Neu im Plattenregal: Die Alben vom 15. Juni 2012


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In unserem beliebten Überblick der Alben der Woche reisen wir weiterhin durch die Plattenläden des Landes. Heute empfehlen wir einen Besuch bei Music Point, Kortumstr. 97 in 44787 Bochum. Weitere Infos gibt’s hier.

Fiona Apple – „The Idler Wheel Is Wiser Than The Driver Of The Screw And Whipping Cords Will…“ (Epic/Sony)
Die Review zum neuen Album von Fiona Apple gibt es in der kommenden Ausgabe zu lesen. Aber den Sterne-Spoiler bringen wir schon mal: Vier sind es geworden. Und natürlich ist Miss Apple die Aufmacher-Rezension, die folglich mit einer wundervollen Illustration geschmückt ist. Kollegin Birgit Fuß schreibt über das neue Album: „Fiona Apple macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen – und die zehn neuen Songs stellen wieder ihre Einzigartigkeit aus. Sie spielt ihr Klavier anders als jede andere, eigentlich schlägt sie es eher. Sie singt auch die zartesten Stücke mit einer zurückgehaltenen Wut, die Angst machen könnte, wenn sie nicht gleichzeitig so anmutig wäre.“
>>>> Albumstream

Gary Barlow And The Commonwealth Band – „Sing“ EP (Decca/Universal)
Mr. Barlow war ja schon immer der Streber bei Take That, derjenige, der trotz guter Stimme am wenigsten Ausstrahlung hatte, aber immer darauf pochte, dass er songwriterisch und musikalisch am meisten auf dem Kasten hatte. Gebracht hat es ihm nach dem Ende von Take That bekanntlich nicht so viel, wie er wohl selbst erhofft hatte. Das dürfte nun vorbei sein, denn Barlow hat es mal wieder auf Platz 1 der britischen Charts geschafft – und mit der künstlerischen Leitung des Konzerts für das „Queen’s Diamond Jubilee“ vor dem Buckingham Palace hat er sich wohl auch wieder in die Herzen des landesliebenden Durchschnittsbriten scharwenzelt. Den Titelsong dieser EP, der auf Platz 1 der Charts rauschte, hat er gemeinsam mit Lord Andrew Lloyd Webber geschrieben – noch so ein Hauslieferant in Sachen Schmalz. Video und Song dokumentieren übrigens Barlows Reise durch das Commonwealth, die ihn zu der Erkenntnis führte: „Some words they can’t be spoken only sung / So hear a thousand voices shouting love.“ Ja, ja – das hat der britische Kolonialismus ja nachweislich gebracht: „Love“. Dazu gibt es neben einer Kinderchor-Version und Barlows eigener „Sing“erei noch ein paar Cover, die kein Mensch braucht (zumindest von ihm). „Here Comes The Sun“, „Amazing Grace“ – und am Ende natürlich, tata!, die britische Nationalhymne, die ja leider nicht „Anarchy In The UK“ heißt, sondern „God Save The Queen“.
>>>> „Sing“ im Stream

dEUS – „Following Sea“ (PIAS/Rough Trade)
Tom Barman und seine belgischen Freunde von dEUS waren fleißig: Ihr letztes Album „Keep You Close“ ist noch gar nicht so alt, da legen sie ein weiteres nach, das kurz nach den Aufnahmen entstand. Warum es so schnell ging, beantwortete Barman so: „We had songs we didn’t want to lose, didn’t want to have sat on a shelf for four years so we decided to break our previous way of working and be less precious and finish the songs quickly and then release them to the public. It’s 2012 for fuck’s sake, the idea of waiting months to release stuff seems so old fashioned.Recht hat er. „Following Sea“ klingt dabei auch nicht wirklich nachgereicht – die Songs sind solides dEUS-Niveau und im Allgemeinen etwas beschwingter als „Keep You Close“, das ja beizeiten in rechte dunkle, musikalische Fahrwasser geriet. Vor allem das geradezu funkige „Girls Keep Drinking“ zeigt wieder die verspielten dEUS, die man aus ihren Anfangszeiten kennt – selbst, wenn die Bandbesetzung kaum noch was mit der Truppe von damals gemein hat. Gleiches gilt auch für das Spoken-Word-Stück „Fire Up The Google Beasth Algorithm“. Wer es eher konventionell mag, wird seine Freude am ersten französisch-sprachigen Stück „Quatre Mains“ haben und am „Instant Street“-artigen „Sirens“.
>>>> Clip zu „Quatre Mains“

Dexys – „One Day I’m Going To Soar“ (Buback/Indigo)
Die Rückkehr der Dexys wird natürlich auch ein Thema in unserer kommenden Ausgabe sein. Sebastian Zabel reiste dafür zum Konzert nach London und traf Kevin Rowland zu einem weiteren Gespräch in Berlin. Die Viereinhalb-Sterne-Review gibt es bereits hier zu lesen.
>>>> Best Show Ever mit Kevin Rowland
>>>> Free Download von „Nowhere Is Home“

Feeder – „Generation Freakshow“ (Big Teeth/Rough Trade)
Während das walisische Trio um Sänger, Songschreiber und Gitarrist Grant Nicholas auf der Insel eine recht große Nummer ist, hat es ihr bisweilen schön gitarrenbratziger Pop hierzulande kaum über den Status des ewigen Geheimtipps geschafft. Was nach wie vor schade ist, denn auch wenn sie in Sachen Produktion und Songwriting gen Mainstream schielen, verstehen Nicholas und Co. ihr Handwerk, das sie übrigens bereits seit 20 Jahren unter dem Namen Feeder ausüben. „Generation Freakshow“ ist eindeutig eines der besseren Alben in ihrem Ouevre, gerade weil es auf die Feeder-Trademarks setzt und Popglanz und Feedbackpfeifen in ein munteres Gerangel schickt. Nach dem starken Opener „Oh My“ , sind die kraftvollen Ballade „Sunrise“ und der Rausschmeißer „Along The Avenues“ weitere Highlights zwischen den 14 Songs, in denen Feeder nur selten mal die Luft ausgeht.
>>>> Clip zu „Children Of The Sun“
>>>> Clip zu „Borders“

Futureheads – „Rant“ (Nul/Rough Trade)
2010 sangen die Futureheads eine Acapella-Version des Kelis-Song „Acapella“ für die Live Lounge des britischen Radiosenders BBC Radio 1. Sie war die Initialzündung für „Rant“, dem ersten kompletten Acapella-Album der Jungs aus Sunderland. Was für eine Indieband ein wenig obskur anmutet, macht im Falle der Futureheads durchaus Sinn, da die Vier schon immer auf mehrstimmige Gesangsharmonien setzten und diese mit zackigen Gitarren der Franz-Ferdinand-Schule kreuzten. So ist es dann auch gar nicht anmaßend, wenn sie selbst sagen: „A Futureheads fan who doesn’t get Rant is not a Futureheads fan.“ Vielleicht muss man tatsächlich Fan sein, um ein Album dieser Art in voller Länge durchzustehen, andererseits hört man ihnen den Spaß in jedem Song an, was darüber hinwegsehen lässt, dass sie nicht immer den Ton treffen. Neben ihren eigenen Songs wie „Robot“ und „Meantime“ und besagtem „Acapella“ gibt es noch ein paar Folk-Traditionals und ein beschwingtes „Beeswing“ von Richard Thompson.
>>>> Albumplayer (Snippets)

Giant Sand – „Tucson“ (Fire/Cargo)
Neue Musik von Giant Sand stößt bei uns natürlich immer auf offene Ohren. Deshalb gibt’s unsere Dreieinhalb-Sterne-Review bereits hier zu lesen.
>>>> Albumstream

Guided By Voices – „Class Clown Spots A Ufo“ (Fire/Cargo)
Sehr amüsant, was Maik Brüggemeyer da in seiner Rezension feststellt: „Wenn der Guided-By-Voices-Fan vor die Tür muss, um einen Kasten Bier zu holen, kann er dieser Tage meist gleich noch ein neues Album seiner Lieblingsband dazukaufen, denn die klassische Guided-By-Voices-Besetzung ist so produktiv wie in den goldenen Tagen.“ Das trifft die Sache ganz gut, den GBV-Fans dürfen sich nicht nur auf dieses neue Album freuen, das heute erscheint, sondern auch auf ein weiteres Soloalbum von Mastermind Robert Pollard. Für das GBV-Album gibt es dreieinhalb Sterne und dementsprechend warme Worte: „‚Class Clown Spots A UFO‘ beginnt, man muss schon sagen:  erwartungsgemäß mit einem Power-Pop-Diamanten – natürlich auf LoFi produziert, denn das ist Markenzeichen der klassischen Guided By Voices. Überraschungen sollte man von dieser Band keine erwarten. Der Titelsong etwa ist schon fast 20 Jahre alt und dem obsessiven Fan bereits in einer früheren Version als ‚Crocker’s Favorite Song‘ von der Raritäten-Compilation ‚King Shit And The Golden Boys‘ bekannt. Aber selbst wenn das ganze Album nur aus verschiedenen Inkarnationen dieser harmonieseligen, händeklatschenden Hymne bestünde, müsste man es kaufen, so gut ist die. Doch auch an großen neuen Songs herrscht kein Mangel: ‚Keep It In Motion‘ etwa wäre bei ELO ein Hit geworden, und ‚All Of This Will Go‘ ist feinster Sixties-Garagen-Pop – übersteuert und zugleich lieblich. Zwischen solchen Perlen finden sich härtere psychedelische Jams (keine Angst, die sind jeweils nach zwei Minuten zu Ende), vor allem aber anrührende, manchmal nicht mal einminütige Skizzen – ‚Lost In Spaces‘ etwa ist nur 51 Sekunden lang und handelt doch von allem. Klassische Guided By Voices also – eklektisch, zerschossen, traditionsverliebt.“
>>>> Titelsong im Stream
>>>> „Hang Up & Try Again“ im Stream
>>>> „Jon The Croc“ im Stream

Peaking Lights – „Lucifer“ (Domino/GoodToGo)
Dreieinhalb Sterne vergibt Jens Balzer in der kommenden Ausgabe für das neue Album von Peaking Lights. Und konstatiert: „Aus der Dunkelheit ins Licht und wieder zurück in die Dämmerung: So könnte man den  musikalischen Weg beschreiben, den das aus Wisconsin stammende Duo Peaking Lights in den letzten drei Jahren zurückgelegt hat.“ Der Grund: „Auf der neuen, nunmehr dritten LP „Lucifer“ hat sich die Gesamtstimmung wiederum auf interessante Weise verdüstert: Die unter dem Tagtraum wühlenden Bässe sind dräuender und voluminöser geworden; in die Helle des Nebels  ist eine gräulich bleifarbene Note gelangt; das Echo auf den dürr dahin trippelnden Rhythmen wirkt weit metallener und ungemütlicher als zuvor.“
>>>> Albumstream

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Phantom Ghost – „Pardon My English“ (Dial/Rough Trade)
„Gebildete gutangezogene Männer, die einander gern einmal ihre Gefühle gestehen, haben sich schon immer zu den Schallplatten des kammermusikalischen Duos Phantom Ghost hingezogen gefühlt“, findet Rezensent Jens Balzer und meint, die neue Platte von Dirk von Lowtzow (Gesang) und Thies Mynther (Klavier) sei ihre bislang beste. Warum, erfahren Sie hier.

A Place To Bury Strangers – „Worship“ (Dead Oceans/Cargo)
Drei Sterne gibt es in unserer Kurzreviews für das neue Album von A Place To Bury Strangers, auf dem sie – kalauernd gesprochen – mal wieder dem dem Gitarrenfeedback „worshippen“: „Unter Höllenlärm schweißen die New Yorker Noise-Exegeten Krautrock, Dream-Pop und 80s-Gothic zusammen, was vor allem an den Nahtstellen besonders interessant klingt. ‚Mind Control‘ fiept und pulsiert, als hätte Mark Lanegan ein Stück der frühen Depeche Mode durch den Holzhäcksler gejagt.“
>>>> Albumstream

Ravens & Chimes – „Holiday Life“ (Better Looking/Cargo)
Es gibt nicht allzu viele, die von sich behaupten können, Fanpost von Leonard Cohen bekommen zu haben. Das Indiepop-Quartett Ravens & Chimes aus Brooklyn kann das. Zudem können sie behaupten, dem Hörer mit „Holiday Life“ elf Songs zu liefern, die den perfekten Soundtrack für sonnenumflutete Fahrradfahrten durch die Großstadt bieten. Mal tasten sie sich langsam ran, dann sprudeln sie plötzlich über – doch das ganze Album eint, dass immer diese eine Prise Aufbruch mitschwingt, die einen in die Songs hineinzieht und auf einmal schneller strampeln lässt… (Miriam Mentz)
>>>> Interview: Raven & Chimes als Artist To Watch
>>>> Video: „Division Street“

Red Orkestra – „Burning Little Empires“ (Fading Ways/Broken Silence)
Der Kanadier Johnny Charmer mit seinem vierten Album seiner Band Red Orkestra, auf dem er wie gewohnt einen unaufgeregten, countriesken Songwriter-Stil pflegt und lyrisch am Leben und an der Liebe zweifelt. Manchmal wünscht man sich ein wenig mehr Schmiss, aber Dank Songs wie „The Wedding“ und „First Night Back To Life“ sind ebenso angenehm wie auf simple Weise gelungen. Pluspunkte gibt’s zudem fürs schöne Artwork…
>>>> Live-Video von „Oh My Beautiful World“

Rumer – „Boys Don’t Cry“ (Atlantic/Warner)
Drei Sterne vergibt unser Kritiker Andreas Banaski für das neue Konzept-Cover-Album von Rumer. Die komplette Rezi gibt’s in der kommende Ausgabe. Hier ein Auszug: „Was für grandiose Songs! Jedenfalls die meisten dieser zuerst zwischen 1970 und 1978 veröffentlichten Klassiker, die Rumer nun in Soft-Versionen gecovert und zu einem Konzeptalbum gestrickt hat: Jungens weinen zwar nicht, können aber auch Gefühle zeigen.  Ihre Ambition war, ‚in die männliche Psyche einzutauchen‘ und so etwas wie ‚eine Dissertation abzuliefern. Und um den Studienschwerpunkt einzugrenzen, wollte ich eine bestimmte Geschichtsperiode, ein Geschlecht und einen Stil nehmen und damit in die Tiefe gehen‘. Wie sieht’s nun in der Tiefe aus? Kann man die unter der Oberflächenpolitur überhaupt erkennen? Symptomatisch für dieses Album: Rumers Aufmacher wäre ja top, gäbe es die Urversion nicht. Jimmy Webbs Erwachsenenpop-Hommage an den Songschreiber ‚P.F. Sloan‘ wurde 1970 vom ROLLING STONE zu Recht als ‚ein Meisterwerk, das man nicht verbessern kann‘, eingestuft. Webb, der mit Anfang 20 als Verfasser von Millionenhits unter anderem für die 5th Dimension schon ausgesorgt hatte, heute aber, wie auch einige andere der hier versammelten Songschreiber, nur noch Kennern geläufig ist, hat es selbst sieben Jahre später noch mal vergeblich versucht. Da kann man Rumer ihre ehrfürchtig nachgespielte, bis auf ein kurzes, öliges Gitarrengegniedel geschmackvoll instrumentierte Coverversion auch nachsehen.“
>>>> Albumtrailer

Silversun Pickups – „Neck Of The Woods“ (Warner Bros./Warner)
Die Band aus L.A. um Brian Aubert hat das Musizieren praktisch auf den Bühnen der Stadt gelernt. Das hat Aubert dem Autoren dieser Zeilen einst bei einem Bier auf dem Highfield Festival vor einigen Jahren erzählt, als sie einen ihrer ersten Deutschlandauftritte absolvierten. Man hätte aus Spaß gesagt, man wolle eine Band gründen und sei mit vielen Leuten aus dem Nachtleben der Stadt bekannt gewesen – und diese hätten ihm dann irgendwann die Pistole auf die Brust gesetzt und ihm einen Gig verpasst. So ging es dann weiter: Da man viele Clubbetreiber kannte, und der erste Auftritt nicht so verheerend war wie gedacht, wurde man einfach immer wieder gebucht, bis man die Sache mit der Rockmusik dann irgendwann konnte. Lange her das alles, denn ihr Debütalbum „Carnavas“ landete 2006 schon in den US-Charts, der Nachfolger „Swoon“ brachte sie dann auch hierzulande endgültig auf die Rock-Landkarte, was sogar mal zu einem Auftritt im Finale von Germanys Next Topmodel führte. Zuletzt überzeugten sie dann mit einer zwar glatten, aber schönen Version von „Not Dark Yet“ auf dem Bob Dylan-Sampler von Amnesty International. Glatt ist dann auch leider das neue Album „Neck Of Woods“ – zumindest lässt sich das über die Produktion von Jacknife Lee sagen. So glitzern und schillern die 11 Songs, obwohl ihnen eigentlich zahllose Widerhaken eingeschrieben sind. Der Beginn vom elektronisch aufgemöbelten „Mean Spirits“ hätte zum Beispiel mit einem raueren Sound ebenjene bösen Geister in sich, die er im Titel trägt. Ähnlich ist es mit „Make Believe“, das erst nervös zuckt und nach drei Minuten plötzlich in ein furioses Gitarren-Schlagzeug-Duell aufbricht, dass durch Lees Arbeit am Mischpult eindeutig Kraft verliert. Highlight ist und bleibt die Vorabsingle „Bloody Mary (Nerve Endings)“, da passen dann mal die Soundvisionen von Band und Produzent.
>>>> 3 Songs im Stream

Slime – „Sich fügen heißt lügen“ (People Like You/Century Media/EMI)
Obwohl unser Rezensent Gunther Reinhardtnicht so ganz überzeugt ist von den Slime’schen Interpretationen der Gedichte des von Nazis ermorderten Anarchisten Erich Mühsam (wie man hier lesen kann), trafen wir die Polit-Punk-Altmeister kürzlich zu einem Videointerview, das wir in Kürze nachreichen werden.
>>>> Video zu „Rebellen“
>>>> Artikel: „Warum wurde ‚Bullenschweine‘ erst im Mai 2011 indiziert? Eine Spurensuche“
>>>> Video: Elf von Slime über Sinn und Unsinn der traditionellen Randale am 01. Mai