Die Überlebenden des Iceman: Die Kinder eines Serienmörders sprechen

In Zeiten des True-Crime-Booms werden sie von „Fans“ ihres berüchtigten Vaters verfolgt. Doch sie sagen: Er war kein Idol.

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Dwayne Kuklinski war im Januar auf einer großen Baustelle, als er bemerkte, dass ihn einer aus seinem Trupp musterte. „Du siehst genauso aus wie der Iceman“, sagte der Mann und nahm Dwaynes stechende braune Augen, den gepflegten Ziegenbart und die imposante Statur in sich auf.

Der Typ meinte damit eine der schillerndsten Gestalten der New-Jersey-Geschichte: einen gnadenlosen Killer, der behauptete, Verbindungen zur Mafia zu haben. 1988 wurde er wegen des Mordes an fünf Männern verurteilt – einmal hatte er eine Leiche eingefroren, um den Todeszeitpunkt zu verschleiern, daher der Spitzname. Als notorischer Aufschneider behauptete der Iceman, weit mehr Menschen getötet zu haben – eine Vorstellung, über die Ermittler nur den Kopf schütteln. Dass er ein Mörder war, bezweifelt trotzdem niemand. Ein leibhaftiger Albtraum.

Kuklinski unterbrach seine Arbeit. „Ja, das ist mein Vater“, antwortete er. Der Mann lachte – und verstummte abrupt, als er merkte, dass Dwayne nicht einstimmte.

Angst vor dem Namen

„[Der Mann] kam zurück und entschuldigte sich“, erzählt Dwayne mir heute. „Er hatte Angst.“

Dwaynes Kollege hatte keinen Grund zur Furcht. Der 57-Jährige mag seinem Vater Richard Kuklinski ähnlich sehen – aber er ist nicht dieser Mann. Wenn er lächelt, sieht er nicht so aus, als würde er einen gleich auffressen. Und er hat noch nie jemanden umgebracht. Dwayne sitzt mir in einem Diner in New Jersey gegenüber und spricht zum ersten Mal mit einem Journalisten über seinen Vater, 40 Jahre nach dessen Verhaftung. Trotzdem begreift er nicht, warum irgendjemand einen Mörder verherrlichen würde.

Er kennt diese Leute – „Fans“, die ihm auf Facebook Nachrichten schicken und ihre Bewunderung für seinen Vater kundtun. „Ich kann dir immer noch Freundschaftsanfragen zeigen, vier- oder fünfhundert Stück, von Menschen, die meinen Vater vergöttern“, sagt Dwayne. „Ich verstehe das wirklich nicht. Aber schau dir die Gesellschaft an. Die Leute vergöttern die Kardashians. War mein Vater ein Vorbild? Absolut nicht. Sollte er irgendjemandes Vorbild sein? Warum zum Teufel würde man sich das zum Vorbild nehmen wollen?“

Trotzdem ist die Legende des Iceman so weit aufgeblasen worden, dass er und der Jersey Devil ähnlich morbide Neugier wecken. Es gibt Bücher, Filme und unzählige Websites und Internetforen über Kuklinski, die ihn als großmäuligen, bösen Mistkerl mit einem unkontrollierbaren Mordtrieb zeichnen. Für jene aber, deren Leben er beendete, und für die Dutzenden, deren Leben er zum Schlechteren veränderte, ist er ein allzu realer Schrecken. Serienmörder mögen heute TV-Serien und Fangemeinden haben – sie sind keine fiktiven Schurken. Sie sind Tornados aus Schmerz, die eine immer größer werdende Schneise aus Zerstörung und Leid hinter sich herziehen. Kuklinskis Familie kann davon ein Lied singen.

„Beeinflusst uns das? Ja“, sagt Merrick Grayson, Dwaynes Schwester. „Haben wir es verarbeitet? Wahrscheinlich nicht.“

True Crime und seine Schattenseiten

ALS JEMAND, DER ÜBER TRUE CRIME SCHREIBT, bin ich mir der Faszination, die Serienmörder auf Menschen ausüben, nur zu bewusst. Als Anfang des Jahres eine immersive Serienmörder-Ausstellung angekündigt wurde – mit dem Versprechen einer „VR-Ermittlung, die Sie direkt an den Tatort versetzt“ – schickten mir gutmeinende Freunde den Link zum Ticketkauf. In den Kopf eines Serienmörders zu schlüpfen interessierte mich allerdings wenig – mich haben immer die Menschen beschäftigt, die sie gefasst haben, und jene, die überlebt haben.

Der Iceman ist in dieser Ausstellung nicht vertreten, aber rund um ihn rankt sich genug Mythos, dass er bestens hineinpassen würde. Ich stieß zum ersten Mal in „Weird New Jersey“ auf ihn, einem Magazin, das lokale Legenden und Kuriositäten sammelt. „Wir haben vor Jahren eine Sonderausgabe gemacht, die wir ‚Weird New Jersey’s Local Heroes and Villains‘ nannten, und darin war der Iceman“, erzählt mir „Weird New Jersey“-Verleger Mark Sceurman. „Irgendjemand im Gefängnis von Trenton muss ein Exemplar in die Hände bekommen haben. Er hat es Kuklinski gezeigt, und der war begeistert. Er hat tatsächlich eine Kopie gemacht, signiert und uns zurückgeschickt.“ Das sagt alles über den Mann, der Kuklinski war, bevor er 2006 starb – stets bemüht, seine eigene Legende aufzuplustern, in seinen Taten zu schwelgen. Dass er mit Journalisten notorisch freizügig mit seiner Geschichte war, hat dafür gesorgt, dass diese Legende bis heute fortlebt.

Die Fakten rund um Kuklinski sollte man daher nicht für bare Münze nehmen. Im New Jersey State Prison in Trenton landete er dank einer langwierigen Operation der New Jersey State Police, des Generalstaatsanwalts von New Jersey und des Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms. Laut dem 2012 erschienenen Buch „The Iceman: The True Story of a Cold-Blooded Killer“ des verstorbenen Kriminalautors Anthony Bruno – das auf umfangreichen Interviews mit Kuklinski basiert und von Ermittlungsbehörden als weitgehend glaubwürdig eingestuft wird – hatte Kuklinski bereits seit seiner Jugend eine Blutspur durch New York und New Jersey gezogen. Als misshandeltes Kind, das in den Sozialwohnungen von Jersey City aufwuchs, behauptet der spätere Serienmörder, sein erstes Opfer 1950 getötet zu haben – einen Schulhofschläger, der ihn schikanierte, damals 14 Jahre alt. Des ewigen Spottens müde – Hobo Richie, Richie the Rag Boy – lauerte Kuklinski ihm eines Nachts auf und erschlug ihn mit einer Kleiderstange.

Doppelleben in den Vororten

Von da an, schreibt Bruno, wurde sein kriminelles Treiben immer maßloser: In den 1960ern arbeitete er in einem Filmkopierwerk in Manhattan, wo er heimlich pornografische Filme kopierte und verkaufte, und behauptete, Kontakt zur Gambino-Familie geknüpft zu haben. Während er seine eigene Verbrecherbande aufbaute, führte Kuklinski gleichzeitig ein Leben als Vorstadtvater – er heiratete 1961 die kluge, bildschöne Blondine Barbara Pedrici und zog drei Kinder groß: Dwayne, Merrick und ihre Schwester Christin. Die Familie lebte in einem gepflegten, hellbraunen Bungalow im grünen Dumont, New Jersey, im wohlhabenden Bergen County. Hinter diesen Wänden aber terrorisierte Kuklinski seine Familie.

„Ich war der Jüngste, also erinnere ich mich an vieles nicht mehr“, sagt Dwayne. „Er hatte diese gewalttätigen Wutausbrüche und schmiss Dinge durch die Gegend. Sie haben versucht, mich so oft wie möglich aus dem Haus zu bringen. Man wollte nicht mit ihm im Auto sitzen. Wir haben nicht wirklich viel zusammen gemacht. Wir waren nie, sagen wir, bei einem Baseballspiel“, erzählt er. Tatsächlich hatte Dwayne in seinem Schlafzimmer überall Waffen versteckt – einen Baseballschläger neben der Tür, eine Axt neben dem Bett – für den Fall, dass sein Vater nachts zu ihm käme.

Merrick Grayson, 61, war Dwaynes älteste Schwester und versuchte, ihren Bruder vor den Ausrastern des Vaters zu schützen. Eine stolze Mutter und Großmutter mit hellem Blondhaar wie ihre Mutter, versuchte Grayson, den Zorn ihres Vaters im Zaum zu halten, der sich häufig gegen Barbara richtete. „Ich habe meine Mutter von der Schule aus dreimal täglich von einer Telefonzelle aus angerufen, um zu hören, ob alles noch in Ordnung ist“, sagt sie. „Da stimmt etwas grundlegend nicht, wenn man so viel Wut in sich trägt. Es ist einfach so viel Wut, eine unglaubliche, unkontrollierbare, schreckliche Wut.“ (Weder Barbara noch Christin haben auf meine E-Mails und Briefe geantwortet.)

Der Tag der Verhaftung

Als Kuklinski 1986 wegen mehrerer Morde verhaftet wurde, schwankte die Familie zwischen Erleichterung und Ungläubigkeit – vor allem Dwayne. Mit 16 hatte er kurz vor dem Ende zugesehen, wie sein Vater seine Mutter ohrfeigte. Und zum ersten Mal griff er ein. „Ich trat einen Schritt vor, und er packte meine Arme“, erzählt er. „Er sah mich an und sagte: ‚Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde.‘ Er ging dann weg, und kurz darauf wurde er verhaftet.“ Dwayne macht eine Pause und fragt dann, ob ich mit ATF Special Agent Dominick Polifrone gesprochen habe, dem Mann, der den Iceman zur Strecke brachte. „Wenn du ihn triffst, richte ihm bitte Danke aus.“

DOMINICK POLIFRONE IST GERADE 80 GEWORDEN, aber mit Lederjacke und zurückgekämmtem Silberhaar sieht er noch genauso flink aus wie einst als junger Polizist. Wir treffen uns an der Vince Lombardi Service Station an der New Jersey Turnpike, um bei schwarzem Kaffee über den größten Coup seiner Karriere zu reden. „Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt er und mustert die Station, an der er vor vier Jahrzehnten Worte mit Richard Kuklinski gewechselt hat. Die Station wurde seitdem renoviert – damals drängten sich Dealer an den verdreckten Münztelefonen, murmelten Befehle, während Undercover-Agenten aus Autos und Kabinen beobachteten, wie die beiden Männer miteinander sprachen.

Die Ermittler wurden um 1985 auf Kuklinski aufmerksam, als ein Informant ihn und seine Leute wegen einer Serie von Einbrüchen in Nord-Jersey ins Spiel brachte. Die Behörden brachten ihn bald mit fünf ungeklärten Morden in Verbindung, denn Kuklinski war der Letzte, der die Männer lebend gesehen hatte. Bald formierte sich eine gemeinsame Task Force aus ATF und Generalstaatsanwaltschaft: Operation Iceman, mit dem Ziel, ihn zu Fall zu bringen.

Polifrone, damals ATF-Agent, wurde als Undercover-Mann eingesetzt – als „Dominic Provenzano“, ein mit der Mafia verbundener Waffen- und Drogendealer, der im Store verkehrte, einem unscheinbaren Gebäude in Paterson, New Jersey, wo das kriminelle Milieu seine Geschäfte aushandelte.

Undercover beim Iceman

Polifrone verbrachte 18 Monate damit, im Store herumzuhängen und Kontakt zu Kuklinski herzustellen. Er konnte ja nicht einfach auf den Mann zugehen und ihn zum Kaffee einladen. Erst musste er seinen Ruf festigen. Den Durchbruch erzielte Polifrone schließlich, als Kuklinski Kuklinskis bevorzugtes Mordmittel beschaffen wollte – Zyankali –, und ein bekannter Krimineller im Store ihm sagte, „Provenzano“ könne das liefern. Sie trafen sich in einem nahe gelegenen Dunkin Donuts, wo Polifrone versuchte, cool zu bleiben.

Kuklinski saß ihm gegenüber – eins neunzig groß, über hundert Kilo schwer, die Augen hinter orangefarbenen Gläsern ausdruckslos –, und Polifrone versuchte, seine Nerven und seine Aufregung gleichermaßen im Griff zu behalten. Endlich saß er dem Mann gegenüber, dem er das Handwerk legen sollte. Er durfte sich keinen Fehler erlauben. Als Kuklinski also vorsichtig anfragte, ob er etwa Kokain besorgen könne, gab Polifrone den Großen. Ein Kilo Koks kostete damals rund 30.000 Dollar, sagt er – also bot er das an. „Und er sagt: ‚Ich krieg’s für etwa 28’“, erzählt Polifrone.

„Ich sagte: ‚Wenn du’s für 28 kriegst, geh zu deinem Mann.‘ Und er sagt: ‚Naja, ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann.’“ Polifrone fährt fort: „Ich schau ihn an und sage: ‚Du bist wohl bescheuert.‘ Ich sag: ‚Ich würde mit niemandem Geschäfte machen, dem ich nicht vertraue.‘ Er dreht sich um und schaut mich so an.“ Er fixiert mich mit einem leeren Blick. „Das waren die längsten fünf Sekunden, die man sich vorstellen kann – als würde er versuchen, meine Seele zu ertasten, und hätte Lust, mich umzubringen. Dann lehnt er sich zurück und sagt: ‚Du hast recht.’“

Von da an führte Polifrone Kuklinski auf einer verschlungenen Jagd, traf ihn an der Raststätte, um Deals auszuhandeln, immer mit laufendem Aufnahmegerät. Schließlich gelang es Polifrone, Kuklinski dazu zu bringen, fünf Morde auf Band zu gestehen. Am 17. Dezember 1986 wurde Kuklinski in seinem Auto verhaftet – direkt vor dem Familienhaus, Barbara auf dem Beifahrersitz.

Die Verurteilung

„Ich habe hier an der Vince Lombardi Service Station direkte Beweise von Kuklinski erhalten“, sagt Polifrone. „Er hat mir erzählt, wie er Menschen umgebracht hat, wie er das Zyankali einsetzte, wie er manche Leichen eingefroren hat, wie er einen weiteren Mann im York Motel getötet hat – und alles war auf dem Band – und wie er sie erwürgte. Er war ein übler Hund, und alles, was man für die Morde, die er begangen hatte, brauchte, habe ich aus seinem eigenen Mund.“

Im März 1988 wurde Kuklinski schuldig gesprochen: des Mordes an dem 42-jährigen George Malliband im Jahr 1980, der sich mit ihm getroffen hatte, um Videokassetten zu kaufen; des Mordes an dem 51-jährigen Apotheker Paul Hoffman im Jahr 1982, nachdem Hoffman versucht hatte, Kuklinski in den illegalen Verkauf von Medikamenten einzuspannen; und des Mordes an seinem 37-jährigen Komplizen Gary Smith im Jahr 1982 mit einem zyankaliverseuchten Hamburger, nachdem Smith versucht hatte, aus dem Milieu auszusteigen.

Außerdem wurde Kuklinski für schuldig befunden, den 50-jährigen Louis Masgay 1983 getötet zu haben – ebenfalls wegen eines Videokassetten-Deals – und die Leiche eingefroren zu haben, um die Ermittler über den Todeszeitpunkt zu täuschen. Trotz seines Spitznamens ist dies der einzige solche Mord, für den er verurteilt wurde – was das Verbrechen nicht weniger abscheulich macht. Und dann war da noch der Mord an einem weiteren Mitglied seiner Bande, Daniel Deppner, im Jahr 1983, dessen Leiche ein Radfahrer entlang der Clinton Road fand, einer dicht bewaldeten Strecke, die als die unheimlichste Straße Amerikas gilt.

In Brunos Buch und dem gleichnamigen Film von 2012 – mit Michael Shannon als Kuklinski und Winona Ryder als Barbara – wird die Geschichte dieser Verbrechen mit einem Hauch filmischer Bedrohlichkeit erzählt. Dass die Presse die Geschichte in den 1980ern mit einer gewissen farcenhaften Leichtigkeit behandelt hatte, die dem Ernst der Taten nicht gerecht wurde, hat sicher nicht geholfen. „BURGER MURDER“, titelte die Titelseite des „Daily News“ in Versalien – eine Anspielung auf seine Behauptung, er habe Zyankali in das Sandwich geschmiert, das Gary Smith tötete.

Legende und Lüge

Bis zu seinem Tod im Gefängnis im Jahr 2006 spielte Kuklinski der Presse bereitwillig in die Hände und drehte drei separate HBO-Dokumentationen – 1992, 2001 und 2003 –, in denen er damit prahlte, Tiere gequält, Männer in Höhlen Ratten zum Fraß überlassen, Morde aus Straßenwut begangen und hochrangige Mafiamitglieder umgebracht zu haben. Er behauptete, Hunderte von Menschen getötet zu haben. (Polifrone und andere Ermittler sagen, sie glauben, dass er log, und schätzen die tatsächliche Opferzahl auf zehn bis fünfzehn.) All die Zeit richtete er einen eisigen Blick in die Kamera und sprach wie ein Mafioso aus einem Spielfilm, als hätte er es einstudiert. „Nichts verfolgt mich“, sagt er im Special von 1992. „Keine Morde verfolgen mich. Nichts. Ich denke nicht daran.“

Das Interview von 2003 führte der Forensikpsychiater Park Dietz, den HBO damit beauftragt hatte, Kuklinskis Psyche zu durchleuchten. „Man konnte ihm bei nichts, was er sagte, beim Wort nehmen“, sagt Dietz. Kuklinski erzählte Dietz von einem Vorfall in Georgia, bei dem er aus Straßenwut ein ganzes Auto voller Männer getötet habe; Dietz zufolge teilten ihm die Staatspolizisten mit, dass es keinerlei Aufzeichnung über einen solchen Mord gebe.

„Ich glaube, er erzählt Lügenmärchen nicht nur aus Selbstüberhöhung, sondern auch zur Einschüchterung“, fügt Dietz hinzu. „Im Gefängnisumfeld ist es äußerst wertvoll, als der Gefährlichste im Raum zu gelten, und ich glaube, er hat diese Rolle mit Begeisterung angenommen. Sein Körperbau verschaffte ihm dabei einen klaren Vorteil. Aufmerksamkeit zu suchen war eines der wenigen Dinge, die er sich nach seiner Inhaftierung noch leisten konnte – und er tat es mit Inbrunst.“

Die Opfer hinter den Schlagzeilen

DIESE LÜGENMÄRCHEN NÄHREN DIE LEGENDE des Iceman nur weiter – halten seine Verbrechen am Leben und quälen die Angehörigen jener Menschen, denen er ohnehin schon so viel Leid zugefügt hat. Während der Recherche zu diesem Artikel habe ich mich an Opferfamilien gewandt, um die Auswirkungen von Kuklinskis Taten auf ihr Leben zu zeigen – um der Welt zu zeigen, wer diese Menschen jenseits ihres Todes waren. Wie so oft gibt es über diese Männer kaum etwas, das nicht mit ihrem Tod verknüpft ist. Ich saß noch in dem Diner, in dem ich mit Dwayne gesprochen hatte, als ich eine E-Mail von einem dieser Familienmitglieder bekam. Ich werde diese E-Mail nicht zitieren und diese Person zum Schutz ihrer Privatsphäre nicht nennen. In ihren Augen aber tat ich dasselbe, was all die Bücher und Filme tun: Ich victimisierte Familien erneut, indem ich mich an sie wandte. Ich profitiere von ihrem Schmerz.

In meinen mehr als zehn Jahren als True-Crime-Journalistin habe ich sehr wenige Nachrichten dieser Art erhalten, und sie hat mich aus der Bahn geworfen. Ich erwog, die Geschichte fallen zu lassen. Das Letzte, was ich will, ist, den Menschen zu schaden, denen ich eine Stimme geben möchte. Aber in gewissem Sinne gibt es bei Kuklinski kein Zurück mehr. Seine aufgebauschte Legende ist bereits in der Welt – und außerdem hatten seine Kinder mir bereits ihr Vertrauen geschenkt. Also blieb ich an der Geschichte dran, nahm mir aber vor, Beschreibungen von Kuklinskis Verbrechen auf ein Minimum zu beschränken. Denn dies ist keine Geschichte über einen Teufel, sondern über die Menschen, die ihn überlebt haben.

Dominick Polifrone ist zweifellos stolz darauf, Kuklinski dingfest gemacht zu haben. Aber er bereut auch die Zeit, die er mit seinen Kindern versäumt hat, während er den Mafioso spielte. „Ich habe vieles verpasst, als die Kinder aufwuchsen“, sagt er. „Das kriegt man nicht zurück. Es war ein Vollzeitfall.“ Außerdem bekommt er seinen Teil des Hasses von Kuklinskis „Fans“ ab. „Er hat eine Fangemeinde. [Und die sagen,] ich hätte getötet werden sollen“, sagt der ehemalige Ermittler. „Ich hätte getötet werden sollen, weil er ein guter Mensch war. Ich bin derjenige, der kaputt ist. Ich tauge nichts.“

Dwayne bezeichnet sich selbst als ehemaligen Schulversager und nennt seine Zwanziger seine „verlorenen Jahre“ – aber er macht seinem Vater keine Vorwürfe für die Entscheidungen, die er in dieser Zeit traf. „Wie viel Verantwortung übernimmst du für dein eigenes Handeln?“, sagt er. Nachdem er mit 27 verhaftet wurde, fing Dwayne an, auf dem Bau zu arbeiten, und als sein Sohn vor zwölf Jahren geboren wurde, brachte er sein Leben in Ordnung. „Als ich meinen Sohn zum ersten Mal im Arm hielt, hat sich meine Welt verändert“, sagt er. „Es war das erste Mal in meinem ganzen Leben, dass mir etwas wichtiger war als ich selbst. Ich wünschte, ich hätte manches anders gemacht, aber damals lebte ich in den Tag hinein, ohne wirklich an die Zukunft zu denken. Mein größtes Versagen im Leben wäre, wenn mein Sohn Angst vor mir hätte – denn ich hatte Angst vor meinem Vater, und das würde ich niemals wollen.“

Ein Vater, eine Asche, eine Narbe

Seine Schwester Merrick hat komplizierte Gefühle – schließlich war der Iceman für sie „Dad“. Sie erinnert sich, wie sie mit ihm in einem Schuhgeschäft im Paramus Mall war, um neue Lackschuhe zu kaufen, und mit diesen plus einem Paar Stiefel nach Hause ging, auf dem Weg noch Mittagessen gegessen. Ein Vater-Tochter-Moment, der sich fünfzig Jahre später noch in ihr Gedächtnis gebrannt hat. Natürlich erinnert sie sich auch daran, wie sie auf der Rückfahrt den Türgriff umklammerte, in ständiger Angst, ihr Vater würde ausrasten, wenn irgendein Pechvogel es wagte, ihn zu überholen. Sie liebte ihn, ja – aber sagt, sie hätte die billigsten Schuhe der Welt getragen für einen einzigen normalen Tag. „Ich war die Einzige, die ihn liebte“, sagt sie heute und starrt auf die graue Marmorurne mit seiner Asche auf dem Kaminsims. Niemand sonst wollte sie. Ihre Mutter hat darum gebeten, dass ihre eigene Asche nach ihrem Tod in einem anderen Zimmer aufbewahrt wird.

„Es ist ein andauernder Albtraum. Von außen würde man es mir nicht ansehen“, sagt sie. „Ich bin sehr aufgeschlossen. Ich kann das alles in einer Schublade in meinem Kopf verstauen. Ja, es belastet mich, aber ich erwarte nicht, dass irgendjemand das versteht.“

Schon gar nicht die Männer, die ihren Vater vergöttern und Dwayne Nachricht um Nachricht schicken, in denen sie ihn als eine Art Tony-Soprano-Figur feiern – deren Opfer nach dem Dreh einfach aufstehen und vom Set spazieren. Oder die Leute, die durch diese Serienmörder-Ausstellungen schlendern und vor Dioramen einer Hölle, die sie sich nur vorstellen können, vor wohligem Schauder kreischen. Das sind echte Menschen – von dem Familienmitglied, das mir schrieb, bis hin zu Merrick, Dwayne und Polifrone. Und echte Wunden heilen nicht so schnell wie im Fernsehen.

Brenna Ehrlich schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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