„Ich musste mir das Schreiben neu beibringen“ – Dillon im Gespräch zu ihrem neuen Album „The Unknown“


von

„The Unknown“ heißt das neue Album von Dominique Dillon de Byington alias Dillon. Es ist ihr mittlerweile zweiter Longplayer, den sie – genau wie das Debütalbum „This Silence Kills“ – beim Berliner Label BPitch Control veröffentlicht. Innere Vorgänge und Monologe, das Erkunden des eigenen Unbewussten, fragile und oft todtraurige Songs getragen von Klavier und Stimme und durch elektronische Gerüste erweitert: Ein wenig abstrakter ist sie lyrisch geworden, musikalisch streckenweise noch reduzierter. Produziert hat sie das Album wieder mit Tamer Fahri Özgenenc und Thies Mynther; der Arbeits- und vor allem der Schreibprozess unterschied sich aber fundamental vom Erstlingswerk: De Byington setzte sich selbst Zeiten, in denen sie konsequent an ihren Liedern arbeitete, eine Regelmäßigkeit und Disziplin, deren Ergebnis nun in Form von „The Unknown“ vorliegt, mit dem sie derzeit auf Tour ist.

Wir trafen Dominique Dillon de Byington vor ihrem ausverkauften Konzert im Berliner Heimathafen Neukölln.

Ich behaupte jetzt einfach mal, dass Du auf deinem neuen Album „The Unknown“ im Vergleich zu deinem ersten Album „This Silence Kills“ deutlich abstrakter geworden bist.

Absolut.

Hatte das Methode. oder geschah das zufällig?

Es war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich habe unbewusst und unfreiwillig aufgehört zu schreiben und musste es mir neu beibringen. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mich zu konzentrieren, zu entscheiden, wie ich schreiben möchte. Alle Lieder, die ich für „This Silence Kills“ geschrieben habe, sind aus mir rausgeplatzt. Ohne, dass ich darüber nachgedacht hatte, wurde ich inspiriert, habe es aufgeschrieben, und damit war es fertig. Ich habe die Aufnahmen danach nicht wieder berührt, nicht mehr angefasst oder bearbeitet. Es war so, wie es war, der Text, der Inhalt, die Musik.

Ist es für Dich erleichternd, ein Album aus der Hand zu geben und zu veröffentlichen, oder tust Du dich schwer damit?

Ich lasse es da nicht schwer angehen, ganz im Gegenteil. Ich bin froh, dass „The Unknown“ draußen ist, und dass ich die Lieder spielen kann. Zehn von zwölf der Songs vom ersten Werk, „This Silence Kills“  hatte ich schon Jahre gespielt, bevor ich sie aufgenommen habe. Jetzt habe ich ein Album produziert, von dem ich noch keinen einzigen Song live gespielt habe. Ich schrieb während der Produktion, in diesen sechs Monaten, in denen wir aufgenommen haben. Dann kam ein wahnsinniger Interviewvorlauf, in dem ich über diese Lieder reden musste, die noch nicht einmal ein eigenes Leben hatten – und jetzt kommt es mir so vor, als würden sie zu atmen beginnen. Nein, es fällt mir überhaupt nicht schwer, die Songs aus der Hand zu geben.

Hast du das Gefühl, du musst deine eigenen Songs überanalysieren?

Nein, weil ich nicht über einzelne Lieder rede. Trotzdem muss ich dauernd darüber nachdenken. Ich will einfach nur spielen.

Du meintest einmal, deine Lieder seien wie Monologe mit dir selbst. Ist diese Intimität live nicht oft schwierig?

Ja, ich brauche Platz um das wiedergeben zu können. Das habe ich auch auf Tour gemerkt: Wir haben in ziemlich unterschiedlichen Locations gespielt, und es fällt mir einfach viel einfacher, wenn das Publikum sich hinsetzt und still ist. Anders als, wenn sie stehen, zusammengequetscht sind, fotografieren und ich dabei ständig geblitzt werde. Da fällt es mir viel schwerer zur Ruhe zu kommen.

Festival-Auftritte sind also nichts für Dich?

Kommt natürlich darauf an. Auf eine Festivalsituation bin ich eingestellt. Da spielt man eben manche Lieder nicht, die wahnsinnig still sind. Die meisten Leute nehmen sich aber auch da Zeit, zuzuhören.

Was ist für dich die optimale Live-Situation?

Ich spiele am liebsten vor sitzenden Publikum, weil ich einfach merke, dass sich auch der Geist entspannt, wenn sich der Körper entspannt, und man einfach bewusster zuhören kann, als wenn man an einer Bar steht. Die angenehmste Situation für mich ist im Theater: Mit Theaterbühnen kann man unglaublich tolle Sachen machen, was Licht angeht.

Du hast beispielsweise auf der Berliner Volksbühne gespielt.

Ja, das war großartig, aber auch im HAU war es toll oder in den Münchener Kammerspielen.

In einem Interview erzähltest Du mal, dass du live deine eigenen Songs als Zuhörer wahrnimmst und in Paris bei dem Stück „Undying Need To Scream“ so mitgenommen warst, dass du zusammengebrochen bist. Ist es emotional intensiver für dich, die neuen Stücke aufzuführen?

Es ist aufregend, weil manchmal bestimmte Sachen passieren, mit denen man im Vorfeld nicht rechnen kann. Dass ich etwas anderes singe, eine neue Melodie oder Harmonie dazukommt. Das ist spannend. Aber die älteren Stücke bewegen mich nicht weniger als die Neuen. Die neuen Stücke sind stiller, noch reduzierter, das ist noch einmal etwas anderes auf der Bühne. Es ist spannend, die neuen Stücke mit den alten zu kombinieren.