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Kelela: Vor der Bühne nehmen uns die Weißen den Platz weg

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Kelela: Vor der Bühne nehmen uns die Weißen den Platz weg

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Das nennt man Präsenz: Ganz aufrecht sitzt Kelela auf der Vorderkante eines weichen Sofas, ihr Rückgrat ist durchgedrückt, ihre Hände ruhen auf ihren Knien, den Kopf hat sie leicht nach vorn gebeugt. Trotz gerade mal vier Stunden Schlaf ist die 34-Jährige hoch konzentriert und bereit, uns eine Lektion in Demut zu erteilen. „Ich glaube nicht, dass Weiße meine Kunst wirklich begreifen“, sagt sie und räuspert sich. „Versteh mich nicht falsch, ich möchte, dass alle Menschen meine Musik genießen, ich will aber auch, dass sie wissen, dass ich diese Lieder nicht für sie gemacht habe, sondern in erster Linie für schwarze Frauen wie mich.“

Seit knapp fünf Jahren definieren junge, oftmals schwarze Musikerinnen wie Solange, Bosco, Princess Nokia, ABRA oder FKA twigs den R&B neu, indem sie den im Mainstream glatt geschliffenen Popsound mit avantgardistischen Klängen und politischem Sendungsbewusstsein unterspülen. „Ohne uns zu kennen, haben wir alle ähnliche Erfahrungen gemacht und ähnliche Einflüsse zu etwas Neuem zusammengesetzt. Es lag irgendwie in der Luft“, sagt Kelela, die seit ihrem Mixtape „Cut 4 Me“ aus dem Jahr 2013 und spätestens seit ihrer 2015 veröffentlichten EP „Hallucinogen“ zur großen Hoffnungsträgerin dieser neuen Welle zählt. Wie ihre Kolleginnen hat Kelela sich und ihre Musik als durchästhetisiertes Gesamtkunstwerk angelegt. Und wie sie steht die Tochter äthiopischer Eltern in ihrer stolzen Haltung als „Person of Color“ für ein neues Selbstbewusstsein unter Nichtweißen, die weltweit den Schulterschluss suchen, um „white supremacy“ und „white privileges“ den Kampf anzusagen.

Kampf gegen „white privileges“

Kelela verbrachte den Großteil ihrer Kindheit und Jugend in Gaithersburg/Maryland, laut einer 2016 veröffentlichten Studie die multikulturellste Stadt der Vereinigten Staaten. Obwohl ihre Nachbarschaft hauptsächlich aus Menschen mit Migrationshintergrund bestand, sei sie seit frühester Jugend einem starken weißen Einfluss ausgesetzt gewesen. „Ich bin das Produkt eines Antisegregationsprogramms namens ‚Busing‘ “, erklärt Kelela und wirft energisch ihre Dreadlocks über die glatt rasierte linke Kopfhälfte. „Statt die Schule zu besuchen, die unserem Zuhause am nächsten lag, wurden meine Freunde und ich jeden Tag per Bus in eine weiße Gegend gefahren.“ Die seit den 70er-Jahren von der US-Regierung durchgeführte und in den 90er-Jahren wieder abgeschaffte Maßnahme zur ethnischen Mischung von Schulkindern sei in Wahrheit nur maskierter Rassismus gewesen, glaubt die ehemalige Soziologiestudentin, die mit vollem Namen Kelela Mizanekristos heißt. 

„Zu Hause war ich von anderen People of Color umgeben, während der Unterricht in der Schule auf weiße Kinder zugeschnitten war. Geschichte, Sozialkunde – nichts half mir, einen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Viele schwarze Jugendliche atmen erst einmal durch, wenn sie diese Zeit weißer Ignoranz hinter sich haben. Und dann suchen sie sich ihre eigenen Informationen zusammen, um zu verstehen, wie es wirklich zu dieser Ungleichheit kommen konnte.“

Minderheit innerhalb einer Minderheit

In ihrer Musik will Kelela vor allem die „komplexe und verschachtelte“ Lebenswirklichkeit schwarzer Frauen abbilden, einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Indem sie radiotauglichen R&B mit zerklüfteter Elektronik grundiert und sinnlich darüber hinwegfließende Gesangsmelodien mit verschleppten Beats zum Kentern bringt, entstehen schizophrene Momente voll wärmendem Trost und kalter Entfremdung. Ihr passend „Take Me Apart“ betiteltes Debütalbum, das beim Londoner Intelligent-Dance-Music-Label Warp erscheint, lässt sich in HipHop-, Grime-, House- und Trap-Elemente zerlegen, enthält aber auch Anleihen bei Gospel, Soul und Jazz. Ihr oberstes Ziel sei es, klassische Songs zu schreiben, die auch allein auf einem Piano funktionieren, „sodass jemand wie Carole King sagen würde: ‚Gutes Lied!‘ “, erklärt Kelela und kichert. „Das ganze verrückte Zeug auf der Soundebene kommt erst hinterher. Aus Sicht globaler Popmusik mischen wir mit ‚Take Me Apart‘ die Karten neu. Mal sehen, was passiert.“  

Das selbstbewusste „Wir“, das Kelela als Executive Producer für ihr Debüt im Studio vereinte, umfasst eine Handvoll befreundeter Produzenten des in Los Angeles beheimateten Urban-Underground-Labels Fade To Mind, mit dem sie bereits ihr erstes Mixtape als Gemeinschaftsarbeit auf den Weg brachte. Aber auch herausragende Einzelgänger wie der venezolanische Ambient-Surrealist Arca und der kanadische Neojazz-Hansdampf Mocky haben an „Take Me Apart“ mitgearbeitet. Obwohl ihre Musik eine „schwarze Perspektive“ transportiert, ist Kelelas Musikgeschmack vielfältig. Seit Teenagerzeiten verehrt sie Björk und Tracy Chapman. Zuletzt hatte sie Gastauftritte auf den Alben von Danny Brown und den Gorillaz. Für die Ästhetik ihres Debüts und ihr heutiges Selbstverständnis als Künstlerin waren wiederum R&B-Sängerinnen der 90er-Jahre bestimmend. „Schwarze Frauen wie Mary J. Blige, Lil’ Kim, Faith Evans und Janet Jackson, die das Jahrzehnt mit ihrem Stil und ihrer Attitüde geprägt haben.“

Das Video zu „LMK“, der pulsierenden ersten Single aus „Take Me Apart“, ist eine Hommage an diese Zeit, deren Retrofizierung bislang noch kaum fortgeschritten ist. Gedreht hat es Andrew Thomas Huang, Langzeitregisseur von Björk. Kelela tanzt darin mit platinblonder Lil’-Kim-Perücke durch neonbeleuchtete Clubkorridore, umringt von ihrer Gang, die mit synchronem Hüftschwung den unbesiegbaren Schwesterngestus von TLC und Beyoncés einstiger Girlgroup, Destiny’s Child, ausstrahlt. Mit Beyoncés jüngerer Schwester, Solange, ist Kelela eng befreundet, auf deren letztem Album, „A Seat At The Table“, singen sie zusammen den Refrain des getragenen Selbstermächtigungsstücks „Scales“.

„Solange hat es mit ‚A Seat At The Table‘ auf wundervolle Weise geschafft, eine Gemeinschaft zu begründen. Sie hat wirklich Menschen an einen gedeckten Tisch geladen, indem sie sagte: Das ist die Message – willst du sie mit uns verkünden? Es gibt weltweit keinen schwarzen Künstler mit einem Mikrofon in der Hand, der diese Chance nicht wahrgenommen hätte. Weil wir Erfahrungen, wie Solange sie in ‚Don’t Touch My Hair‘ besingt, alle kennen.“

Gegen kulturelle Aneignung

Dass das von Solange allein geschriebene und arrangierte „A Seat At The Table“ von Kritikern weltweit als Black-Music-Meilenstein gefeiert wurde, empfindet Kelela jedoch als zweischneidiges Lob. „Magazine klingen progressiv, wenn sie ‚A Seat At The Table‘ abfeiern. Aber allein dass sie es rezensieren, steht ironischerweise genau mit der kulturellen Aneignung im Einklang, über die sich Solange auf dem Album auslässt. Viele Weiße lieben diese Songs, aber sie haben die zweite Ebene nicht verstanden, andernfalls würden die Texte in ihnen eine gewisse Demut und Zurückhaltung befördern“, sagt Kelela. Ihr bislang eher sanfter, beruhigender Tonfall hat bei dem Thema an Schärfe und Tempo gewonnen. „Man konnte das während Solanges Festivalauftritten sehr gut auf Twitter verfolgen. Da schrieben schwarze Frauen unter anderem: ‚Vor der Bühne nehmen uns die Weißen den Platz weg. Wissen sie nicht, dass es hier um uns und unsere Sache geht?‘ Viele Weiße sagen Dinge wie: Ich habe Malcolm X gelesen, ich habe ‚A Seat At The Table‘ gehört, ich habe es kapiert! Und dann haken sie es ab.“

Vor der Bühne nehmen uns die Weißen den Platz weg

Niemand sonst werde so oft imitiert und vereinnahmt wie schwarze Frauen, glaubt Kelela. Gleichzeitig werde niemand so maßlos unterschätzt wie sie. „Nimm die Überraschung, die Solange auslöste. Mit dieser Überraschung werden schwarze Frauen dauernd konfrontiert. Am liebsten würde ich ihnen entgegenschreien: Warum gehst du davon aus, dass ich kein Genie sein kann?!“ Dann lässt Kelela sich rücklings in die Sofakissen sinken. Zum ersten Mal während des Gesprächs lässt ihre Körperspannung nach, als wäre ihr die Luft ausgegangen. Vielleicht weil sie sich über all das schon zu oft echauffiert hat.

Was würde sie sich denn von ihren weißen Hörern wünschen? Kelela nimmt den Faden wieder auf, nachdrücklich und geduldig, als müsste sie einem Kind etwas allzu Offensichtliches erklären: „Man muss sich ständig solcher Dinge wie Rassismus und Sexismus bewusst sein – nicht nur behaupten, etwas verstanden zu haben, und es dann ad acta legen. Die Demut, dass man etwas eben nicht versteht, führt zu viel besseren Ergebnissen als dieses Gefühl von ‚Yes, I got it‘. Man kann als Weißer meine Songs aufmerksam hören und sie lieben. Es zählt jedoch, was danach kommt. Welche Entscheidungen triffst du jetzt, hat sich in dir eine Sensibilität geregt? Das sind die großen Fragen. Und das ist auch der Ausgangspunkt meiner Musik.”

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