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Haftbefehl: Die Reime, die Musik, die Wut

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Haftbefehl: Die Reime, die Musik, die Wut

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Haftbefehl hat die seiten gewechselt. In jeder Hinsicht. Geografisch: von Offenbach ans gegenüberliegende Mainufer. Ökonomisch: vom eigenen Indie-label, Azzlackz, zur größten Majorfirma, Universal Music. „Wir haben einen sehr guten Deal bekommen“, sagt Aykut Anhan. „Ich wollte mich mehr um meine Musiker kümmern. Darum habe ich die Verwaltung meiner eigenen Musik an die abgegeben.“ Der ehemalige Drop-out und Drogendealer ist jetzt Unternehmer. Sein Künstlername stammt aus den chaotisch-kaputten Jugendjahren. „Haft“ oder „Hafti“, wie Kumpels und kumplige Fans ihn nennen, muss seine Geschichte immer wieder erzählen: Koks, Crack, Gewalt, Jugendhaft, Bahnhofsviertel. Und HipHop als rettende Hand. Ein hessischer Kurde, der sich aus einer verpfuschten Jugend windet. Eine Brennpunktstory der Popkultur, was in Deutschland immer so wirkt, als hätte ein findiger Produktmanager sie sich am Telefon ausgedacht. Anhan grinst. Alles echt. Kein Angebertyp.

Eher entwaffnend offen, mit einem Tick Selbstironie. Haftbefehl, der nachdenkliche Typ. Auf seinem aktuellen Album lässt er in der biografischen Trilogie „1999“ alles Revue passieren. Ein geloopter Kinderchor, ein rollender Rhythmus und eine hochgepitchte Stimme, die mahnend „Oh Junge“ sagt. Dann beginnt die Saga in Schwarz-Weiß, die für ihn mit 14 rund um die „Hermann-Steinhäuser-Straße“ begann. Der Titel einer alternativen Stadtführung durch die Gegend lautet „Ghetto oder Kiez“. Eine Frage der Perspektive, die Haftbefehl in ihren Extremen erfahren hat: „Kanaken stehen Sparkasse Richard-Wagner“, rappt er. Die Tristesse des Normalen. Echte Brüder, echte Adressen, echte Gefühle. Am Ende fällt ein Schuss. Seit Mitte Dezember ist Anhan 29.

Es geht Hanauer Landstraße rechts ab, dort wo Frankfurt in Gewerbezonen ausfranst. Speditionen, Möbelkaufhäuser und Mc- Donald’s-Drive-in. Anhans Label, Azzlackz, residiert in einem identitätslosen Flachbau neben einer großen Autowerkstatt. Durchaus praktisch, wenn der Jaguar mal zur Inspektion muss. In dieser Gegend hatten schon die Eurodance-Mogule Michael Münzing und Luca Anzilotti (alias Snap!) ihre Produktionszentrale. Tin Pan Alley auf Frankfurterisch. Die im September 2012 in die Insolvenz gegangene Technodisco Cocoon Club von DJ Sven Väth lag direkt um die Ecke. „Den Sven kenne ich von ganz früher. Wobei ‚kennen‘ das falsche Wort ist: Ich habe seinen Leuten mal was verkauft“, grinst Anhan. „Da war ich noch jung, vor zehn Jahren oder so. Wir waren auf Elektro-Partys unterwegs und fanden diese Szene geil. Afterhours bis Mittags in der Vinylbar hinterm Ostbahnhof, wo man natürlich auch hingegangen ist, um Geld zu verdienen. Doch wenn wir mit den Jungs das volle Programm durchgezogen haben, war die Woche danach komplett im Eimer. Harter Lifestyle. Wir sind dann bald wieder zum HipHop zurück.“

Aykut Anhan hat noch einen Medientag drangehängt. Stoisch posiert er für ein Lifestyle-Heft aus Österreich. Die HipHop-Magazine haben ihn bereits vorab gefeiert. Jedes Feuilleton bringt Interviews oder lange Erklärstücke. Tenor: Haftbefehls neues Album, „Russisch Roulette“, sein viertes, setzt Maßstäbe über das Genre hinaus. Dahinter kann man nicht mehr zurück. Wo Herbert Grönemeyers parallel erschienene Platte, „Dauernd jetzt“, ein großes Musikerleben der alten Bundesrepublik feiert, ist Haftbefehl das neue Deutschland. Der Boulevard flankiert: „Deutsch-Türken mischen die Charts auf“, titelt „Bild“ angesichts der gleichzeitigen Top-Ten-Platzierungen der Rap-Kollegen Kool Savas („Märtyrer“), Eko Fresh („Deutscher Traum“) und Summer Cem („Hak“).   

Anhan wundert sich. Er hat einfach nur gemacht. Seine Welt ist immer weiter gewachsen. Ohne groß zu schauen, was draußen los ist. „Meine Fans sollten nicht enttäuscht werden. Gute Beats, gute Features“, sagt er. „Es sind Geschichten von früher, aber der Flow sollte was absolut Neues sein. Eine Mischung der Sounds von Paris, New York … und Miami! Das war mein Maßstab für ‚Russisch Roulette‘. Die Lyrics sind Haftbefehl pur. Frankfurt halt!“

Er ist größer und wuchtiger als gedacht. Typ Brummbär, kein aufgedrehter Aggro-Darsteller. In Meditationshaltung hockt er auf dem Regiestuhl im Mischpultraum. Das neue Hauptquartier wurde erst vor einer Woche bezogen. Alles noch halb fertig und rudimentär mö-bliert. Hinten im Eck zockt seine Crew johlend ein „FIFA“-Videospiel auf dem Riesenflachbildschirm. Im Regal stehen Platten seiner Schützlinge Celo und Abdi, die er einst auf Myspace entdeckte und denen gegenüber er den honorigen Labelvater gibt. „Asslackz als Plattenfirma bleibt indie“, sagt Anhan. „Ich bin kein Typ, der den Dicken macht. Laut werden ist nicht so mein Ding. Wir sehen das lockerer als andere Rap-Labels, die mehr den Stock im Arsch haben und sehr ans Finanzielle denken. Bei uns läuft geschäftlich alles gut. Natürlich würden meine Jungs auch gerne Millionen haben. Aber Humor in die Sache zu bringen ist ebenso wichtig.“

 Humor“ ist natürlich eine lustige Bezeichnung für die wilde Azzlackz-Welt. „Abdi, Celo, Capo, Brate und Psyko Veysel, frisch aus dem Knast“, stellt Anhan die Crew vor. Der königliche Pate einer Rasselbande, der seine Sonnenseite in den Dienst des Labels stellt. Die Schatten seines Seins macht er mit sich selbst aus, in düsteren Bildern. Haftbefehls Video zu „Lass die Affen aus’m Zoo“ ist ein hyperauthentisches Panoptikum vertrauter Straßenszenen. Narben, Pitbulls, Boxereien wie in einer investigativen TV-Dokumentation. Keine Miet-models, sondern Menschen aus dem Milieu. In „Saudi Arabi Money Rich“ posieren kiffende orthodoxe Juden mit Schläfenlocken in Straßenkreuzern. Frauen tragen Louis-Vuitton-Burkas. Kaputte Religion, dekadenter Luxus. Seine ursprüngliche Idee, mit einem Ferrari durch Dubai zu fahren und Geldscheine aus dem Fenster zu schmeißen, klingt wie eine Interventions-Aktion aus der bildenden Kunst. Sein A&R-Mann, Neffi Temur, hält ihn schließlich davon ab. Die Scheichs seien schon reich genug. Dann lieber ein Clash der orthodoxen Symbole. Als Anhan zum Video-

Posting den Gruß „Shalom und Salam alaikum! Wir sind alle Brüder“ anfügt, geht es auf seiner Face-book-Seite richtig rund. Die einen brandmarken den vermeintlichen Versöhnungs-Kuschelkurs des frisch gebackenen Major-Künstlers, der nun Kreide fressen muss. Seine kurdischen Fans wiederum mokieren sich bitter darüber, dass er das Filmchen nicht mit eigenen Landsleuten und Themen besetzt hat. Provo-Theater, das sich kein Stückeschreiber hätte ausdenken können. Gangsta-Rap, der sich hierzulande sonst auf rituelle Rivalen-Beschimpfung und aufs Dicke-Eier-Zurschaustellen beschränkt, schließt plötzlich zur politischen Debatte auf. „Ich weiß gar nicht, wer hinter dem Islamischen Staat steht. Warum fliegen Deutsche dorthin, um als Muslime zu kämpfen?“, fragt Ayhan.

 Vor gut fünf Jahren trat „Hafti“ zum ersten Mal auf der Bühne auf. Die Label-Compilation des Rappers Jonesmann, „Kapitel eins – Zeit für was Echtes“, enthält drei seiner Tracks. Im Herbst 2010 erscheint Haftbefehls Debüt, „Azzlack Stereotyp“, immerhin Platz 59 der deutschen Albumcharts. Der große Kick kommt Anfang 2013 mit dem dritten Album, „Blockplatin“, und dem Hit „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Das dazugehörige Video inszeniert spektakulär den Rotlichtbezirk rings um die Frankfurter Kaiserstraße. Einschließlich aller Remixe und Making-ofs wird der Track rund 30 Millionen Mal geklickt. Der Songtitel wird Alltagssprache und prangt auf Wahlkampfplakaten. „Babo“ wird „Jugendwort des Jahres 2013“.

„Mit so was rechnest du natürlich nicht, wenn du jahrelang im Untergrund vor dich hin machst“, sagt Anhan. „Es gab zwar schon am Karriereanfang Songs mit Millionen Klicks, aber die kamen wohl aus einer Szene jenseits der großen Öffentlichkeit.“ Dabei hat gerade das Rhein-Main-Gebiet seit zwei Jahrzehnten ein Abo auf kantige Typen. Wenn man so will, die Keimzelle der Gangsta-Schule. „Moses Pelham war damals der erste harte Straßenrapper in Deutschland, und danach kamen viele coole Typen hier aus der Gegend wie Azad, Tone oder D-Flame. In meiner Jugend eine ferne Traumwelt, doch sie haben gezeigt, dass mit Musik was gehen kann. Jetzt bin ich selbst ein Teil dieser Geschichte. Wenn wir was rausbringen, sind wir Gesprächsstoff Nummer eins hier in der Region.“ Pelham wurde mit dem Rödelheim Hartreim Projekt zum Prototypen des kantigen Rhein-Main-Gangstas. Er und sein Reimpartner, Martin Haas, verstehen es als Erste mit großem Erfolg, die studentische Konkurrenz mit fauchenden Versen wegzubeißen. Die heilige Dreieinigkeit des HipHop mit Graffiti, Breakdance und Rap, die New Yorker Old School der späten Siebziger, ist für sie Bronx-Romantik für Mittelstandskinder. Vom Debütalbum, „Direkt aus Rödelheim“, verkaufen sie 1994 aus dem Stand über 160.000 Exemplare. Ein Hauch N.W.A. am Main. Mit der weiblichen Kunstfigur Schwester S., der späteren Sabrina Setlur, adaptieren die beiden kurz darauf das Produzentenmodell. Doc Dre lässt grüßen. Der Gangsta-Rapper von Welt ist mindestens ebenso Musiker wie Geschäftsmann. Ein Pate der Beats.

Bei Haftbefahl war es ein langer Prozess vom Jugendarrest zum Labelboss. Als die ersten Gagen kommen, traut er sich selbst noch nicht über den Weg. Und dealt weiter. Heute dis-tanziert er sich „von dem Scheiß. Ich bin komplett raus, worauf ich auch stolz bin.“ Er hängt sich jetzt rein in die Musik. „Na ja, und Essen halt. Ich bin leidenschaftlicher Esser, mindestens vier-, fünfmal am Tag“, sagt Anhan und klopft sich mit Gönnerblick auf die kleine Plauze unter dem Pullover. Und dann macht er eine bauernschlaue Rechnung auf: „Wenn du regelmäßiger Kokser bist, was ja auch in der Rockszene vorkommen soll – hahaha! –, und sei es nur am Wochenende, dann sind 200 Euro die Woche locker weg. 800 im Monat. Sind 9.600 im Jahr. Also 10.000 – das ist die Finanzierung eines Mercedes SL, ein Sportwagen, mit dem man viel Spaß haben kann.“

In „Schmeiß den Gasherd an“ wird kein Gourmetmenü gekocht, sondern Crack. „Azzlacks sterben jung 2“ ist der wohl eindrücklichste Track des Albums, der mit drastischen Worten das Verhältnis zwischen Junkie und Dealer zeichnet: „Angekommen in Germany, reicht ein Engel ihm die Pfeife, eine blonde kleine Schlampe direkt aus’m Arsch vom Teufel/ Als er nahm die Trompete in den Mund, war eigentlich klar, dass er Iblis gerade einen lutscht.“ Iblis, Satan, als Drogenhändler. Hinter getönten Limousinen-Scheiben im Gruselkabinett des Bahnhofsviertels.

Neben seinem irren Reim-Mix aus Deutsch, Türkisch, Kurdisch, Hessisch, Rotwelsch und sonstigen Sprachschnipseln ist es vor allem sein musikalisches Interesse, das Haftbefehl von den übrigen deutschen Gangsta-Figuren unterscheidet. „Ich bin da kontinuierlich im Thema und brauche vor einer Albumproduktion keine Recherche machen“, antwortet er auf die Frage nach aktuellen Vorbildern. Klar war nur, dass er auch beim Majorlabel eine harte Platte ohne Konzessionen machen würde. Ein Duett mit Tim Bendzko ist seine Sache nicht. „Es gab vor acht, neun Jahren die letzte große Veränderung im HipHop. Klassische Beats waren erst mal komplett ausgestorben, weil unter dem Stichwort Trap (Rap auf Synth-Elektro-Basis – Red.) ein komplett neuer Sound in den Vordergrund rückte. Alles andere hat dann lange Zeit nur schwer Platten verkauft. Ich habe mich mit dem ganzen Zeug befasst und alles im Kopf gespeichert. Jetzt habe ich dichtgemacht, weil es nur ablenkt vom eigenen Style.“ Etwa beim Track „Haram Para“, was so viel bedeutet wie „Geld, schmutzig“: Da kreisen multilinguale Reime um gespenstische Synthietupfer. Es geht gegen den Kapitalismus, die Banken, Rothschild. Wohl wissend, dass der eigene Gangsta-Kapitalismus kaum besser war. Widersprüche im derben HipHop-Kosmos. Der 1997 in Los Angeles ermordete Biggie Smalls (The Notorious B.I.G.) war so ein Typ, der sich aufgrund seines Vorlebens stets „ready to die“ fühlte. Schließlich holten die Geister der Vergangenheit ihn ein. Auch Haftbefehl ist als „Mann im Spiegel“ auf „Blockplatin“ zerrissen in seinen Widersprüchen. „Mit der Pumpgun in die Rübe“ will er sich ein Ende setzen. Einsamer Hass auf die eigene Gefühlswelt. Schuld und Erlösung. Bei Haftbefehl siegt am Ende „hayat“, das Leben.

„Man kocht dann besser mit den eigenen Zutaten“, sagt Anhan und nestelt an seinem iPhone. Die Geschäfte rufen. „Ich befasse mich kaum mehr mit anderen Rappern. Mir gefällt nur noch, was wirklich aus der Art fällt. Dann ziehe ich mir das zwei, drei Wochen lang wirklich rein. Wie neulich Stromae. Aus Belgien. Kein HipHop, aber inspirierend. Sehr gute Sachen. Ein anderer, ein wirklich europäischer Sound. Da geht’s lang.“

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