Neu im Plattenregal: Die Alben vom 20. Januar 2012



In unserem beliebten Überblick der Alben der Woche reisen wir weiterhin durch die Plattenläden des Landes. Heute empfehlen wir Ihnen einen Besuch bei Sweetwater (Inh. Tino Tuch), Friedrich-Wieck-Str. 4 in 01326 Dresden. Alle Infos zum Laden gibt’s auf www.sweetwaterjazz.de.

Casiokids – „Aabenbaringen Over Aaskammen“ (Moshi Moshi/Rough Trade)
Für das neue Album haben die Casiokids ein bisschen was anders gemacht, als bei den Vorgängern: sich nämlich erstmals ein Studio gemietet, ein Intro aus Vogelgezwitscher gebastelt und eine Ballade geschrieben. Und gerade ersteres hört man. Gewohnt fröhlich verspielt, tänzelt das Quartett an munteren Keyboards, brummenden Bassläufen und Synthie-Schleifen entlang, nur eben dieses Mal in etwas ausgefeilteren Schritten. Die hohen Stimmen von Ketil Kinden Endresen und Fredrik Vogsborg runden das Werk passend ab, die Ballade „Aldri Ska Me Ha Det Gøy“ frei aus dem norwegischen übersetzt „Wir werden nie wieder Spaß haben“ auch – selbst wenn eben diese Aussage eigentlich gar nicht zu den Casiokids passt. (Miriam Mentz)
>>>> Video: „Det Haster!“
>>>> Albumstream

Clueso – „Extended Player“ (Zughafen/Rough Trade)
Der junge Erfurter Clueso, der ja erst kürzlich wieder mit Udo Lindenberg in den Charts war, ist nach wie vor ein kommerzieller Dauerbrenner. Deshalb ist es natürlich eine gute Idee, die teuer gehandelte EP „Extended Player“ noch einmal aufzulegen. Die sechs Songs, die zwischen „Text und Ton“ und „Gute Musik“ veröffentlicht wurden, zeigen natürlich eher die HipHop-Roots von Clueso, was aber sehr erfrischend daherkommt und zeigt, dass der Knabe schon damals Skills hatte. Wäre der deutsche HipHop damals nicht Aggro geworden und wenig später vor die Hunde gegangen, hätte man vielleicht heute keinen Popstar sondern einen HipHopper Clueso. (Daniel Koch)
>>>> EP im Stream

First Aid Kit – „The Lion’s Roar“ (PIAS/Rough Trade)
„Neues für den Hippie-Himmel“ kommentierte einer unserer Leser via Facebook, als wir vor einigen Tagen die Review mitsamt Albumstream posteten. Nun ja – ganz unrecht hat man damit nicht, ändert aber nichts daran, dass man es hier mit gelungener Hippie-Musik zu tun hat.
>>>> Video: „Emmylou“

Francois & The Atlas Mountains – „E Volo Love“ (Domino/GoodToGo)
Bei der Frage, ob er ein Nomade sei, muss Frànçois Marry nicht lange überlegen. Natürlich ist er einer: „Mich fasziniert ein Leben, bei dem man nur per E-Mail zu erreichen ist.“ Mit 19 war er aus Saintes an der französischen Westküste nach Bristol gezogen und hatte sich mit Verve in die dortige Musikszene geworfen. Schnell wurde Marry zum dankbarsten Support-Act der Stadt, und irgendwann gründete er seine Band, Frànçois And The Atlas Mountains. Marry ist wie die Ikarus-Figur auf dem Cover des neuen Albums der Band, „E Volo­ Love“: Er fliegt, über geografische Bezüge erhaben, der Sonne entgegen. Der sanft groovende Pop der Truppe ist von den Beatles,­ Serge Gainsbourg und Fela Kuti beeinflusst. Ein Faible für Afrika hat Marry schon länger: Dort ließ er sich im Trommel- und Gitarrenspiel unterrichten. „Sie haben gemerkt, dass ich leidenschaftlich bei der Sache bin. Umgehauen haben sie meine Songs aber nicht.“ (Christoph Dorner)
>>>> Albumstream

Guided By Voices – „Let’s Go Eat The Factory“ (Fire/Cargo)
Yeah! Sie sind wieder zurück! (Mehr muss man dazu nicht sagen…). Ach ja, die Review gibt’s hier.
>>>> Nachbericht: So waren Guided By Voices auf dem Øya Festival
>>>> Video: Guided By Voices bei Letterman

Kraftclub – „Mit K“ (Vertigo Berlin/UDR/Universal)
Man wollte sie ja erst nicht so recht mögen: Die Chemnitzer, bzw. die selbsternannten „Karl-Marx-Stadt“-Bewohner, waren im letzten Jahr überpräsent, wurden immer wieder als neuer heißer Newcomer gehandelt und spielten gefühlt in jedem Club im Land. Aber: Ihre Mischung aus Atzen-Pop, passgenauem Indie und dezenten HipHop-Einflüssen funktionieren auf „Mit K“ ausgesprochen gut. Popreferenzen, Prollkultur und Selbstironie werden in den Songtexten bisweilen so intelligent vermischt, dass man über die manchmal plumpen Riffstrukturen hinweghören kann. Und außerdem soll das Ganze ja in erster Linie live funktionieren – und das tut es. (Daniel Koch)
>>>> Snippets vom Album
>>>> Alle Kraftklub-Clips bei tape.tv

Leila – „U & I“ (Warp/Rough Trade)
„Warp“ bleibt weiterhin ein Gütesiegel für elektronische Musik: Das ändert sich auch nicht mit diesem Release: dem neuen Album der Iranerin Leila Arab, die bereits mit Björk kollaboriert hat und durch ungewöhnliche Aphex Twin-Cover auffällig geworden ist. Ihr manchmal verhuschter Gesang wird hier von schwerfälligen Beats in den Keller getragen, wo er hallt und haucht und sich dabei immer wieder in Melodien kleidet, die auch großer Pop sein könnten. (Daniel Koch)
>>>> Video: „(Dissapointed Cloud) Anyway“

The Maccabees – „Given To The Wild“ (Cooperative Music/Universal)
Die Kollegen vom Musikexpress haben das dritte Album der Maccabees in ihrer aktuellen Ausgabe als billige Coldplay-Kopie abgewatscht. Da müssen wir dezent widersprechen: Zwar ist es nicht abzustreiten, dass die Herren (wie sie uns auch im Interview zum Album verrieten) einen deutlichen Richtungswechsel vollzogen haben, aber Coldplay ist da dann doch die falsche Referenz. Zwar hat Tim Goldsworthy den Sound elektronisch geglättet, aber so seifig wie „Mylo Xyloto“ ist das eben nicht geraten. Im Gegenteil: Songs wie dem starken „Grew Up At Midnight“ oder dem hymnischen „Go“ steht das sehr gut, vor allem weil es mit leichtem Hall die Stimme von Orlando Weeks noch besser zur Geltung kommen lässt, und seine schönen Melodien nicht länger von Franz-Ferdinand-artigen Riffs zerhackt werden. Nicht Coldplay, eher Sigur Rós und die Foals sollte man da als ehrenwerte Referenz heranziehen. (Daniel Koch)
>>>> Stream: „Pelican“
>>>> Sehenswerter Video-Teaser zu „Given To The Wild“

Me And My Drummer – „You’re A Runner“ (Sinnbus/Rough Trade)
Das Berliner Label Sinnbus ist garantiert jedem schon einmal aufgefallen: Entweder weil man ihr erfolgreichstes Pferd im Stall namens Bodi Bill live gesehen hat, oder weil man einen hübschen jungen Menschen mit perfektem Scheitel und/oder perfekt verwuscheltem Haarschopf gesehen hat, der stolz eine Sinnbus-Jutetasche durch die Berliner In-Bezirke trägt. Das Duo Me And My Drummer, bestehend aus der formidablen Sängerin Charlotte Brandi und ihrem Mitmusiker Matze Pröllochs, ist der jüngste Release aus dem Hause Sinnbus – und ihm haftet ein wenig das an, was man manchmal besagten Sinnbus-Beutelträgern unfairerweise nachsagen will: Das sie einfach ein wenig zu hübsch geraten sind, zu niedlich, zu – nun ja – nichtssagend wäre zu hart. Dennoch hat man nach diesem Album das Gefühl, was Schönes gehört zu haben – ohne das groß was im Ohre hängen geblieben wäre … (Daniel Koch)
>>>> Video: „You’re A Drummer“

Radical Face – „The Family Tree – The Roots“ (Nettwerk/Soulfood)
Mit „The Family Tree: The Roots“ hat sich Ben Cooper aka Radical Face, sonst auch bekannt als eine Hälfte des Independent-Duos Eletric President, sein ganz eigenes „Buddenbrooks“ zum Vorhaben gemacht. Denn das neue Werk ist nur der Anfang. Der Anfang einer fiktiven Familiengeschichte aus dem 19. Jahrhundert, die sich letztlich über drei Alben erstrecken soll und nun an den Wurzeln mit der Erzählung beginnt. Ein episches Projekt, für das Cooper zunächst etwas amerikanische Geschichte studierte, Ahnenforschung betrieb, um schließlich 15 Monate lang im Geräteschuppen hinter dem Haus seiner Mutter allein an der Umsetzung zu arbeiten, dem 19. Jahrhundert entsprechend bloß mit Klavier, Akustikgitarre und Tom-Trommel ausgestattet. 15 Monate, die definitiv nicht vergebens waren. (Miriam Mentz)
>>>> Video: Pound Of Flesh
>>>> Albumstream

Die Sterne – „Für Anfänger“ (Materie/Rough Trade)
Nun gut: Es gibt genügend Anlässe für dieses Minialbum. Immerhin feiern die Sterne dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen und die Gründung des eigenen Labels „Materie Records“. Abgesehen davon drängt sich einem beim Hören jedoch nicht der Eindruck auf, dass es unbedingt nötig gewesen wäre, die fünf Sterne-Klassiker „Big In Berlin“, „Inseln“, „Universal Tellerwäscher“, „Was hat dich bloß so ruiniert“ und „Fickt das System“ noch einmal aufzunehmen und auf ein Album zu packen. Die beiden Coverversionen von Superpunk und Die Regierung lassen zumindest noch etwas Frischluft rein – aber ansonsten trifft es der Titel vielleicht besser als er soll: Das Minialbum ist etwas für Sterne-Anfänger, für einen ersten Eindruck, ansonsten aber höchstens wegen den beiden gelungenen Coverversionen interessant. Wir werden übrigens in der nächsten Woche noch einmal Frank Spilker in einem Videointerview fragen, was er sich dabei gedacht hat. (Miriam Mentz)

Wiley – „Evolve Or Be Extinct“ (Big Dada/Rough Trade)
Das neue Album von Wiley ist in unserer „Beats“-Kolumne ein Thema gewesen. Die Review dazu gibt es hier.
>>>> Der Song „Fire“ im Stream

You Say France & I Whistle – „Angry Men“ (SPV Recordings/SPV)
Letztes Jahr zu dieser Zeit – beinahe auf den Tag genau – erschien „Angry Boy“. Das heute veröffentlichte „Angry Men“ setzt den Sound des Vorgängers nahtlos fort, ohne dabei allzu sehr zum Mann zu werden. Und genau das ist auch gut so. Denn eben das ist die Stärke des schwedischen Quintetts – nicht zu erwachsen zu werden. Ihre Songs klingen, unabhängig von der thematischen Ausrichtung, stets herrlich unbekümmert und schwerelos. „Oho“-Gesänge und ein Beat, der den Fuß zum Wippen bringt ergänzen diese geballte Lebensfreude und schmettern einen einen Ohrwurm-Kandidat nach dem anderen um die Ohren. Live ist das übrigens besonders charmant, was nicht zuletzt an dem Einsatz zahlreicher Stofftiere liegen mag.
>>>> Video: „OMG“
>>>> Albumstream