Guided By Voices – Bee Thousand


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Das Jahr in dem Cobain starb, war rückblickend eigentlich ein ziemlich gutes für den amerikanischen Indie-Rock, wurde er doch geradewegs aus dunklen Garagen ins bunte Musikfernsehen gehievt. 1994 erschienen „Bakesale“ von Sebadoh, „There’s Nothing Wrong With Love“ von Built To Spill und Pavements „Crooked Rain, Crooked Rain“. Dazu die beiden offensichtlichen Verkaufsschlager: Becks „Mellow Gold“ und das blaue Album von Weezer. Was für ein Output.

Und dann gab es ja auch noch Robert Pollard, den Viertklasslehrer mit Vierspurgerät aus Dayton, Ohio, dem unter dem Moniker Guided By Voices mit „Bee Thousand“ damals unvermutet ein heimlicher Klassiker des Indie-Rock in Low Fidelity gelang. Pollard hatte 1993 schon kurz davor gestanden, sein ohnehin nur loses Bandkonstrukt nach fünf kaum beachteten DIY-Alben (wobei die Vorläufer „Propeller“ und „Vampire On Titus“ eigentlich auch schon ziemlich gut waren) aufzulösen, um in ein unaufgeregtes Leben als biertrinkender Mittelstandsamerikaner hinüberzugleiten. Zum Glück sollte man von Pollard später auf der Bühne zu Genüge vorgeführt bekommen, wie viel er trinken konnte.

Ganze 65 Songs hatten Guided By Vocies für „Bee Thousand“ spontan-verwackelt in den Garagen und Kellern der damaligen Bandmitglieder aufgenommen. Vom Opener „Hardcore UFOs“ hatte Co-Songwriter Tobin Sprout aus Versehen die Hälfte überspielt. Der Restsong schaffte es trotzdem auf das Album, die Band befand ihn in diesem reichlich kastrierten Zustand immer noch als charmant. Ästhetische Erwägungen nach heutiger „stripped-down“-Coolness standen dagegen an hinterletzter Stelle.

Pollard war schlichtweg davon ausgegangen, dass sich für seinen fragmentarischen, halbakustischen und mittelschwer psychedelischen Gitarrenrock mit dem Charakter von Beatles-Bootlegs (so wollten GBV klingen) bzw. der bissigen Euphorie von Bands wie The Who über Wire bis hin zu frühen R.E.M. (so klangen GBV) eh kein Mensch interessieren würde. Wieso also Geld für Studiotage und einen Produzenten zum Fenster hinauswerfen? Doch zum Glück war die Kompression brillanter Hooklines und Songskizzen, die ihren Esprit gleichsam von der British Invasion wie von der Punk Explosion bezogen, einfach viel zu unwiderstehlich.

In den dunklen, staubigen Nischen der Popkultur hat es immer auch ein Faible für das schlampige Genie und den manischen Vielschreiber gegeben. Dass es sich bei Robert Pollard damals bereits um einen Mitdreißiger mit staatlichem Erziehungsauftrag und dem Hang zu surrealistischer Songpoetik handelte, hat Guided By Voices als unorthodoxe, heillos verspätete Coming-Of-Age-Band umso interessanter gemacht.

„Bee Thousand“ funktioniert so bereits als sprunghaftes, als geradezu cholerisches Pop-Album ganz wunderbar. ‚Dir gefällt der Song nicht?’ – dann kommt eben ohne Vorspulen direkt der nächste, anstatt ihn durch Wiederholungen künstlich auf radiokompatible dreieinhalb Minuten zu dehnen. Das hat Pollard erst Jahre später versucht, als Guided By Voices längst die ungekrönten Könige des Lofi waren. 20 Stücke in gerade einmal 36 Minuten Spielzeit reihen sich so auf „Bee Thousand“ lose aneinander. Sein Pulsschlag – und das ist das Erstaunlichste an diesem Album – ist dabei trotz der rohen Kassettenaufnahmen ähnlich hoch wie unter dem formvollendeten Perfektionismus der Fab Four oder der atemlosen Hatz der Ramones. Sogar den bereits etwas geordneteren Nachfolger „Alien Lanes“ schlägt „Bee Thousand“ in dieser Hinsicht.

Was sind das nicht für großartige Rumpel-Hymnen auf „Bee Thousand“: „Buzzards And Dreadful Crows“, „Tractor Rape Chain“, The Goldheart Mountaintop Queen Directory“ (allein dieser Titel!), „Echoes Myron“, „I Am A Scientist“: für so manchen GBV-Ultra ist der Song über vergeistigte Wissenschaftler und unverbesserliche Journalisten der beste von den gefühlt 5000 Songs, die Pollard in seinem Leben schon geschrieben hat. Dazu Miniatur-Singalongs wie „Awful Bliss“, „Kicker Of Elves“, „Hot Freaks“, die einem stundenlang im Kopf herumspuken, nachdem man „Bee Thousand“ durchgehört hat. Und was sangen Pollard und Sprout auf dem Album nicht für wunderliches, wirres und, ja, immer auch zutiefst romantisches Zeug, was man wegen seiner häufigen Mehrdeutigkeit im Grunde nicht übersetzen kann: Um Roboter-Jungen, heiße Freaks und Fleischwolf-Ray ging es da, um erstickende Umarmungen und die Scheußlichkeit von öffentlich zur Schau gestelltem Glück.

Bis zu einer obskuren Fußnote in der britischen Sitcom „The IT-Crowd“ haben es Guided By Voices so mit ihrer Nerd-Blaupause „Bee Thousand“ gebracht. Darin stürmt die fahrige Hochstaplerin Jen ins Büro der Chefin und verplappert sich gründlich: „Kennen Sie Guided By Voices? Ich habe alles gehört, was sie je gemacht haben. Jetzt bin ich jetzt fast so etwas wie ein Fan. Dabei sollte ich nicht einmal wissen, wer diese Typen sind. Mit ihren Songs haben sie mich zu einem von ihnen gemacht. Ich bin einer von ihnen.“ Ihren manischen Monolog beschließt Jen, ungelogen, in gebrülltem Offiziersdeutsch: „Ich. Bin. Ein. Nerd.“

Am 11. August 2011 haben Guided By Voices beim Oya Festival in Oslo ihr einziges Konzert in Europa seit dem Jahr 2003 gespielt. Mit dem „Classic Line-Up“ der Jahre 1993 bis 1996 haben sie 24 Songs in knapp einer Stunde heruntergerissen – darunter auch beinahe ein Dutzend Songs von „Bee Thousand“. Pollard hat unterdessen allein im Jahr 2011 schon wieder drei Solo-Alben veröffentlicht, obwohl er mit einem neuen GBV-Album ein Vielfaches verdienen könnte. Der Mann will es nicht anders, er ist wohl ein Nerd.