Rolling-Stone-Porträt

Hurray For The Riff Raff: „Nach vorn, Schwestern!“

Alynda Segarra betritt die Bühne wie eine Revolutionärin aus dem Bilderbuch: schwarzes Tanktop, schwarze Baskenmütze, -dazu ein Gesicht, dem der angriffslustige Ausdruck angeboren scheint. Gleich wird sie die Faust in die Luft recken, schwarz behandschuht, und den Palästen dieser Welt den Krieg erklären. Meint man. Stattdessen lächelt die 29‑Jährige schüchtern in den beengend kleinen, prall gefüllten Londoner Kellerclub und haut mit einer ruckartigen Bewegung das erste Riff von „Living In The City“ in die Saiten, mit dem auch das neue Album ihrer Band Hurray For The Riff Raff beginnt. Es ist das erste Konzert dieser Tour und das erste Mal, dass sie die neuen Lieder vor Publi-kum spielt. Und auch wenn die militanten Gesten in den folgenden anderthalb Stunden ausbleiben, macht Segarra dem Publikum doch unmissverständlich klar, dass ihr eine Menge auf der Seele brennt. „The Navigator“ ist zutiefst persönlich und gleichzeitig das politischste Album, das die Musikerin aus New Orleans je aufgenommen hat. „Es ist fast ein Theaterstück“, erzählt sie uns knapp zwei Stunden vor ihrem Auftritt im Club Sebright Arms. „Es gibt einen Epilog, zwei Akte und dann ein großes Finale.“

Steuermann der Entrechteten

Der Plot der „Navigator“-Saga, Kurzversion: Ein Immigrantenmädchen namens Navita kämpft in einer dystopischen Großstadt ums Überleben, gerät im von Rassismus und Klassenkampf geprägten Alltag jedoch immer wieder unter die Räder. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als „eines Tages aufzuwachen und nichts mehr wiederzuerkennen“. Eine geheimnisvolle alte Frau erfüllt ihr diesen Wunsch schließlich, aber auf die fiese alte Hexenart: Mit einem Fluch versetzt sie Navita in einen 50-jährigen Schlaf. Als die Heldin aufwacht, hat sich die Stadt noch weiter zum Schlechten entwickelt. „Alles ist bis zur Unbewohnbarkeit gentrifiziert. Die Menschen, die sie liebte, sind verschwunden oder in die Outskirts abgeschoben worden, auf eine trostlose, von Mauern umgebene Insel namens Rican Beach.“ Um den Kreislauf zu durchbrechen und ihre Familie wiederzufinden, muss Navita zum „Navigator“ werden, zum Steuermann der Entrechteten. Es ist eine sozialromantisch aufgeladene, „Der Zauberer von Oz“-artige Abenteuerreise, die ganz offensichtlich von Segarras eigener, von Scham und Zweifeln geprägter Biografie -inspiriert ist.

Endlich bei sich: Alynda Segarra

Die Songwriterin, die als Tochter puerto–ricanischer Eltern in der New Yorker Bronx aufwuchs, haderte jahrelang mit ihrer Herkunft. Ihr gesellschaftliches Umfeld gab ihr das Gefühl, dass niemand aus Puerto Rico jemals etwas Bedeutendes geleistet hat, erinnert sie sich. „Obwohl wir auf dem Papier zu den USA gehören, sind wir bis heute Bürger zweiter Klasse.“ Weil sich ihre Familie in den USA um Assimilation bemüht, lernt Segarra niemals Spanisch. Dafür entdeckt sie, ungefähr zur Zeit als -George Bush jun. seine erste Amtszeit beginnt, den Punk. „Das Klima war politisch aufgeladen. Viele Punkbands untermalten ihre Konzerte mit Slide-shows, es gab Protestveranstaltungen und Diskussionsrunden. Dann passierte 9/11, und wir hatten das Gefühl, dass sich die Welt unter diesem Typ langsam auf einen Abgrund zubewegt.“

Kooperation

Vom Straßenpunk zur Landstreicherin

Obwohl sich Segarra mit ihren bunten Dreadlocks, den Leopardenmuster-Leggings und der mit Patches zugenähten Lederjacke den Politpunks perfekt anpasst, fühlt sie sich auch dort nie ganz zugehörig. „Mir war bewusst, dass ich nicht weiß bin, andererseits fühlte ich mich als junger Punk in der puerto-ricanischen Community auch ziemlich fehl am Platz.“ Mit 17 legt sie einen Zettel auf den Küchentisch – „Es ist nicht eure Schuld“ – und verschwindet. „Ich war sehr idealistisch. Ich wollte die Welt mit eigenen Augen sehen. Meine Gedanken waren aber auch ganz pragmatisch: Ich wusste genau, dass ich in einem normalen Arbeitsverhältnis niemals funktionieren würde. Ich musste mich also dringend nach alternativen Lebensweisen umsehen.“

Zwei Jahre lang lebt Segarra das Leben eines „Ramblin’ Gal“, wie auch einer ihrer Songs heißt. Zusammen mit anderen jungen Ausreißern erkundet sie das Land, sie trampen, springen auf Züge auf und schlafen unter freiem Himmel: „Steinbeck-style“, sagt sie und lacht. „Ich war ziemlich verwildert, als ich mit 19 in New Orleans ein neues Zuhause fand. Ich musste so vieles erst lernen: Wie mietet man ein Apartment? Wie bereitet man Essen zu, das nicht aus der Dose kommt?“ In der mythenumrankten Hafenstadt verdient sie ihr erstes eigenes Geld als Straßenmusikerin. Und entdeckt – dem Soundtrack des Coen-Brothers-Films „O Brother, Where Art Thou?“ sei Dank – ihre Liebe zu Bluegrass und Country. Als sie im Jahr 2011 das Projekt Hurray For The Riff Raff startet, verfolgt Segarra den Plan, den erdigen, traditionsreichen Sound von Woody Guthrie mit dem politischen Sendungsbewusstsein von Riot-Grrrl-Punkbands wie Bikini Kill zu verbinden. „Ich -habe immer versucht, all die traditionellen, männlich besetzten Rollen – den Wanderer, den Tramp – mit Weiblichkeit aufzuladen.

Als Frau hast du immer angespannte Nerven, wenn du allein auf der Straße unterwegs bist

Eine Frau kann der Cowboy ihrer eigenen Geschichte sein“, sagt sie, schiebt aber gleich hinterher, dass die Reiseromantik für weibliche Landstreicher schneller an ihre Grenzen stößt. „Als Frau hast du immer angespannte Nerven, wenn du allein auf der Straße unterwegs bist. Du musst immer die Fäuste oben haben und darauf gefasst sein, dich im nächsten Moment aus einer unangenehmen Situation befreien zu müssen.“ Auf ihrem letzten Album, „Small Town Heroes“, deutete die Musikerin, die sich selbst als „queer“ bezeichnet, die klassische Mörderballade in eine feministische Forderung um. „Tell me what’s a man with a rifle in his hand gonna do for a world that’s so sick and sad?“, singt sie in „The Body Electric“ mit grimmiger Entschlossenheit. Sie widmete das Lied der 23-jährigen Inderin Jyoti Singh Pandey, die 2012 an den Folgen einer Massenvergewaltigung gestorben war. Wenig später rief sie den Body Electric Fund ins Leben, dessen Gelder Gewaltopfern und politisch Verfolgten zugute kamen.

Zurück zu den Wurzeln

Segarra begreift auch „The Navigator“ als politischen Aktivismus. Wie ihre Heldin Navita hat sie auf ihrem fünften Album zu sich selbst gefunden und endlich ihren Frieden mit der hispanischen Community gemacht, die sie unter Trump mehr denn je gefährdet sieht. „Als Teenager hatte ich das Gefühl, dass die Musik und die Kultur, die ich liebte, nicht von Puerto-Ricanern oder überhaupt von Latinos gemacht wurde. Heute weiß ich, dass es seit den 60er- und 70er-Jahren sehr wohl Poeten, Musiker und Aktivisten mit einem Background wie meinem gab, Leute wie die Nuyorican Poets oder die vielen Musiker (Ray Barretto, Joe Bataan, Willie Colón – Red.), die auf Fania Records veröffentlicht haben.“

https://www.youtube.com/watch?v=AOL2OkV-TkU

Man hört dem von Paul Butler (Devendra Banhart, Michael Kiwanuka) produzierten Album Segarras neues Selbstverständnis als hispanische Künstlerin an. Zum ersten Mal mischt sie ihre rockige Americana mit Latin-Rhythmen, Tropicalia- und Salsa-Elementen. Auch hört man sie zum ersten Mal auf Spanisch singen. Das letzte Stück auf „The Navigator“ trägt den Titel „Pa’lante“, ein vom puerto-ricanischen Dichter Pedro Pietri geprägter kämpferischer Ausruf, der sich am besten mit „niemals aufgeben, nach vorn treten“ übersetzen lässt. „To all who had to -hide I say Pa’lante!/ To all who lost their -pride I say Pa’lante!/ To all who came before we say Pa’lante!“, erhebt Segarra die bebende Stimme. Es ist das große, bombastische Finale, in dem die zum Navigator gewordene Navita ihren Brüdern und Schwestern die Würde zurückgibt.

Ich habe Angst, dass sich die Thematik nur schlecht in andere Kulturräume übersetzen lässt

Gerade dieses Stück hatte sie vor dem Tourauftakt in London besonders nervös gemacht. „Ich habe Angst, dass sich der Titel und die Thematik nur schlecht in andere Kulturräume übersetzen lassen. Ich wusste ja erst selbst nicht genau, was ‚Pa’lante‘ bedeutet, ich spreche ja kaum Spanisch. Immerhin hatte ich aber von Anfang an ein tiefes Gefühl für seine Bedeutung.“

Als die letzten Takte des Songs beim Konzert verklungen sind, herrscht einen kurzen Moment Stille. „Wir mochten uns in einem dunklen Winkel der Hackney Road befinden“, schrieb der britische „Guardian“ am nächsten Morgen ungewohnt euphorisch in einer Konzertkritik. „Aber es war, als würden wir Zeugen, wie eine neue Anführerin des musikalischen Widerstands ihren Platz auf einer weit größeren Bühne einnahm.“ Die Zeit scheint reif für eine neue Superheldin. Und Segarra ist es auch.

Sarrah Danziger Sarrah Danziger

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