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Rolling Stone Porträt

Haiyti: Ein Girl Boss Gangster mischt den Deutschrap auf

Nicht real, ist ’ne Kunststudentin!“, hatte jemand unter ihr erstes Rap-Video auf You­Tube gepostet: Ronja Zschoche, wie ­Haiyti wirklich heißt, hätte das Thema am liebsten totgeschwiegen. Lange wussten nur ihre engsten Freunde, dass sie an der Hamburger Hochschule für bildende Künste eingeschrieben ist. Gangsta-Rap als Kunstprojekt? Man will es gern glauben, ­allein schon um die verwirrenden Eindrücke, die ihr überquellender YouTube-Output im Kopf hinterlässt, schneller einordnen zu können. Eine junge Frau mit Pferdeschwanz, deren aufmüpfiger Gesichtsausdruck an Klein Mü aus Tove Jansson Mumins-Saga erinnert, rappt tight wie eine Maschinengewehr­salve über Nutten, Koks und Raubüberfälle, während sie im Fokus einer wackligen Handykamera auf abgefuckten Brachflächen vor Sportwagen posiert. Das kann ja nur Ironie sein. Meta-Entertainment für Hipster und Feuille­tonleser. Möglicherweise sogar ein kritischer Kommentar zur Aneignung schwarzer Getto-­Codes durch weiße Bildungsbürger. Klar!

Begegnet man Haiyti dann zum ersten Mal persönlich, ist auf einmal gar nichts mehr klar. Die Rapperin, der es immerhin bis jetzt gelang, ihr Alter geheim zu halten, empfängt uns in ihrem Kiez auf St. Pauli. Es ist ein unentschlossener Herbsttag, immer wieder bricht gleißendes Licht durch die Wolkendecke, sodass man Sonnen­brille und Jacke im Minutentakt an- und ausziehen möchte. In einer Parallelstraße der Reeperbahn steuert sie auf uns zu, flankiert von einem Rudel Männer, das die knapp 1,60 Meter große ­Haiyti bei Weitem überragt. Einer mit Boxer­gesicht, raspelkurzem Militär-Cut und „Hass“-Tattoo im Nacken stellt sich als Joey Bargeld vor. Die Stimme passt so gar nicht zur Erscheinung. Ton- und kraftlos, irgendwo zwischen geprügeltem Hund und heiserem Hooligan. Die anderen beiden wirken mit ihren dunklen Brillen und den ins Gesicht gezogenen Mützen auf den ersten Blick wie Bodyguards. Es sind Trettmann und Fizzle, zwei Drittel des Produzententeams Kitschkrieg, mit dem ­Haiyti im Juli ihre in der Szene gefeierte „Toxic“-EP veröffentlicht hat. Gleichzeitig federnd und schlurfend geht die drahtige Künstlerin der Gruppe voran, dann lässt sie sich auf eine Holzbank vor einem türkischen Kiosk fallen. Ihre chronisch müden Augen blinzeln in die Sonne, sie gluckst:„Lass uns anfangen!“, und zieht die Knie so eng an den Körper, dass sie fast unter der zu großen Bomberjacke verschwinden. Defensivhaltung.



Die besten Doppel-Alben aller Zeiten: The Rolling Stones – „Exile On Main St.“

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, auch nur einen einzigen der 18 Tracks wegzudenken, die sich auf vier LP-Seiten zum fulminantesten Statement der Stones verdichten, jede Seite mit eigener Dynamik, jeder Cut eminent. Gleich eingangs „Rocks Off“, ein Bündel nervöser Energie, tänzelnd im Zaum gehalten zuerst, dann freigelassen und wieder eingefangen, ungezähmt. Mittendrin ein Moment der Einkehr, das Tempo gedrosselt, die Töne spacey. „Feel so hypnotized“, maunzt Mick selbstverloren, „it’s all mesmerized, all that inside me“, bevor der Song die Sporen spürt und in gestrecktem Galopp in die Nacht geritten wird: „The sunshine bores the daylights out of me.“ Was…
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