„Happy“-Video-Nachsteller auf der Suche nach sich selbst oder Yacht-Rock, das zurückgelassene Ding


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Folge 41

Ich glaube, dem Straßenbild vieler Metropolen täte es gut, wenn es nicht mehr unentwegt von Menschen durchsprungen würde, die in organisierter Fröhlichkeit das „Happy“-Video des beliebten Stimmungssängers Pharrell Williams nachtanzen. Inzwischen hat die „Happy“-Video-Dreherei ja solche Ausmaße angenommen, dass man kaum noch eine Städtereise nach Paris, Rom, Barcelona, Berlin oder Düsseldorf-Benrath unternehmen kann, ohne bereits am Bahnhof von „Happy“-Tänzern über den Haufen getanzt zu werden. Auch Oer-Erkenschwick braucht nicht unbedingt ein eigenes „Happy“-Video, finde ich. Man ahnt auch so, dass die Menschen dort glücklich sind. Und falls der Drang, seiner Happiness Ausdruck zu verleihen, doch allzu groß wird, kann man sich ja mit den bereits gedrehten „Happy“-Videos benachbarter Großstädte solidarisieren.

Es ist inzwischen aber längst kein rein ästhetisches Problem mehr, dass ganze Städte von enthemmten „Happy“-Tänzern verschandelt werden. Versuchen Sie dieser Tage doch mal einen Zahnarzttermin zu kriegen: „Tut mir leid“, wird einem da von der Sprechstundenhilfe mitgeteilt, „wir können Sie heute leider nicht behandeln, da Dr. Domröse (Name vom Autor geändert) mit seinem Team noch in einem „Happy“-Video mitwirken muss.“

Wer weiß: Vielleicht teilen einem ja bald auch ganze Städte mit, dass sie total „sad“ sind. Sicher, hierfür bedarf es zunächst eines weltumspannenden Hits, – gleichsam eines sadness anthems –, der erst dafür sorgt, dass in lauter Kindertagestätten, Ärztepraxen, Tierfuttergeschäften und Nagelstudios sowie auf Straßen, Plätzen und Verkehrsinseln kollektiv dem Gefühl Ausdruck verliehen wird, traurig zu sein. Aber wenn ich ein bärtiger Berliner Barde mit verknatschter Stimme wäre, ich würde sogleich ein solches Lied schreiben.

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Meine Lieblingsplatte dieser Woche ist ein Sampler, der seine Veröffentlichung auf dem Label How Do You Are erfährt. „Too Slow To Disco“ heißt die Compilation und versammelt glattpolierten Anzugträger-Westcoast-Pop der späten Siebziger. Man kann auch Soft Rock oder Yacht Rock dazu sagen. Man kann aber auch einfach mal kurz aus dem Fenster gucken. Es geht hier um jene Sorte Musik, die, ausgehend vom Schaffen solcher Bands wie den Eagles, Fleetwood Mac oder Crosby, Stills & Nash, die zweite Hälfte der amerikanischen Siebziger beherrschte und überwiegend von Herren in cremefarbenen Anzügen gemacht wurde, die sich vor wichtigen Terminen die Koksreste aus dem Schnurrbart bürsten mussten. Zu hören sind neben prominenten Vertretern wie den Doobie Brothers oder Chicago auch die Alessi Brothers oder Micky Denne und Ken Gold mit dem wunderbaren „Let’s put our love back together“. Ich sage ihnen: Beim Hören dieser Musik knöpft sich das Hawaiihemd von selbst bis zum Bauchnabel auf. Sicher, es ist wie immer: Natürlich macht es mehr Spaß, sich den Kram auf Flohmärkten selbst zusammenzusuchen. Aber erstens wird das von hochwasserhosigen Boys und Girls mit Phoenix-Fimmel bereits seit langem betrieben und zweitens habe ich vergessen. Der Erwerb einer eigenen Yacht erscheint mir jedenfalls dieser Tage sinnvoller denn je.

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Wer glaubt, das Yacht-Rock-Revival sei ein Problem, der erfreue sich mit mir an dem folgenden über meinem Maileingang abgeworfenen Infotext, der eine demnächst zu veröffentlichende CD namens „Alpenchill – Magie der Berge, Vol.1“ ankündigt:

„Dieser Ausblick, diese Weiten, dieses Licht, die vereinzelten Kuhglocken, die man in der Ferne vernimmt, diese unglaubliche Ruhe, die so nur hier oben einkehrt: Mit „Alpenchill – Magie der Berge, Vol. 1“ erscheint ein brandneues Chill-Out-Projekt, das elektronische Beats mit gediegenen Melodieteppichen und Hochland-Flair vereint und den perfekten Lounge-Abend garantiert.“

Ich weiß gar nicht recht, wie ich ohne die hier angekündigte Musik noch leben soll. Ich muss das sofort haben! Eigentlich ist jede Stelle aus der Info zitierenswert. Wenn die Musik nur halb so gut ist wie der Werbetext, dann kann Pharrell Williams schon mal anfangen, seine Hutsammlung aufzuessen. Weiter geht’s: “ Die Musik von Alpenchill entführt einen vom ersten bis zum letzten Track raus aus dem Alltagstrubel: den Blick in die Ferne gerichtet, nur die besten Freunde um einen versammelt – wer Après-Ski gerne etwas ruhiger angeht, hat hier seinen Soundtack (sic!) gefunden. Gediegene Beatlandschaften inklusive Kuhglocke und unbedingtem Feel-Good-Faktor, mit Sounds, die sich wie Sonnenstrahlen den Weg durch die Wolkendecke bahnen und freie Sicht bis zum Horizont gewähren – und zwischendurch darf sogar ein wenig getanzt werden.“

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Auch dieses Album muss ich gleich mehrfach haben. Angekündigt wird das Solo-Werk irgendeines Culcha-Candela-Musikers:

„Etwas  Bleibt“ ist ein Album, das ein Erlebnis ist. Ein Album, das die Reise zwischen den Welten und Kulturen zum klingen bringt. Ein Album, das den Mut hat, Dinge zurückzulassen. „Etwas Bleibt“ ist kein kugelsicheres Werk eines berechnenden Pop-Songwriters. Es ist voller freudiger Überraschungen und Lieder, die vor allem eines tun: ein Gefühl hinterlassen. Ein Gefühl, das exotisch und vertraut ist. Ein Gefühl, das bleibt.“

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Ich vermute, das ist es, worum es geht: „Dinge zurückzulassen“.

Die Sonne scheint und der Tag ist im Grunde gelaufen. Ich wickele mich jetzt erstmal in den gediegenen Melodieteppich der Alpenchiller und höre noch mal die schöne Siebziger-Jahre-Kokspop-Compilation. Für weitere „Happy“-Videos stehe ich erstmal nicht mehr zur Verfügung. Ansonsten wollte ich noch sagen, dass ich meinen Après-Ski gerne etwas ruhiger angehen lasse.