas mehr Raum. Allerdings agierte Kroatien zu statisch, und ausgerechnet Frisurheld Pericic spielte den entscheidenden Pass, der die eigene Seite bloßstellte, Verteidiger Strinic in die Bredoulle brachte, und Portgual in Überzahl vors tor kommen  ließ: Ronaldos Schuß wurde noch abgewehrt, Quaresma von Besiktas vollendete zum Siegtor in der 117. Minute.

Gewonnen aber wurde das Spiel im Mittelfeld.
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Die durchaus verunsicherten Belgier besiegten Ungarn in einer spannenden Partie, die viel ausgeglichener war, als das Resultat vermuten lässt.

Ungarn war für Belgien der ideale Aufbaugegner: Denn genau genommen war der vermeintliche ungarische Glanz ja auch nur ein Bluff. Zwei Unentschieden, darunter eines gegen eine desorientierte, unsichere portugiesische Mannschaft und ein Sieg gegen erst recht ängstliche Österreicher. Naja.
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Die Belgier mussten ein weiteres Mal in ihren potthässlichen Auswärts-Trikots spielen, ihr Trainer Marc Wilmots dagegen coachte mit guten, eng sitzenden weißen Hemden.

Die “Roten Teufel”, die diesmal cremefarben spielten, kamen tendenziell viel über rechts, und agierten viel besser mit dem Ball als ihr Gegner.

In der zweite Halbzeit kam Ungarn dann auf, hatte klare Vorteile, aber nachdem sie auch ihre tolle Chance in der 67min nicht nutzen konnten, war spürbar, das Ungarn sein Momentum verpasst hatte – auch wenn sie sich weiterhin in den Kampf um jeden Ball hineinbuddelten, und die Belgier in die Defensive drängten. Die gaben ihrem Gegner unnötig Raum, ließen sie ins Spiel kommen, störten nicht. Erst die Auswechselung von Lukaku gegen Batsuayi gab in der 70ten den nötigen Ruck, kurz darauf folgte der entscheidende Doppelschlag – zum Mann des Tages wurde der das ganze Spiel über genial agierende gepardflinke Hazard mit immer neuen Dribbelings und – vor dem 2:0 – einem Pass für sich selbst.

Bei Belgien gab es unglaublich viel Bewegung, extreme Positionswechsel, vor allem beobachtbar an Hazard und De Bruyne – insgesamt eine beeindruckende Vorstellung, wenn auch gegen einen leicht überschätzten Gegner. Man darf gespannt sein, ob sie das gegen Wales halten können, und nächste Woche das wunderbare Traum-Halbfinale Belgien-Portugal zustande kommt.
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“In allen Belangen überlegen” sagte Bela Rethy über die deutschen Chorknaben, die sich jetzt am 3:0 gegen einen drittklassigen Gegner berauschen. Die Slowaken wuselten wie kleine blaue Ameisen zwischen den deutschen Spielern, denen sie nichts entgegenzusetzen vermochten. Die Tatsache, dass sich Löw traute, für die letzten 20 Minuten sogar Maskottchen Poldi einzusetzen, sagt alles.
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Wer denn der schönste deutsche Nationalspieler sei, fragte ich Julya Teychmann, eigentlich mehr Portugiesen- und Brasilianerexpertin. “Boateng!” kam es fast wie aus der Pistole geschossen.

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