Hashtag des Jahres 2017: #metoo

Zwei Männer mit Popelbremsen, Cowboyhüten und Gospel-Affinität haben 1979 in den Charts sexuelle Belästigung thematisiert. Und das auch noch im Duett zu Softrock-Harmonien! Die Bellamy Brothers fragten in ihrem ersten Hit: „If I said you had a beautiful body, would you hold it against me?“ Der Satz ist nicht von ihnen. David Bellamy behauptet, Groucho Marx habe ihn in den Fünfzigern immer wieder in seiner Fernsehquizshow „You Bet Your Life“ benutzt, als Anmachspruch. Aber nur wenn eine junge Frau neben ihm stand. Die dann angesichts der Situation – der nonchalante Frauenheld und Comedian Groucho schäkert mit einem jungen Mädchen – ohnehin nie mit „Yes“ antwortete. Schließlich: Was hätte das ausgesagt? Dass sie sich nicht geehrt fühlt, wenn Groucho ihr schmeichelt und vor der amerikanischen Öffentlichkeit ihren Körper beurteilt?

Ob das sexuelle Belästigung oder eine, wenn auch parodistische Auseinandersetzung damit war, interessierte lange niemanden. Jetzt interessiert es viele. Sogar so sehr, dass das Thema verflucht, der Erfolg des Hashtags #metoo, der Frauen und Männern die Chance geben sollte, Belästigungen und Missbrauch öffentlich zu machen, als „Hysterie“ bezeichnet und ein schnelles Ende der Debatte gefordert wird.

Die maulige „Metoo“-Gegenrede einiger Männer (seltener Frauen, aber auch die gibt es) wird vor allem mit der Fehleranfälligkeit der Idee begründet: Nur weil jemand sagt, jemand anders habe ihn oder sie ungewollt angesprochen/berührt, muss es noch nicht stimmen. Mögliche Missverständnisse in der Interpretation einer Begegnung werden angeführt, fehlende Erfahrung oder zehn Bier zu viel. Dabei sollte die Nein-heißt-nein-Gesetzesreform im Jahr 2016 eigentlich jeden für ablehnende Aussagen anderer Menschen sensibilisiert haben.

Kooperation

Wenn es nicht mehr konsensuell ist

Doch die Kritiker werfen der Hashtag-Aktion und ihren gesellschaftlichen Folgen vor, ein Zusammenleben zwischen Männern und Frauen unmöglich zu machen: Jedes Kompliment werde einem im Mund umgedreht! Darf man denn nicht mehr nett sein? Nicht mehr flirten? Einer Frau sagen, dass sie einen schönen Körper hat? Wie Groucho Marx seiner Quizshow-Kandidatin?

Die Sache mit Groucho trifft den Kern des Problems: Ein Kompliment, das den Körper und damit das Geschlecht des anderen betrifft, funktioniert nämlich nur zwischen gleichberechtigten und gleichgestellten Menschen. Nun sind vielleicht qua Gesetz alle (erwachsenen) Menschen gleichberechtigt – gleichgestellt sind sie noch lange nicht. Sobald ein Machtgefüge zwischen zwei Menschen herrscht, das auf Geld, gesellschaftlichem oder politischem Rang, finanziellen oder beruflichen Abhängigkeiten beruht, begegnen sich zwei (oder mehr) Menschen nicht mehr mit dem gleichen Hintergrund. Konkret heißt das: Wenn jemand einen Schaden davon nimmt, dass er ein Kompliment oder eine Annäherung nicht akzeptiert, kann das Ganze nicht mehr konsensuell sein.

Hätte Grouchos Kandidatin ihm also dem Mund verboten, wäre sie rausgeflogen und/oder als undankbare Zicke in die TV-Annalen eingegangen. Und hätten die Weinstein-Opfer den offenen Bademantel und den nackten Bauch drunter gemeldet, dann hätten sie in Miramax und anderen Produktionen keinen Job mehr bekommen.

Die ungewollte Aufmerksamkeit in der Bar, das Hinterher-pfeifen auf der Straße, das ungebetene Kommentieren des eigenen Körpers durch Fremde beruhen ebenfalls auf nichtkonsensuellen Empfindungen und können darum Schaden anrichten. Komisch, dass dieses Verhalten in der Debatte immer wieder mit Flirten verwechselt wird. Wo Flirten doch auf gegenseitigem Interesse basiert. Und es schließlich eh nichts Peinlicheres gibt, als jemanden anzuflirten, der nicht zurückflirtet.

Britney Spears sang vor sechs Jahren auf ihrem lahmen „Femme Fatale“-Album übrigens: „If I said I want your body now, would you hold it against me?“ Und wurde prompt verklagt. Natürlich nicht wegen #metoo, sondern wegen Copyright-Verletzung vom Anwalt der Bellamy-Brothers. Was wohl Groucho dazu sagen würde?

PATRICK HERTZOG AFP/Getty Images

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