„The Murder of Rachel Nickell“: Vier Dinge, die wir aus der neuen Netflix-Doku gelernt haben

Eine neue Dokumentation rekonstruiert den jahrelangen Weg zur Aufklärung des Mordes an der jungen britischen Mutter Rachel Nickell im Jahr 1992.

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Am Morgen des 15. Juli 1992 standen die 24-jährige Britin Rachel Nickell und ihr zweijähriger Sohn Alex Hanscombe auf der Türschwelle ihres Hauses und winkten Rachels Partner und Alexs Vater André Hanscombe zum Abschied nach.

Rachel und Alex wollten den Tag wie gewohnt verbringen: drinnen spielen und dann mit ihrem Hund Molly einen ausgedehnten Spaziergang durch Wimbledon Common machen, einen beliebten Park im Südwesten Londons. Doch als André zu Hause anrief, um nach dem Rechten zu sehen, nahm Nickell nicht ab. Es war ein Polizeibeamter, der ihm die niederschmetternde Nachricht überbrachte – Nickell war tot, und Alex war der einzige Zeuge des Mordes.

Nun nimmt sich Netflix des brutalen Verbrechens an Nickell und der anschließenden Polizeiermittlung an, die landesweit für Aufsehen sorgte – von der aktiven Fahndung bis hin zu einem jahrelangen Cold Case. Am 4. Juni veröffentlichte der Streamingdienst gleich zwei Projekte. „The Witness“, entwickelt von Rob Williams („Suspicion“, „Killing Eve“) und inszeniert von Alex Winckler („Mary & George“), ist eine dramatisierte Version des Mordes und der Ermittlungen. „The Murder of Rachel Nickell“ hingegen lässt André, Alex und die beteiligten Polizeibeamten in Originalinterviews zu Wort kommen und zeichnet nach, wie der Fall von unablässiger Medienaufmerksamkeit und einer Ermittlung nach der anderen geprägt wurde.

Vier Erkenntnisse aus der Doku

Hier sind vier Dinge, die wir aus „The Murder of Rachel Nickell“ mitgenommen haben.

Der riesige Tatort erschwerte die Spurensuche

Nickell und Alex waren auf Wimbledon Common unterwegs, als die junge Mutter von hinten angegriffen wurde. Ein Jogger stieß auf die Leiche – mit Alex, der sich an sie klammerte – und rief die Polizei.

Laut Paul Penrose, dem für den Fall zuständigen Detective Sergeant, lag Nickells Körper auf dem Rücken, in einer unnatürlichen Haltung. Ihre Hände waren in Richtung Gesicht erhoben – als hätte sie sich in ihren letzten Momenten noch zu wehren versucht. Ihre Kleidung war ihr vom Leib gerissen worden, es gab Anzeichen einer sexuellen Nötigung. Sie war 49 Mal erstochen worden.

Der Park war ein öffentliches Gelände, das junge Familien gerne nutzten. Doch er erstreckt sich über mehr als 400 Hektar aus Wiesenflächen und Waldgebieten. Mehr als 40 Beamte wurden zur ersten Durchsuchung des Geländes eingesetzt, doch kaum verwertbare physische Beweise wurden gefunden. Die Polizei richtete eine Hinweishotline ein, die sofort mit Anrufen überflutet wurde – konkrete Verdächtige gab es zunächst keine.

Alex sollte den Täter identifizieren

Da Alex der einzige Zeuge des Mordes war, glaubte die Polizei, der Zweijährige habe wichtige Hinweise gesehen, die zu einem Verdächtigen führen könnten.

Als André das Krankenhaus erreichte, in dem Alex nach dem Mord untergebracht worden war, machte ihm ein Arzt unmissverständlich klar: Er müsse dem kleinen Jungen von Anfang an ehrlich sagen, dass seine Mutter tot sei. André zufolge fragte Alex kein einziges Mal, wo seine Mutter sei – was ihn zu der Überzeugung brachte, dass sein Sohn den Tod auf irgendeine Weise bereits begriffen hatte.

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Der größte Konflikt in den ersten Monaten des Falls war das Spannungsfeld zwischen dem Ermittlungsdruck der Polizei und dem fragilen Zustand eines Kindes, das gerade ein schweres Trauma erlebt hatte. Alex hatte mehrere Sitzungen bei einer Kinderpsychologin, die Fragen aufschrieb, die André dann seinem Sohn stellte. Alex gab einige Antworten: Der „böse Mann“ sei von hinten aufgetaucht, habe sich möglicherweise an einem Bach die Hände gewaschen und einen Gürtel über dem Hemd getragen – mehr war aus ihm nicht herauszuholen.

André war auf Alexs Heilung bedacht und wollte seinen Sohn nicht durch das Wiederaufrufen der Erinnerungen an die Tat erneut traumatisieren. Als die Polizei Vater und Sohn zurück auf Wimbledon Common brachte, um die Schritte jenes Tages nachzuvollziehen, und Alex anfing zu schreien und zu weinen, beendete André die Befragung. Medienvertreter verfolgten die Familie auf Schritt und Tritt und drängten sie nach Statements. Als ein lokaler Fotograf ein erkennbares Bild von Alexs Gesicht veröffentlichte, fürchtete André um ihre Sicherheit und verließ England – er zog mit seinem Sohn in einen abgelegenen Teil Frankreichs.

Falsche Spur: Colin Stagg

Zur Zeit des Mordes an Nickell lastete enormer Druck aus der Öffentlichkeit auf der Polizei, so schnell wie möglich einen Verdächtigen zu benennen. Die Beamten zogen den renommierten Forensikpsychologen Paul Britton hinzu, der sich durch das Erstellen von Täterprofilen einen Namen gemacht hatte. Britton beschrieb Nickells Mörder als jemanden, der in der Nähe des Tatorts wohnte, Schwierigkeiten mit Beziehungen hatte und womöglich kaum enge Freundschaften pflegte. Nachdem die Polizei eine Phantomzeichnung eines Mannes veröffentlichte, der am Tag des Mordes vom Wimbledon Common weggegangen war, meldete sich ein Anrufer bei der Hotline: Der 29-jährige Anwohner Colin Stagg passe auf die Beschreibung.

Bei der Durchsuchung von Staggs Wohnung fanden die Beamten satanische Symbole, ein Schild mit der Aufschrift „Christians beware“ sowie seltsame Zeichen, die auf den Teppich und rund um ein Notfallkit gezeichnet worden waren. Überzeugt davon, dass er der Mörder war, aber ohne belastbare Beweise, begann eine Beamtin unter dem Namen Lizzie James, Briefe an Stagg zu schreiben, um ihn zu einem Geständnis zu bewegen.

Die Beamtin ermutigte Stagg, seine sexuellen Fantasien zu Papier zu bringen, die zunehmend gewalttätige Züge annahmen. Obwohl er den Mord an Nickell nie gestand, sah die Polizei in seinen Fantasien über Blut und Messer ausreichend Grund zur Anklage. Am 17. August 1993 wurde er verhaftet und saß über ein Jahr in Untersuchungshaft. Doch kurz vor Beginn des Prozesses warf ein Richter den Fall heraus – er bezeichnete die Polizeimethoden als Falle.

In der Netflix-Dokumentation sagt Stagg, die Vorwürfe gegen ihn hätten ihm Jahre seines Lebens geraubt. Gegenüber der Presse erklärte Metropolitan-Police-Commissioner Sir Paul Condon, er stehe hinter den Handlungen seiner Beamten – womit er implizierte, Stagg sei zwar schuldig, habe der Gerechtigkeit aber entkommen.

„Bis zu meinem 29. Lebensjahr hatte ich nie eine richtige Freundin gehabt. Als ich dann einen Brief von Lizzie James erhielt, war ich einfach froh, dass eine Frau Interesse an mir zeigte“, erklärt Stagg in der Dokumentation. „Schon vorher hatte ich wenig Selbstvertrauen. Und das hat mich noch weiter zurückgeworfen.“

Verpasste Chancen der Polizei

Nachdem Stagg freigesprochen worden war, blieb Nickells Fall mehr als acht Jahre lang ungelöst. Doch 2002 führte eine Überprüfung der am Tatort gesicherten forensischen Spuren in Kombination mit dem technologischen Fortschritt zum Durchbruch. Die Polizei fand eine DNA-Übereinstimmung mit Robert Napper, einem Mann, der zur Tatzeit in der Nähe von Wimbledon Common gelebt hatte und inzwischen wegen mehrerer Vergewaltigungen und Morde eine Haftstrafe verbüßte.

Im selben Jahr, in dem Nickell ermordet wurde, wurde Napper mit einem weiteren Mord an einer Mutter und ihrem Kind in Verbindung gebracht: der 27-jährigen Samantha Bissett und der vierjährigen Jazmine Bissett. Beide wurden missbraucht und getötet.

In der Dokumentation berichtet André, ein Mitarbeiter des Crown Prosecution Service – der britischen Staatsanwaltschaft – habe ihm einen Bericht gezeigt, dem zufolge polizeiliches Versagen den Mord an Nickell mitverursacht hatte. Um 1989 herum wurden mehr als 70 Frauen im Rahmen einer Verbrechensserie vergewaltigt, die die Polizei als die „Green Chain“-Vergewaltigungen bezeichnete. Napper passte auf eine Täterbeschreibung, die ein Zeuge geliefert hatte. Doch als die Polizei zu ihm nach Hause kam, bat sie ihn lediglich, freiwillig auf dem Revier Blut- und DNA-Proben abzugeben, anstatt ihn festzunehmen. Als er zum vereinbarten Termin nicht erschien und Beamte erneut zu seiner Wohnung fuhren, war diese leer. Napper war verschwunden. Hätte man ihn damals festgenommen, wäre ihm die Möglichkeit genommen worden, Nickell, Samantha oder Jazmine zu töten.

Napper, von dem Ermittler glauben, er habe jahrelang unter schweren psychischen Erkrankungen gelitten, gestand schließlich den Mord an Nickell. 2008 wurde er verurteilt. Alex und André sagen, ihr Leben drehe sich längst nicht mehr um den Fall. Stattdessen wollen sie Nickell so in Erinnerung behalten, wie sie war.

„Unser Leben war ein Kampf“, schrieben die beiden in einer Pressemitteilung. „Unsere Reise wurde getragen von Gottes Gnade und dem Versprechen, gemeinsam weiterzumachen. Wir fühlen uns unglaublich gesegnet, unsere Geschichte auf diese Weise teilen zu können. Wir hoffen, dass das Publikum ein Zeugnis des harten Kampfes mitnimmt, den das Leben uns allen abverlangt – und der Kraft von Glaube, Hoffnung, Liebe und dem Willen, niemals aufzugeben.“

CT Jones schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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